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häufig gestellte fragen
was würdest du sofort ändern, wenn du es könntest?
„ein bisschen frieden, ein bisschen freude auf dieser erde, auf der wir wohnen...“ [nicole]
dein ziel, dein „roter faden“, dein leitsatz im leben?
„you cannot have the rainbow without putting up with the rain“ [dolly parton]
dein alter: 29
deine lieblingsmusik: cannot specify 
dein lieblingsort:
zu hause, wo immer das auch ist
dein lieblingsbuch:
„brave new world“ von aldous huxley
dein lieblingskünstler:
bruce lee
rentiere jagen und so ...
wieso trifft genau dieser oder jener mode-stil unser empfinden? wer steht hinter dieser emotionalen sprache der bekleidung? jacqueline häberle, trend-designerin bei der sportswear-marke puma, ist eine jener personen, die unser stilempfinden bewusst oder unbewusst mitprägen. im nachfolgenden gespräch plaudern wir über die bedeutung von bekleidung, jacquelines wunsch den menschen wieder mehr fantasie zu geben und den vielen vorzügen, die raubkatzen besitzen.
liebe jacqueline, erzähl ein bisschen über deinen werdegang. woher du kommst, was du bisher so gemacht hast?
geboren bin ich in ulm, schwaben. meine eltern waren damals sehr jung, mein vater mathe- und physikstudent und alt-68er, meine mutter erst 16 und hippie. die meiste zeit verbrachte ich bei meinen großeltern, traditionsbewusste und gläubige bauern und handwerksleute. im alter von zwei bis sieben jahren besuchte ich entweder mit meiner mutter, die ja noch die schulbank drückte, den unterricht oder mit meinem vater vorlesungen an der uni. und zwischendurch habe ich mit meinen großeltern äcker gehegt und gepflegt, gespielt und mich mit tieren angefreundet.
nach meinem abitur hatte ich ein großes faible für alte autos und deren restauration und dachte daran, automobildesign zu studieren, jobbte aber zunächst in einer der ersten streetwear-boutiquen deutschlands in ulm. war dort nach einiger zeit für den einkauf im ausland zuständig – „goodie hunting“. schließlich studierte ich modedesign in sigmaringen, wechselte aber ziemlich schnell nach london, fing mit stylings und kostümen für tv, pr und promos an. rutschte dann ins schuhdesign, wo ich zusammen mit einem gut befreundeten footwear-designer das label ‚multiple identities’ (‚m.i.‘) gründete. ich war aber auch freelancer unter anderem für royal elastics, acronym, irregular choice, hanes und gravis. in all der zeit habe ich mich als selbstversorger durchgeboxt, bin auch angeeckt, habe gekämpft. und dann kam herzogenaurach und puma. mein ständiges motto: „everything happens for a reason, sometimes only for a season.”

was machst du derzeit?
ins detail darf ich ja nicht gehen, aber wir arbeiten momentan an der sommerkollektion 2004. das wird sehr interessant, da wir auf die olympiade hinarbeiten, genauer an produkten für unser jamaikanisches team. that’s quite fun. zudem arbeite ich an zwei anderen linien, die zwar sehr authentisch für puma sind, aber doch anders, etwas neues sind. morgen werde ich nach amsterdam fliegen und danach noch ein paar tage in stockholm verbringen. der winter fängt nach der sommerkollektion ja wieder an, und deshalb ist es am besten, research in etwas kälteren gefilden zu betreiben ... rentiere jagen und so ... dann geht es wieder „back to herzo“(-genaurach).

inwieweit hat dich deine kindheit und umgebung, in der du aufgewachsen bist in deiner persönlichkeit, deiner arbeit geprägt?
das wichtigste hat mir meine mutter beigebracht: „wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt.“ hört sich zwar blöd an, macht aber verdammt flexibel. da ich einerseits auf dem land aufgewachsen und dadurch sehr naturverbunden bin, andererseits die stadt kennengelernt und sehr junge eltern habe, versuche ich die bekleidung in erster linie natürlich, jung und mit einem wohlfühlfaktor zu gestalten. in zweiter linie soll sie sehr funktionell und nicht zu überladen, aber dennoch spannend sein. ich glaube an eine gewisse harmonie zwischen technik und natur, eine art synergie, und versuche hierbei eine balance zu schaffen. kleidung sollte immer etwas mit zu hause zu tun haben, die details und technik und das etwas „andere“ sind dann mit der ferne zu vergleichen, nach der man sich sehnt, wenn man zu lange zu hause war und umgekehrt.

welche rolle erfüllt mode deiner meinung nach in der jetzigen gesellschaft?
identifikation. mode ist hilfreich, um sich mit sich selbst oder mit jemand anderem zu identifizieren. wir lassen uns passiv und aktiv damit einhüllen. dabei ist der stellenwert der mode in meinen augen oftmals nichtiger als erwünscht: oberfläche, überbewertet, fassade.

welche kriterien sollte das „optimale outfit“ für den urbanen zeitgenossen beinhalten?
das individuum und das individualverhalten sollte doch eigentlich immer individueller werden. das ist doch, was wir eigentlich anstreben. ein „optimales outfit“ gibt es meiner meinung nach nicht. ein baukasten entspricht dem idealen outfit wohl am besten. im endeffekt kann ich als designerin kein einzelnes ideal-outfit kreieren. urban bedeutet beispielsweise nicht immer dasselbe: in bombay ist das einzige, was man braucht eine integrierte atemschutzmaske und integrierte moskito-repellants. in amsterdam benötigt man wegen der taschendiebe versteckte taschen. in mailand brauche ich einen umhang für meinen roller, gucci, prada, tralala. in nyc schnelle schuhe und in london braucht man ohnehin schon zuviel geld.
alles zu verbinden habe ich in den letzten jahren unter meinem eigenen label ‚multiple identities’ versucht. es ist nicht gescheitert, aber letztendlich ist für so ein projekt sehr viel arbeit, zeit, geld und vor allem geduld erforderlich. im moment sehe ich kein ‚optimales outfit’ auf dem markt, vielleicht aber das ’idealisierte’ reisegepäck wie das puma 96hours-konzept.

