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sound of soul
wien, otto-wagner-pavillon, irgendwann im jahr 2002: vor dem traditionellen wiener kaffeehaus bildet sich abends eine schlange von menschen, die alle gekommen sind, um ihre dosis soulmusik abzubekommen.
im club füllt sich der floor mit tanzenden, der dj kündigt den nächsten tune mit dem mikrophon an. das publikum am floor applaudiert, der dj weiß jetzt, dass die 500 euro, die er in die schallplatte investiert hat, richtig angelegt hat. das publikum hier ist eine unikate mischung aus 60ies-stylisten, soulburnern, enthusiastischen tänzern, „unkommerziellen“ clubgehern, die ansonsten nur jazz/house clubs besuchen. der altersdurchschnitt liegt bei 25–45 jahren. der gemeinsame nenner: alle haben „soul“.
einzigartig ist hier der qualitätsanspruch an die musik und das format der gespielten schallplatten. Es werden ausschließlich originale gespielt, zumeist obskure „7-inches“, erschienen auf unbekannten us-kleinstlabels. fast keine dieser releases schaffte je den kommerziellen durchbruch, und die meisten gerieten sehr bald nach ihrem erscheinen in vergessenheit. erst viel später gruben djs auf der suche nach neuen „floor-fillern“ für die soulhungrige „allnighter-crowd“ diese stücke aus, die seit jahren in kellern oder ganz versteckt in us-warehouses lagerten. wie viele solcher juwelen noch immer auf ihre entdeckung/ wiederbelebung warten, ist ungewiss. oft werden auch die artists selbst kontaktiert und nach tracks gefragt, von denen sie oft selber nicht mehr wissen, sie je aufgenommen zu haben. diese leute sind dann natürlich sehr überrascht zu hören, dass zu ihrer alten platte aus dem jahr 1969 hunderte menschen in einem soulclub den floor stürmen. diese schallplatten sind natürlich nicht gerade leicht zu bekommen. „northern soul“ ist deshalb auch die clubmusik, bei der die höchsten preise für bestimmte schallplatten erzielt werden. der bisherige top-preis betrug 15.000 englische pfund für eine einzige 7“. knapp gefolgt vom wesentlich jüngeren interesse für rare funk 45s (deep funk), wobei soul eine wesentlich längere history hat und dadurch auch der kreis an interessierten größer ist.
um soul daheim hören zu können, muss man kein collector von rarities sein. es gibt eine unzahl an cd- oder vinyl-compilations, auf denen exklusivste ware zum normalpreis erhältlich ist. weiters gibt es auch viele günstige reissue- (nachpressungs) 7-inches, die ideal als einstieg in die „strange world of rare soul“ geeignet sind. obwohl ein großer teil des souligen spektrums in den 60ies erschienen ist, gibt es bis heute releases, die den qualitätsanspruch erfüllen (modern soul/nu-soul). der begriff „modern soul“ wurde in den 70ies für damals neue releases, die in der soulscene gespielt wurden, eingeführt. daher fallen unter diese rubrik auch 70er-soulstücke, obwohl diese bereits bis zu 30 jahre alt sind. es gibt selbst heute noch eine unzahl an indiesoul-releases, und es ist noch immer sehr schwer, an diese heranzukommen, da diese kleinen labels zumeist keine europäische vertriebsstruktur haben und somit auf mühsamstem weg importiert werden müssen.
soulmusik kommt zumeist aus den usa. die wurzeln reichen bis zum blues & gospel der dunklen zeit der baumwollfelder zurück. laut einer theorie entstand in südamerika der perkussivere latin-sound, weil es den sklaven dort verboten war zu singen, und sie stattdessen trommelten. in nordamerika entstand der soul, weil sie dort sangen. als in den 60ies eine schwarze musikindustrie entstanden war, gab es einen immensen output an schallplatten. zumeist 7“ singles, die jedoch von den von weißen dominierten radiostationen ignoriert wurden. der in amerika herrschende rassismus war sicher einer der gründe für die intensität dieser musik. für die meisten schwarzen artists war es ein privileg, eine schallplatte zu machen, das musikbusiness war damals alles andere als gerecht. die produktionen waren zumeist sehr aufwendig, ganze orchester im studio waren keine seltenheit. oft fehlte natürlich ausreichendes equipment, nicht jedes studio konnte mit dem standard von motown mithalten, so kann man bei bestimmten produktionen beispielsweise den verkehrslärm der straße hören.
viele soulstücke werden konstant gesampelt und finden sich in hiphop, nu-jazz oder house-produktionen wieder. es gibt einen markt für exklusive samplingfähige stücke. die wurzeln des rare soul als clubmusik liegen eindeutig in england, wo bereits in den 60ies soulclubs entstanden sind. djs legten darauf wert, unkommerzielle, obskure stücke zu spielen, die nicht im radio zu hören waren, die sache war damals noch sehr mod-related. in den 70ern entwickelte sich daraus im norden eine große community, die anzüge und „ben shermans“ wurden ersetzt durch bequeme casualwear, dazu geeignet eine nacht durchzutanzen. clubs wie das „torch“, das „wigan casino“ oder das „blackpool mecca“ zogen wöchentlich tausende soulfans an. tänzer überboten sich mit akrobatischen tanzeinlagen. snobistische djs legten immer rarere 7-inch-discoveries auf, deren labels sie teilweise abklebten und anders beschrifteten, damit niemand den wahren titel oder interpreten des „heißen“ tunes erfahren konnte („cover up“). man sparte nicht an amphetaminen, um das wochenende durchtanzen zu können. und die schwarze faust wurde zum plakativen symbol der northern soul-kultur. alles in allem eigentlich der prototyp der späteren rave-kultur....
der heute durch seine ausgezeichneten deep soul-compilations bekannte black-music-journalist dave godin war begeistert von dem movement und schrieb darüber regelmäßig in seiner kolumne im „blues & soul magazin“. er erfand schließlich den begriff „northern soul“, da zu der zeit in london’s clubs zumeist nur top 10 chart-soul oder flower power-sound am menü stand... die northern-soul-szene in grossbritannien ist auch heute noch sehr stark. zumeist kommen jene leute zu den „allnightern“, die bereits in den 70ies in den clubs waren. weiters vermelden magazine wie das the face so ungefähr alle zwei jahre wie hip northern-soul gerade wieder einmal ist. in england finden jährliche weekender wie „cleethorpes“ oder „togetherness“ statt, zu denen 1.000 oder mehr leute anreisen. dort treten meist auch soulartists aus den usa live auf. soulclubs in london sind der „100 club“, der „capitol soul club“ und viele mehr. auch in kontinentaleuropa gibt es in vielen ländern eine „rare soul scene“, wie beispielsweise in italien, spanien, deutschland.
jr. ist dj, northern-soul-spezialist und eigentümer vom soulmusic-shop „recordshack
helmut wolf
pool journal