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hand und fuß in anspruch nehmen
vieles wird heute wiederentdeckt, neu interpretiert, kultig inszeniert. der reiz in alten archiven zu stöbern, vergessenes wieder auszugraben hat sicherlich etwas mit unserer sehnsucht nach erdigen, authentischen dingen und stilen zu tun. der retro-boom schafft ja durchaus ein angenehmes gegengewicht zu high-tech und new-media.
so manches altes kleidungsstück, wohn-accessoires oder knisternder musik-sound bringt geradezu einen exotisch-warmen flair in den hektischen alltag. beim sport ist die ausrichtung interessanterweise zumeist nach vorne gerichtet und da verwundert es geradezu, dass sich in der schweiz eine sportart über jahrhunderte hinweg bis heute großer beliebtheit erfreut. und diese sportart nennt sich „hornussen“.
schon mal was von ... „hornussen“... gehört ... ??... nein, nie gehört ... ?? das verwundert keineswegs. diese sportart wird ja (bis jetzt) auch ausschließlich in der schweiz betrieben, das aber immerhin schon seit einem jahrhundert. im mittelpunkt dieses witzig-kuriosen traditionssports steht eben die „hornusse“, ein golfball-ähnliches fluggeschoss, welches mit einem
„stecken“ vom „bock“ in ein „ries“ abgeschlagen wird. das ist weniger kompliziert als es sich anhört. als mannschafts-sportart kommt immer dann ziemlich bewegung ins spiel, wenn die hornusse durch die luft fliegt, wobei die gut postierten mitspieler der gegnerischen mannschaft versuchen, die hornusse am feld mittels in die luft werfen einer „schindel“ zu bremsen ....
tja, hört sich so ziemlich archaisch und brachial an, ist es aber nicht. im gegenteil. diese alte schweizer sportart erfordert nämlich höchste konzentration und präzision in der ausführung. und viel erfahrung, sprich übung. in der umschreibung des „hornussens“ von jeremias gotthelf in seinem buch „üli der knecht“ heißt es deshalb auch: „... es ist wohl nicht bald ein spiel, welches kraft und gelenkigkeit, hand, aug und fuß so sehr in anspruch nimmt, als das hornussen.“ die sinngemäße aussage von jeremias gotthelf ist auch in zukunft nicht zu ändern, außer vielleicht der satzstil.
seit mehr als 100 jahren wird das schweizer nationalspiel hornussen schon betrieben. vor genau 100 jahren wurde auch der „eidgenössische verband“ gegründet. hornussen, wie es heute gespielt wird, war ursprünglich ein typisches spiel der schweizer landbevölkerung, dessen ursprung vermutlich im emmental liegt, der heimat des berühmtesten schweizer käses. auf dies lassen die spärlichen aufzeichnungen schließen. die älteste sicher belegte grundlage stammt aus dem jahr 1625, als die „gnädigen herren der regierung bern“, sich mit einem hornusser-unfall mit tödlichem ausgang zu befassen hatten. die hornusser hatten damals nicht gerade den besten ruf, galten sie doch bei der bevölkerung als rauf-und trunkenbolde. 1886 kam die kirchliche synode des kantons bern gar zu dem schluss: das hornussen sei ein zu verbietendes sonntagsvergnügen. aufzeichnungen belegen zudem, dass diese
„kurzwil“ früher begleitet war von gelagen, schlägereien und „vom ab und zu ruinösen griff in den glückshafen(!).“ aber keine angst, so rauh geht’s dabei heute sicher nicht mehr zu.
„hornussen“ ist demnach ein spiel mit einer sehr alten tradition und einer starken volksverbundenheit zur schweiz. heute hat das „hornussen“ durchwegs kult-status und ist ein schauspiel sondergleichen. diese sportart wird derzeit von rund 10.000 jung- und althornussern in weit über 200 clubs und vereinen gepflegt und mit großer hingabe gespielt. da wundert es auch gar nicht, dass dieser ur-sport auch von marken wie „alprausch“ als thema aufgegriffen und in den modekollektionen ihren niederschlag finden. cooles „hornussen“, vielleicht schon bald auf einem feld ihrer nähe ...

hornussen lexikon
hornusse - ein golfball-ähnliches flug-geschoss
stecken - golfschläger-ähnliches gerät
bock - eine art abschlag-rampe
ries - ein wiesenfeld von 350 bis 450 metern länge
schindel - ein stück holzbrett mit besenstil
andy tanner ist gründer und designer der schweizer streetwear-marke „alprausch”
helmut wolf
pool journal