an wen oder was denkst du, wenn du deine ideen/kreationen bei den puma-produkten umsetzt?
derzeit denke ich an sommer, sunshine, reggae und alles, was so mit jamaica assoziiert wird. wusstet ihr, dass der „hummingbird“, ein jamaikanisches nationalikon, der einzige vogel ist, der rückwärts fliegen kann? ich denke also an vögel und an die für mich ultimative freiheit und ans fliegen. es kommt aber immer auf die aufgabe an, welche mir gestellt wird oder welche ich mir selbst stelle. und dies hat immer etwas mit authentizität und originalität zu tun. manchmal, im glücksfall, ist es auch übertragbar auf den massenmarkt, auf den mainstream. wenn man das schafft, dann bedeutet dies motivation, nicht aufzugeben und an das zu glauben, was man macht.
oft ist die kreation sehr länderspezifisch. dabei kommt es auch auf die jeweilige jahreszeit und gelegenheit an. nachdem ich hauptsächlich für die männerlinien zuständig bin, denke ich immer zuerst an meinen freundeskreis, selten an mich. und natürlich daran, dass ich mich mit dem mann, den ich anziehe, noch auf die straße wagen kann, ohne negativ aufzufallen und mich zugleich mit ihm schmücken kann. insgesamt gesehen stellt die inspiration lediglich jedoch 1 prozent unserer aufgabe dar, die anderen 99 prozent sind dann transpiration und durchhaltevermögen.

wen möchtest du mit deiner arbeit erreichen, wer sollte diese kleidung tragen?
ich möchte diese frage zuerst auf ‚m.i.’ beziehen: ich würde gerne die uniformierung aufheben. ich würde einen baukasten entwerfen, um somit dem consumer wieder ein bisschen mehr selbstbewusstsein, zivilcourage und wirkliche individualität zu vermitteln, etwas mehr freestyle anstelle von lifestyle und - am wichtigsten - ihm wieder mehr fantasie sowie gesunden spieltrieb übertragen. damit kann man schon recht viel erreichen. bei puma bin ich deshalb sehr gut aufgehoben, da hier etwas passiert. die katze ist neugierig, offen und kämpft sich bewusst und erfolgreich nach vorne. letztendlich würde ich gerne für alles banale eine ‚vending machine’, einen automat einführen, um somit das besondere wieder hervorzuheben.

was inspiriert dich?
ich schaue mir gerne alles an: schuhe, maschinen, vögel, männer, frauen, kunst, autos, kulturen, individuen, schicksale, sport, pixel, geld, kaffeemaschinen, nano-technologie, whatever. denk dir was aus, auch so etwas, das es noch nicht wirklich gibt. in meiner arbeit hier denke ich sehr oft daran, was wir als firma am besten machen und wofür wir bekannt sind: footwear. für meine textilien lasse ich mich deshalb unter anderem von unserer footwear inspirieren. das ist besser als ständig competitors products zu kaufen und plagiate zu produzieren. wir sind ja schließlich keine copycats.

wofür nimmst du dir besonders viel zeit?
hmmm ... zur zeit nehme ich mir sehr viel zeit für meine arbeit. dann für meine katze, wann immer möglich für meinen freund, meine freunde und ... natürlich für mich.

was fällt dir zum begriff „wertigkeit“ ein? wir haben es ja heute überall mit preis-dumpings und wert-losen inhalten in der gesellschaft zu tun. alles wird immer billiger, nichts ist was wert. selbst beziehungen, partnerschaften usw. sind nichts mehr wert. man möchte nichts mehr investieren sondern gleich alles quasi „wegschmeißen“. was ist heute noch etwas wert oder was sollte einen wert haben?
das ist eine eigentlich sehr einfache und dennoch sehr komplexe frage. um am einfachsten mit allem umgehen zu können, sollten wir uns in erster linie und im allgemeinen eine etwas positivere haltung aneignen, denn sie ist übertragbar und ansteckend. tradition, moral, zivilcourage, eine gehörige portion globales verantwortungsdenken und nächstenliebe wird heute am meisten vernachlässigt, somit die wertigkeit generell. man kann natürlich alles auf die medien schieben, die uns, seit ihrer entstehung und entwicklung, die wir heute erleben, von neuzeit-propaganda bis „brain-washing“ alles suggerieren können. alles muss so perfekt sein, wir müssen unsere partner unseren lebensumständen anpassen, unser denken, unseren lifestyle, unseren job, unsere wortwahl, unser umfeld – anpassen eben. you know what i mean.
wir leben heute so gut wie nie zuvor, jedoch nicht mehr so sicher wie zuvor. konflikte werden immer mehr aus wirtschaftlichem interesse ausgefochten und das, nur noch mit den schärfsten waffen. die waffen werden immer gefährlicher, die worte immer banaler. wertigkeit hat alleine mit uns selbst, unserer akzeptanz von stärken und schwächen und mit verantwortung uns selbst und unseren nächsten gegenüber zu tun.
helmut wolf
pool journal