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häufig gestellte fragen
wie lautet eure lebensphilosophie?
keine lebensphilosophie zu haben.
was ist euch besonders wichtig?
der, die, das schöne.
wovon träumt ihr?
unabhängigkeit
was inspiriert euch?
unsere umwelt
lieblingsfilm/musik/buch?
fritz:
film: „assault on pecinct 13“ von john carpenter
musik: „thriller“ von lambchop
buch: „white mice“ von nicholas blincoe
ralf:
film: „purple noon“ von rene clement
musik: „sea change“ von beck
buch: „45“ von bill drummond
euer alter?
fritz: 35; ralf: 29
illustrationen: silja götz, madrid & lisa prichard, los angeles
im namen der rosenknospe
„wir positionieren uns nicht gegen den rest der welt“, stellt ralf herms ganz klar fest. trotzdem kann der gründer des kollektivs +rosebud eine gewisse eigenwilligkeit in deren grundphilosophie nicht verbergen. will er auch gar nicht. einmal pro jahr sollen „die konventionen der gegenwärtigen design-publikationen gesprengt werden.“ nicht mehr, aber auch nicht weniger.
bevor der darsteller in orson welles film „citizen kane“ stirbt und ihm die mystische glaskugel aus der hand fällt, bringt er noch ein wort heraus: „rosebud“. ein bis heute unentschlüsselter begriff, der nicht nur unter filmfreaks zu unterschiedlichsten interpretationen geführt hat. der darsteller dieser szene war jedenfalls zeitungsmacher und für ralf herms im jahr 1998 anlass, das dezentrale forum für gestaltung und design +rosebud zu gründen. einmal pro jahr sollte das gleichnamige design-buch aber nicht nur als hommage an orson welles verstanden werden, sondern vielmehr die vielen verborgenen potenziale der medien von heute verkörpern. ebenso wie das unerklärliche wort in dem film. in zeiten von „speed kills“ und „fast forward“ definiert sich die publikation klar gegen den trend der digitalen infomechanismen und gegen uniforme medienformate. der ausbruch aus bisher gängigen konventionen und die visionäre herangehensweise an herstellung und inhalt haben aus diesem format eine art unendliche forschungsreise in bisher unbekannte medienwelten gemacht. „wir sind nicht nur gestalter, sondern auch forscher und visionäre“, lautet das credo.
ralf herms lächelt auf die frage, wie man in zeiten von internet und aussagen wie „die schnellen fressen die langsamen“ einmal pro jahr ein medium publizieren kann. um dann nach kurzer pause folgende, lapidare antwort zu geben: „das geht bei uns gar nicht schneller.“ die vor fünf jahren von herms ins leben gerufene design-publikation jedoch nur als bloßen gegenentwurf zu unserer schnelllebigen zeit zu betrachten, wäre viel zu oberflächlich, zudem würde es den aufwand dieses projekts nicht gerecht werden. alles braucht seine zeit, und zeit hat bei diesem dezentralem forum eine ganz besondere bedeutung. alleine an das briefing werden so hohe anforderungen gestellt, dass über den inhalt drei bis vier monate diskutiert wird. die selektion der ausgewählten, internationalen künstler und kreativen ergibt sich durch den anspruch dann von alleine. ziel sei es dabei, alle beteiligten schon während des entstehungsprozesses zu involvieren und deren ideen und einflüsse in die jeweilige ausgabe einzubringen.
das team rund um ralf herms, fritz t. magistris und katja fössel, zeigt sich generell sehr sensibel im bezug auf das „aufspüren von strömungen“. man versucht dabei eine leserschaft zu erreichen, die sich nicht nur innerhalb der design-zirkeln bewegt, sondern möchte vor allem mit jenen menschen in berührung kommen, die offen sind für neue ideen und individuelle anregungen und sich gerne überraschen lassen.
ein hauptthema wird pro ausgabe gewählt, das ein jahr im voraus festgelegt wird. oft zufällig ergeben sich dabei themenüberschneidungen, die auch bei anderen unternehmen relevanz haben. so geschehen beispielsweise bei der aktuellen, vierten ausgabe mit dem titel „action“. dass nämlich zur selben zeit die italienische modemarke „diesel“ ihre werbekampagne action nannte, war totaler zufall - oder auch nicht. jedenfalls ergab sich daraus eine fruchtbare zusammenarbeit, welche sich für beide seiten erfrischend und anregend ausgewirkt hatte. in diesem zusammenhang kommt man natürlich auch schnell auf die finanzierung des projekts zu sprechen. schließlich fungiert +rosebud als non-profit-publikation, und wer je die extrem aufwendigen bücher in der hand gehabt hat, weiß, dass hier höchster aufwand betrieben wird und es bei der ausstattung und der themengestaltung an nichts fehlt.
ein paar details der aktuellen ausgabe: vier verschiedene umschlagmotive, 5-farbig, mit frequenzmoduliertem raster gedruckt, daumenstanzung mit „daumenkino“ und jedes der exemplare nummeriert und mit vier verschiedenen titeln versehen. für den innovativen inhalt zeichnet sich eine „mobile redaktion“ aus international renommierten autoren, künstlern, architekten und wissenschaftlern verantwortlich. herms zum geld: „wir versuchen von ausgabe zu ausgabe entsprechende partner bzw. sponsoren zu finden. jedoch als klassische werbefläche für inserenten können wir gar nicht agieren.“ für den renommierten vertriebsverlag „die gestalten“ aus berlin, der die 4.000 streng limitierten exemplare weltweit an ausgesuchte outlets und museumsshops vertreibt, sieht sich herms als „statue auf dem kühler“.
durch den input der vielen unterschiedlichen einflüsse aus gestaltern und kreativen erfindet sich jede ausgabe aufs neue. nicht nur, dass +rosebud unregelmäßig, regelmäßig innerhalb eines zeitraums von rund einem jahr publiziert wird, jede ausgabe ändert zudem auch noch komplett ihr formales und inhaltliches erscheinungsbild. größe, papier und herstellung unterliegen dabei einem programmatischen wechsel, welcher sich auch bei der nächsten ausgabe im oktober 2003 wiederspiegeln soll. der kommende titel lautet diesmal „mistery“ und verspricht jedenfalls wieder neue erkenntnisse unerforschter, visueller medienwelten.
pool unterhielt sich mit den beiden herausgebern ralf herms und fritz t. magistris über ihre sicht der dinge rund um trends, moden und alltagsprodukte.

