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wer brennt fürs brennen?
na klar habe ich musik von vinyl auf mc’s kopiert. noch lustiger war wohl das herstellen eigener tapes mit genau jenen songs, die mir gerade am coolsten erschienen, manchmal sogar im dj-mix. legal – illegal – scheissegal, lautete die devise. und diese wurde wohl nicht nur beim analogen kopieren von musik durchgezogen...
was damals bereits für heftige beschwerden der musikindustrie sorgte1, bewegt 20 bis 25 jahre später wiederum, diesmal allerdings eine sehr viel breitere öffentlichkeit. und kopiert wird heute schliesslich mit digitaler technik, also qualitativ um vieles hochwertiger, im großen stil, also quantitativ um potenzen messbarer. kopiert wird mit technologien, die den komfort ermöglichen für das erwünschte resultat nicht einmal jene kostbare zeit zu benötigen, die zum anhören notwendig ist.
dramatische umsatz- und gewinneinbussen der tonträgerindustrie sind die folge und auch sattsam kommuniziert worden. nur zur erinnerung: in deutschland gab es in den jahren 2000 bis 2002 ein minus von circa 10% bei den tonträgerverkäufen – pro jahr wohlgemerkt. das ergibt saubere minus 30% während dieses trienniums.
das unautorisierte downloaden von musiktiteln erfreut sich ungebrochener beliebtheit, die peer 2 peer tauschbörsen sind scheinbar trotz grösster anstrengungen nicht kleinzukriegen und die fast schon in jedem haushalt vorhandenen cd-brenner erlauben gar das kopieren ganzer alben in – aktueller stand – nur 2 ½ minuten (52-fache geschwindigkeit). ein etwaiges unrechtsbewusstsein hinsichtlich der getätigten verletzung fremden urheberrechtes steuert gegen null zu. tatsächlich ist ja auch das ziehen einer kopie für den privaten gebrauch (etwa die zweitkopie fürs auto) immer schon legal gewesen. darüberhinaus aber nicht.
ziemlich sicher hat die bereitschaft sich über gesellschaftliche normen hinwegzusetzen – und sei es um den preis der illegalität – seit den siebziger jahren massiv zugenommen. ‚individualismus’ heisst zu beginn des dritten milleniums die am weitesten verbreitete religion in den industriestaaten. warum sich in solchen gesellschaften dennoch meist satte mehrheiten für rechtskonservative regierungen finden, die persönlichkeitsrechte eher einschränken als ausweiten wollen, erscheint paradox. aber das ist eine andere geschichte ... die motivation eigentumsrechte einzuschränken, wird wohl eher begrenzt sein. und um ein solches handelt es sich beim copyright – im prinzip das eigentumsrecht einer person an einer durch kreativität geschaffenen sache. da stimmt ja wohl ohnedies fast jeder zu: das resultat meiner kreativität soll auch tatsächlich mir gehören, vielleicht sogar mein leben finanzieren. bloss benötige ich vermittler, um meine kreativität in form von musik millionen von anderen individuen näher zu bringen, diese menschen zu bewegen meine musik zu kaufen und den fluss dieser finanziellen mittel in meine richtung zu kanalisieren. all diese vermittler schneiden sich ein stück von meinem kuchen ab. und wenn die record company/das label, der distributor, die chainstores (was anderes gibt es ja kaum mehr), der verleger, die promotion agency, die bewerbenden medien und das presswerk (um nur die wichtigsten zu nennen) alle ihren teil gehabt haben, dann bleibt mir meist nicht mehr als ein taschengeld übrig – es sei denn, ich habe das unfassbare glück einen tophit plaziert zu haben. vielleicht will ich diesen tophit aber auch gar nicht, weil ich als individuellreligiöser lieber mein ding durchziehen und auf eine von vornherein begrenzte zahl gleichgesinnter hoffe?
es hat sich herumgesprochen, wieviele artists bei ihren record companies miese verträge haben, wieviele von ihnen nach einem etwaigen vorschuss nie wieder einen cent gesehen haben. es ist klar geworden, dass von den 15 bis 20 euros, die eine cd kostet meist nicht einmal 10% davon beim artist landen, vor steuern natürlich. wunderbar, wir haben unsere ethisch korrekte rechfertigung fürs kopieren und downloaden. die musikindustrie ist das übel! die robbies, britneys, eminems und madonnas brauchen unsere kohle auch nicht mehr wirklich – also ran an die kiste! die nehmen uns ja alle nur mit erhöhten preisen und miesem, weil einförmigem angebot aus! und das hört sich dann aus kritischem mund in etwa so an: hollywood und co. sollen lernen „die neuen technischen realitäten zu akzeptieren und ihre produkte so anzubieten, wie die kunden sie haben wollen“ (andrew grove, vorsitzender des chip-herstellers intel, usa). „auch wenn das geringere einkünfte zur folge hat ... bislang ist noch kein sony-mitarbeiter an unterernährung gestorben“ (chris haderer, evolver, österreich).
