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in der tricky velvet-lounge
zusammen mit den französischen entwürfen in richtung serge gainsbourg, den lateinamerikanischen 1001 rhythmen und der herzschmerzenden tanzleidenschaft von jazz und funk hat sich das 1988 in bologna gegründete label irma rec. einen protagonisten-status erarbeitet, der im gegensatz zur handelsüblichen „chill out“- und „lounge musik“-meterware steht.
in der region romagna fängt das „echte“ italien an. das dort kultivierte lebensgefühl schlägt sich auch in der musik nieder. easy listening und die europäische ausprägung von disco-musik sind nirgends so tief verwurzelt wie hier. loungemusik wird seit jeher gespielt.
zu besuch bei umbi damiani, dem a&r-manager von irma: im wohnzimmer ist eine wand komplett mit vinyls vollgepflastert, dieselbe menge cds steht herum. je ausgefallener die fragen „hast du…?“ und „kennst du…?“, desto besser. er kann beinahe blind in sein archiv greifen und fördert das original-vinyl und vielleicht auch noch die dazugehörige 12“ zutage. der in bologna geborene damiani lässt sich davon nicht beeindrucken sondern unterhält sich lieber über fußball. als „vero bolognese“ sind seine lieblingsfarben blau-rot. zusammen mit seiner frau melania hat er einen kleinen sohn namens diego. nein, dessen zweiter name ist nicht armando. „ich bin mit ungefähr 12 jahren ein musik-„addict“ geworden und habe in ein paar lokalen bands so ziemlich jedes instrument ausprobiert. in der 80-ern habe ich viele dj-sets gemacht, ich war auch auf der kunsthochschule in bologna. diese impulse haben mir eine gute basis für meine grafischen arbeiten bei irma verschafft.“
irma rec. wurde 1988 von umbi damiani und massimo benini gegründet und ist das einzige noch immer unabhängige dance-label italiens. der originale name, „irma casadiprimordine“, kommt daher, dass sich an dem ersten standort des labels in den 50-er jahren eines der berühmtesten bordelle von bologna befand. „der name der besitzerin war irma mandibola. „casadiprimordine“ war so eine art trademark und bedeutet „haus erster klasse“. daraus wurde irma rec. und aus „mandibola“ wurde unser hiphop-sublabel.“ weil die italienische lebensart in form von aktueller und bis in die 60-er jahre hineinreichender lounge-musik einen gewichtigen teil in der musikalischen auswahl ausmachte, wurde shirley maclaines verkörperung der „irma la douce“ in dem billy-wilder-film als label-logo gewählt. das gesicht der irma ist also ein doppeltes.
„uns beeinflussen die musikalischen trends, die aus vielen teilen der welt kommen, aber sie reflektieren nicht notwendigerweise auf die veröffentlichungspolitik. ich denke, es sollte wieder mehr live passieren! es wäre an der zeit für ein comeback der komponisten, für leute, die etwas zu sagen haben. die musikwelt ist schon voll genug mit soundbasteleien, die ihre melodien und rhythmen von anderen platten geklaut haben.“
mit der gründung von irma rec. verband das label wichtige strömungen miteinander: cesare collina a.k.a. tito valdez hatte ein aufnahmenstudio in cervia. der musiker checco montefiori (eine hälfte von montefiori cocktail) spielte live house- und loungemusik im renommierten „ethos mama club“ in gabicce. claudio rispoli a.k.a. moz-art, der kopf der band „jestofunk“, war einer der wichtigsten djs der 70-er und 80-er jahre, und luca trevisi (ltj) war resident-dj in der disco „kinky“ in bologna.
