02
 
   
genosse architektur
wer heute das ehemalige staatsratsgebäude in berlin-mitte im zuge eines der zahlreichen events und veranstaltungen besucht, wird wahrscheinlich nur staunen können, ob der unglaublichen, gewaltigen architektonischen dimension dieses ehemaligen ddr-repräsentativbaus. hier sollte ein monumentaler palast für die ewigkeit entstehen, so scheint es. die ästhetische überhöhung wurde bis ins unermessliche getrieben, der oberflächenkult bis ins letzte detail durchdacht. noch heute gilt der bau am berliner schlossplatz 1 als einzigartig in der deutschen baukunst. alleine die nackten zahlen sprechen für sich: 17.600 m2 bruttogeschossfläche, bis zu 27,5 m hohe raumhöhen, im weitläufigen foyer ein glasbild auf 180 m2, welches sich über drei etagen zieht. in jedem saal eigens angefertigte, riesige beleuchtungskörper und ein fensteranteil von bis zu 50 prozent. für den betrachter zeigt auch die innenraumgestaltung des gebäudes viele interessante aspekte. hochwertige holzvertäfelungen, überall klare, geometrische formen und starke, kontrastreiche decken- und bodenflächen. schlicht gestaltet sich das retro-design vieler sesselgruppen und couchtische, welches heute wieder in etlichen modernistischen möbelkollektionen ihren niederschlag findet.
das gebäude dokumentiert auf beeindruckende weise, wie die ddr mediale offenheit und transparenz suggerierte, jedoch für die breite öffentlichkeit unzugänglich war. 25 jahre lang wurden hier empfänge, festakte und fernsehaufzeichnungen des staatlich kontrollierten ddr-fernsehens abhalten. aber der bevölkerung blieb der eintritt in das staatsratsgebäude verwehrt. selbst den architekten wurde es nicht gestattet, ihr eigenes werk zu besichtigen. es gilt deshalb als ironie der geschichte, dass in dieser ehemaligen „bonzen-burg“ heute fröhliche feste gefeiert werden und sich die menschen in den ehemaligen tagungs- und festssälen neben malereien der deutschen arbeiterbewegung bestens vergnügen.
fotos von kristyan geyr
pool journal