ist die +rosebud-publikation nun ein buch, ein magazin oder wollt ihr den begriff medium gänzlich neu definieren?
da sind wir selbst nicht wirklich im klaren – formal betrachtet ist es eindeutig ein buch, im bezug auf das hardcover, der bindung und der ausstattung. von der erscheinungsweise und dem redaktionellen ansatz her gesehen, ist es aber auf alle fälle ein magazin ... vielleicht ein „bookazine“.

fühlt ihr euch als exoten, in zeiten von internet und „just-in-time“-vorgaben nur einmal pro jahr mit einem non-profit-projekt in erscheinung zu treten?
wir fühlen uns sehr als exoten und damit eigentlich sehr wohl.

wie reagiert ihr auf fragen wie: „wieso tut ihr euch das eigentlich an?“, oder „davon kann man ja nicht leben, oder?“
am endes des tages ist die arbeit an +rosebud eben keine belastung, sondern ein echtes privileg, komplett unabhängig und experimentell arbeiten zu können.

was würdet ihr leuten sagen, die viele pläne und ideen haben, sich jedoch nicht trauen diese umzusetzen?
es einfach zu tun, mit allen anstrengungen und risiken, sonst wird es nämlich jemand anderer machen.

welches verhältnis habt ihr zu wechselnden trends und moden?
in der rolle des medienkonsumenten sind wir an neuen entwicklungen und trends genauso interessiert, wie andere gestalter auch. in der rolle von magazinmachern stehen wir diesen trends mit kritischer distanz gegenüber. schließlich geht es uns nicht darum bestehendem hinterherzulaufen, sondern etwas neues zu entwickeln.

ihr bezeichnet euch als „forum für gestaltung und design“. welche kriterien sollte eurer meinung nach ein optimales alltagsprodukt erfüllen?
es darf schön aussehen, darf sich angenehm anfühlen und darf beim gebrauch keine sekunde zum nachdenken über seine form verleiten.

wie kann hohe qualität - egal ob bei medien, mode, musik oder kultur im allgemeinen - den auf quantität ausgerichteten marktregeln wiederstehen?
wir sehen darin keinen widerspruch, vielmehr eine verpflichtung. in überfüllten märkten mit einem überangebot an immer ähnlicheren angeboten ist ein hoher anspruch an form und inhalt ein wesentliches differenzierungsmerkmal.

die globalisierung hat auch zu einer weltweiten uniformierung im ästhetischen empfinden der konsumenten geführt, siehe musik, film, mode etc. wie könnte man eurer meinung nach das individuelle empfinden der menschen wieder stärken?
durch die veröffentlichung ebenso spannender wie anspruchsvoller formate, abseits des mainstreams. wir glauben ganz fest daran, dass sich qualität am ende durchsetzen wird.
helmut wolf
pool journal