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freiheit selbst gestalten
stefan sagmeister ist erfinder und designer gleichzeitig. seine bevorzugten gestaltungsobjekte bilden labeldesigns, cd-covers, plakate und inlaycards. wobei das nur den kern seines riesigen kreativen fundus darstellt. eigentlich richten sich seine arbeiten ganz bewusst gegen sterile computergenerierte-ästhetik und oberflächliche effekte. handwerkliche qualität und die individuellen lösungen stehen bei sagmeister stets im vordergrund. zufallsprodukte aus diversen grafikprogrammen lehnt er strikt ab.
genau vor 10 jahren hat stefan sagmeister, 40, nun das grafikbüro sagmeister inc. in new york gegründet. während dieser zeit konnte der gebürtige vorarlberger viele grammies für grafik-designs und packagings für sich verbuchen. auf seiner kundenliste stehen namen wie riuchi sakamoto, lou reed, aerosmith, david byrne, pat metheny oder die rolling stones. und trotz dieser kommerziellen erfolge ist sagmeister bei all seinen tätigkeiten immer sich selbst treu geblieben, konsequent seinen weg gegangen, fast schon kompromisslos. oft hat er grenzpositionen eingenommen und das ambivalente verhältnis seines gewerbes zu konsum und gesellschaft ironisch-kritisch kommentiert. dabei hat sagmeister sich selbst auch nicht ausgenommen: „menschen einzureden dinge zu kaufen, die sie nicht brauchen, mit geld, das sie nicht haben, um menschen zu beeindrucken, denen eigentlich alles egal ist, mag heutzutage vielleicht das schäbigste betätigungsfeld sein.“ der schmale grad zwischen der eigenen freiheit und den gesetzen des marktes spiegelt sich oft in der ästhetik seiner arbeit wieder. durch die mehrdimensionalen ebenen der gestalteten produkte - durch verschiebung, durchlöcherung oder überschreibung vom betrachter veränderbar - verwandeln sich die nur scheinbaren massenprodukte in unverkennbare einzelkunstwerke. die lust am experiment war in all seinen arbeiten deutlich spürbar. nicht nur produkte auch der eigene körper wurde dabei mit einbezogen. so hat sagmeister beispielsweise für das konferenzplakat des „american institute of graphic arts“ (aiag) 1999 den werbetext in seinen eigenen körper ritzen lassen. zu dem buch „whereishere“ fand sich der titel ebenfalls in den rücken geritzt. außerdem mit dabei: ein close-up-foto seiner hoden (deutlich erkennbar - siehe vorherige seite). die ständige suche nach kritischer neuformulierung und verwandlung konventioneller strukturen hat in all seinen arbeiten immer eine besondere und sehr persönliche ausdrucksweise erfahren.

lieber stefan, bist du als grafik-designer auch so eine art
missionar?

also missionar bin ich sicher keiner. ich glaube auch nicht, dass ich irgendwie gescheiter bin als andere, so dass ich missionieren könnte.

reflektierst du aktuelle strömungen und gesellschaftliche stimmungen, oder ist man als designer immer darauf bedacht spekulativ aufzufallen? vielleicht genau das gegenteil zu tun, was derzeit als trend gilt?
wir sind ein grafikbüro, und in diesem zusammenhang versuche ich für kunden zu arbeiten, mit denen ich etwas anfangen kann, deren produkte und musik mir nahe liegen. dabei sind auch arbeiten, die im sozialen bereich liegen und die mir selbst am herzen liegen. ich möchte das aber trotzdem nicht als missionarisch umschreiben. es handelt sich vielmehr um gruppen oder themen, die interessant und notwendig sind, und die wir unterstützen wollen. dafür erarbeiten wir grafische konzepte. das ist auch im musikbereich so. auch hier versuchen wir eben musik zu verpacken, die uns selber gefällt. denn es würde nichts helfen, wenn wir ein wunderschönes cover gestalten, die musik darin jedoch beschissen ist. das hat dann trotzdem keinen wert. es ist natürlich einfacher für jene musik etwas zu gestalten, die einem selber gefällt als für musik, die einem nicht gefällt. auf der anderen seite ist es auch schlechtes advertising, ein gutes cover für eine schlechte sache zu machen. und dann gibt es auch noch den eigennützigen aspekt, dinge zu tun, die auch meinen freunden gefallen. ich würde schon allein aus diesem grund, keine arbeiten für britney spears machen.

der ansatz ist sozusagen ein durchaus ehrlicher: du machst also produkte, die dir und deinem team echte freude bereiten, diese freiheit hast du ...
diese freiheit haben wir uns im prinzip selbst gestaltet, dadurch dass wir nie gewachsen sind. wir sind im grunde winzig. da gibt es mathias, den designer, und da gibt es alle drei monate einen praktikanten, und dann bin da ich. dadurch haben wir relativ geringe kosten, und können uns dadurch auch aussuchen, für wen wir arbeiten. wenn wir angewachsen wären, wie das sozusagen natürlich gewesen wäre, würde das so nicht funktionieren. andere grafikstudios, die zum gleichen zeitraum wie wir begonnen haben, sind ja mittlerweile auf 20, 30 personen angewachsen und haben sicherlich weniger freiheit.