herrn andy grove wage ich bezüglich der motivation zu seiner aussage heftig zu hinterfragen, scheinbar ist ihm sein erfolg in der globalen corporate-economy in einem ausmass zu kopf gestiegen, dass es ihn zu solch patzigen aussagen in richtung anderer marktteilnehmer verleitet. lieber chris haderer, dir sei verziehen. es ist nicht wirklich leicht einen klaren kopf zu bewahren, wenn das „sich-über-gesellschaftliche-normen-hinwegsetzen“ zur neuen gesellschaftlichen norm geworden ist.
wenn wir von den bereits seit langer zeit völlig unnötigen corporate-economy-tonträgerprodukten sprechen, dann stimmt jedes wort im letzten absatz. vielleicht mit der einschränkung, dass es auch bei firmen wie sony in letzter zeit genügend leute gab, die ihren job verloren haben. und dass es abgesehen von den robbies, britneys, eminems, madonnas und deren klonen noch zigtausende real music artists gibt, die vielleicht aus einem bedürfnis nach sicherheit und scheu vor eigenem risiko verträge bei corporate economy-firmen unterschrieben haben und mit peanuts abgefertigt wurden. manche sind eben erst nachher g’scheiter. aber miese verträge bleiben miese verträge und unrecht muss manchmal auch klar als solches bezeichnet werden. „patscherte“ verträge blauäugiger artists in erwartung des erhofften star-ruhms sind noch lange kein grund generell das eigentumsrecht an der selbst komponierten/produzierten/interpretierten musik in frage zu stellen.
wer copyright, im prinzip ureigenstes recht der artists, verletzt, schadet nicht nur der plattenfirma sondern auch den künstlern. in neun von zehn fällen sind diese leider nicht
„stinking rich“. wie nennt man das am gefürchteten stammtisch? das kind mit dem bade ausschütten oder so...
ich möchte ein paar tatsachen klar verbalisieren. es gibt exakt fünf global major companies in der musikindustrie und einige -zig „new school majors“, wie ich sie gerne nenne: beggar’s banquet, edel, rykodisc, zomba - eigentlich bereits von bmg übernommen - sowie pias & co. diese ticken mehr oder weniger alle ähnlich. jede kritik an deren umgang mit dem kulturgut audio/visuals ist - auch generalisierend - zulässig und willkommen. daneben gibt es aber zigtausende kleine independent labels, oftmals vom artist selbst ins leben gerufen, in einem zu respektierenden entschluss nun selbst alle ökonomischen risiken zu tragen, oft ohne angestellte. alles wird selbst gemacht, dafür gibt’s unabhängigkeit. unterstützenswert oder nicht? ich hoffe die antwort ist klar. diesen leuten will man wirklich ihre urheberrechte nicht zugestehen? diesen leuten will man wirklich klarmachen, sie mögen doch lieber zum lebensunterhalt in einem club bier ausschenken (bringt total dollen direktkontakt zum musik-konsumenten - ätz!), damit sie sich dann ihr hobby „musik-zum-gratisdownload-für-andere-produzieren“ so richtig relaxt leisten können? mir kommt das eben verspeiste hoch.
die generalisierung in dieser öffentlich geführten diskussion ist unerträglich. warum schaffen es die ich-dachte-so-aufgeklärten kulturellen eliten nicht in diese diskussion mit differenzierten meinungen zu gehen? generalisierte feindbilder sind einfältige feindbilder. punkt. ob ein in den tonträger eingebauter kopierschutz der richtige weg ist, bleibt fraglich. das ziel copyrights zu schützen sollte aber ausser frage stehen. nicht autorisiertes kopieren von geistigem eigentum ist nicht cool. wenn es dir selbst widerfährt, schreist du ganz sicher laut „haltet den dieb!“. das gefühl als konsument für blöd verkauft zu werden ist mehr als nur verständlich, aber man überlege sich was besseres um der corporate-economy auf die „zechen“ zu steigen. der weg zählt.
alexander hirschenhauser ist geschäftsführer von black market retail, einem lokalen wiener recordshop sowie soul seduction distribution, einem national und international tätigem tonträgervertrieb
alexander hirschenhauser
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