„unsere erste platte unter dem namen kekkotronics and ltj war „first job“ und kam im november 1988 heraus. der stil der single war eine art mischung aus house-musik und dem, was man in der folge breakbeat nannte. was uns alle musikalisch verband, waren jazz, soul, funk und die neue, mit maschinen hergestellte musik.“ später wurden sie ebenfalls als produzenten aktiv. als 1990 die nummer „found love“ von double dee in den internationalen charts pole-position-erfolge feierte, war klar, dass irma massenkompatibel sein konnte. mittlerweile werden jährlich circa 30 titel herausgebracht.
um die stilvielfalt bewältigen zu können, wurden sublabels wie cuadra, molto jazz, ladouce und unlimited gegründet. man hält an den wurzeln der tanzkapellen der riviera fest und überführt diese musik in neue elektronische formate. das label füllt ein spektrum aus, das cocktail- und loungemusik mit italienischen easy-listening-ingredienzien zwischen bar-jazz und abstrakten funk-entwürfen zusammenbringt. sexy und glamourös, immer ein wenig verschroben und beizeiten trashig kommen die releases von irma daher. auf den immer wieder stattfindenden irma-parties sind die helden der gehobenen unterhaltungsmusik montefiori cocktail oder sam paglia ebenso gern gesehene gäste wie die sleazy sets von dj ninfa oder die hiphop-gigs von dj sensei.
italien war noch schwer auf der disco-welle unterwegs, als damiani anfing, sich um die zusammenführung von jazz und tanzmusik zu kümmern. housemusik war da noch ein phänomen des chicagoer warehouses, und die leute rund um damiani waren so ziemlich die ersten in italien, die bereits mitte der 80er-jahre house-mix-12“s importierten. so gut wie alle djs auf ibiza hatten die eine oder andere irma-scheibe im plattenkoffer und machten das label zur hauptdestination zwischen der sonneninsel und dem verregneten london.
„in bologna laufen alle fäden zusammen, hier wird alles entschieden. ich arbeite als künstlerischer leiter für die musik und die plattencovers. massimo benini ist der marketing manager, cesare cera ist für den internationalen vertrieb zuständig, und pierfrancesco pagoda ist für die pressebetreuung und die koordination der live-veranstaltungen tätig. wir haben außerdem vertretungen in london und new york. von new york aus wird der japanische markt betreut, der unser größter ausländischer abnehmer ist.“
die veröffentlichungssituation schätzt damini als schlecht ein. „das problem einer ökonomischen weltkrise ist in unserem sektor spürbarer als in anderen, weil wir es mit „überflüssigen“ produkten zu tun haben, die man heutzutage durch downloads aus dem internet und durch cd-brennen gratis bekommen kann.“ irma ist ein mittelgroßes label, das zwar mit über 40 distributionsorten vernetzt ist, das aber dem konkurrenzdruck der majors nur bedingt stand halten kann. laut damiani hat sich die situation insofern verschlechtert, weil die majors auf die von irma gefeaturete musik aufmerksam wurden und sahen, dass sie mit am fließband produzierten, gesichts- und konturlosen doppel-cd-releases im glamourschuber zum völlig überteuerten preis, die kassen klingen lassen konnten. „in der politisch-ökonomischen und in der welt der musik gibt es zu viele menschen, die durch ignoranz und arroganz zu weit gekommen sind. wir sind von einigen negativen situationen umgeben. ich verbiete verwandten und freunden beispielsweise, meinem sohn spielzeug zu schenken, das etwas mit waffen zu tun hat ...“
bei irma rec. reduzierte man sich pragmatischerweise auf einige wenige bands wie jestofunk, belladonna, ltj xperience, pasta boys sowie bossa nostra und baut rund um sie die veröffentlichungsstrukturen aus. daneben gibt es pläne, alternative sidelabels zu etablieren, die in den mid-price-segmenten anzusiedeln sein werden. wenn man sich etwa die extrem aufwendige verarbeitung für die compilation „irma on canvas“ vom letzten jahr ansieht, wird klar, wie weit irma rec. vom mittlerweile gedissten weil durchschnittlichen lounge- und „easy“-sound entfernt ist. derartiges ist nicht durch einen klick auf die taste „cd burn now“ zu ersetzen. zusammen mit den prägnanten cover-artworks von umbi damiani ist das bolognesische label eines mit einem einprägsamen „gesicht“, das sich in dem der irma la douce als die filmische version der irma mandibola wiederfindet.
im deutschsprachigen raum wird irma rec. über soul seduction, disques office, mdm und pp sales force vertrieben.
heinrich deisl
pool journal