es war dir also immer wichtig, diese freiheit zu behalten?
ja, absolut. gleichzeitig war es mir wichtig, auch immer selbst grafisch zu arbeiten. denn wenn du einmal als leiter einer abteilung tätig bist, fallen so viele andere administrative aufgaben an, dass es sehr schwer wird, sich auf die kerntätigkeit zu konzentrieren. das habe ich so vor new york bei meinem aufenthalt in hongkong erlebt.

das spektrum deiner kunden und tätigkeit ist ja enorm breit und vielfältig. da gibt es arbeiten für h. p. zinker, riuchi sakamoto, lou reed, david byrne, pat metheny oder auch die rolling stones. spricht das auch für deine vielfältigkeit in deinem leben?
das hat sich natürlich im laufe der jahre sehr geändert. als ich so 16, 17 jahre alt war, habe ich immer nur eine musikrichtung gehört und alles andere als absoluten scheiß
empfunden. wenn du mir in meiner jazz-phase erzählt hättest, dass ich zwanzig jahre später auf ein ac/dc-konzert gehen würde, dann hätte ich das nur schwer geglaubt. heute wechselt es sich sehr ab. auch hier bei uns im studio läuft sehr viel verschiedenes ab. von elektronic bis zu world-music und country bis western. das ist einfach mit dem alter anders geworden.

zu deiner personifizierung: du bringst ja in deinen arbeiten sehr viel dich selbst als person und deinen körper ein. beispielsweise das plakat zu deinem vortrag am „american institute of graphic art“, wo du dir die einladung in den körper geritzt hast. ist der mensch heutzutage als thema, in zeiten kühler und unpersönlicher medien wie internet, e-mail oder handy, wichtiger geworden?
ich würde es nicht so grundsätzlich sehen. auf das design bezogen war es ja bis in die achtziger und neunziger jahre so, dass jeder grafiker versucht hat, sich möglichst heraus zu halten. es wurden die dinge, die jobs von einem modernistischen standpunkt aus gesehen. das produkt ist der könig, die idee gibt die form und es gibt im prinzip eine objektiv beste lösung, dabei hielt man sich selber so gut wie möglich heraus. dieser anspruch und ansatz des „problemlösungs-designs“ hat für eine lange zeit gut funktioniert. über die jahre hinweg hat das aber zu immer gleichen und langweiligen arbeiten geführt, die vordergründig den anspruch erfüllt haben, aber eigentlich niemanden interessierten. von dem her glaube ich, dass es sehr relavant ist, dass man als grafiker subjektive meinung mit einbringt. alles was wir machen dreht sich ja um das sprechen und die kommunikation. wenn ich dich frage, wo es das beste essen in einer stadt gibt, möchte ich ja deine meinung hören und nicht dass du mir vorliest, welches lokal diese oder jene zeitung empfiehlt. und zum persönlichen: also da bringe ich mich nur dann ein, wenn es auch wirklich um mich geht wie ausstellungsposter, ankündigungen usw. persönlich zu werden hat ja auch einen zweck. ansonsten glaube ich, dass wir unseren spin in die arbeiten hineinbringen, die meisten unserer kunden wollen das ja explizit. wenn sie etwas objektiv reines suchen, gibt es ja tausende modernistische studios, die das auch machen könnten.

das heißt, diese persönliche note von euch ist durchaus gefragt?
sicher. solange wir produkte unterstützen, an die wir glauben können, ist das ja auch moralisch total o.k, unsere meinung miteinzubringen.

was hältst du denn von der populären formel: „weniger ist mehr“?
das ist dieser blöde retro-modernismus, der aus england ausgegangen ist und der ein stil wie alle anderen ist. eben genau so leer oder voll wie alle anderen stilrichtungen.

in der mode heißt es ja derzeit auch „back to the roots“, retro, vintage, sixties ...
also wenn ich mir da die design-szene anschaue, dann hat das eher etwas mit faulheit zu tun. denn einen stil zu verwenden, der schon da war, ist das einfachste. da braucht man nicht viel nachzudenken. der inhalt fehlt mir da.

was macht ihr jetzt gerade?
bei uns laufen immer ein paar projekte gleichzeitig. wir haben heuer gedrittelt. ein drittel musiksachen, ein drittel sozialsachen und ein drittel corporate-design für firmen.

stichwort - globales stil-empfinden: viele leute sagen ja, egal ob du heute in new york, london, berlin oder irgendwo anders in der westlichen welt unterwegs bist, überall tragen die leute dieselbe kleidung, hören dieselbe musik, sehen die geschäfte gleich aus usw. die totale uniformierung, totale langeweile, keine individualität mehr. wie siehst du diese entwicklung bzw. gibt es für stile, gedanken, ideen außerhalb der norm eine chance in der zukunft?
ich glaube, da wird sich vieles wieder zurück entwickeln. wir werden wieder viel mehr gestärkten individualismus in diversen kulturen sehen. die anfänge davon zeichnen sich im hotelmarkt ab, wo der trend im letzten jahrzehnt weg vom kettenhotel und hin zum lokalen boutiquehotel gegangen ist. dies spielt sich derzeit noch am oberen ende des marktes ab, weil die reichen halt schon am längsten und am weitesten reisen. das wird aber flott allgemeine wirkung zeigen.
helmut wolf
pool journal