10
 
   
puppet show
stumm stehen sie da, und doch sprechen sie uns ständig an. tag und nacht, immer, das ganze jahr über. ihre gesichtszüge und blicke verändern sich nie, egal ob die sonne scheint oder ein trüber regnerischer tag vorüber zieht. sie begegnen uns überall, auf der ganzen welt, in jeder stadt, in den meisten straßen. ihre blicke treffen uns mit sicherheit, manchmal stärker, manchmal weniger, aber das nur, wenn wir es besonders eilig haben. sie bitten nicht aufdringlich um aufmerksamkeit, dennoch kommunizieren sie botschaften, haben eine besondere ausstrahlung. manche von uns sagen, sie verkörpern die „neuesten trends“, manche sind sogar ein bisschen neidisch auf sie. immerhin tragen sie ja immer die top-aktuellste kleidung, die neuesten schuhmodelle, die coolsten sonnenbrillen und modischsten taschen. auch lassen sich an ihnen die jahreszeiten gewissermaßen ablesen: leichte kleidung an ihnen verrät, dass es bald wieder frühjahr und sommer wird. im august, wenn draußen auf den straßen oft noch heiße temperaturen und badewetter herrschen, sind sie schon in kuschelige, stylishe pullover und jacken gehüllt. das verwirrt und überrascht uns zwar ein bisschen, macht uns aber eigentlich nichts aus. der rhythmus ihrer modischen metamorphosen ist jedenfalls immer derselbe. ihr look und style verwandelt sich dann über nacht. manche von ihnen verschwinden plötzlich, werden durch andere ersetzt. aus dem pärchen ist dann beispielsweise eine größere gruppe geworden, und wo gestern noch die tapete, das poster war, steht heute ein würfel oder eine skulptur mit markenlogo. die dekoration ist abgestimmt auf ihr styling und auf die jahreszeit. auch große ereignisse wie weihnachten oder lokale veranstaltungen nehmen sie wahr.
ihr haarschnitt ist unserem eigentlich nicht unähnlich, auch der bartwuchs oder das tatoo auf ihren körpern sieht unserem ziemlich ähnlich ... eigentlich sehr sogar. das einzige, das uns trennt ist die glasscheibe zwischen ihnen und uns, zwischen drinnen und draußen. sie drinnen, wir draußen. hell erleuchtet stehen, sitzen oder liegen sie dann da im schaufenster. manche machen sogar einen handstand - und das ein paar tage hindurch. obwohl sie nie in die lebendige welt nach draußen kommen konnten, gehören sie dazu, gehören zu uns, zur stadt. nie hat nur einer von ihnen je ein wort gesprochen, dennoch verstehen wir sie alle sehr gut. ein zusammenleben ohne worte ...
text: helmut wolf
photos: christof wagner
pool journal