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ein traum von einem kleid
... ich wähne es bestickt, ahne es bodenlang, furchtbar kostbar, vielleicht ein bisschen glitzernd. doch eigentlich sind die details egal. denn wichtig ist: es sieht umwerfend aus.
wie sieht eigentlich dein traumkleid aus? ich meine das kleid, das du dir seit deinen kindertagen wünschst zu tragen? vielleicht einmal nur. dann aber just in dem moment, in dem eben nur dieses kleid dein glück perfekt machen könnte. mein traumkleid ist weiß, gewaltig, pompös. war es immer schon. seit meinen kindertagen habe ich ein großes faible für dramatische roben in zarten farben. so lange ich mich erinnern kann, verheißen diese kleider für mich einfach nur glück. wie es genau aussieht, dieses kleid? es wäre wohl nicht mein traumkleid, wenn ich das bild fassen könnte. manchmal habe ich mehr ahnung von meinem kleid, manchmal weniger. doch wie es exakt aussieht? ich weiß es nicht, denn das bild in meiner vorstellung ist niemals statisch. vielleicht habe ich deswegen noch nie ein weißes kleid besessen. weil doch ohnehin keines an meine träume heranreichen würde. aber ich bleibe optimistisch. eines tages, da werde ich es treffen, dessen bin ich mir ganz sicher. ich erträume mir unsere begegnung fast schicksalhaft. jedenfalls mit einer gehörigen portion endgültigkeit und unausweichlichkeit. damit dem zufall auf die sprünge geholfen wird, fahnde ich derzeit in londoner vintage-boutiquen. eine heiße spur, so bin ich mir sicher, denn ein schnödes, sinnentleertes kleid von der stange wird ja meinem traum hoffentlich nicht entsprechen. nein, es in einer verschnarchten vintage-boutique zu treffen gefiele mir schon viel besser. denn schließlich soll mein textiler traum ja auch geschichte haben. keine wirklich gut dokumentierte geschichte, kein zettel, wo draufsteht, wer es früher mal getragen hat und warum. zu allem überfluss vielleicht auch noch ein foto. nein, wirklich nicht. mein kleid wird ein vorleben haben, von dem ich nur ganz winzige aber unglaublich bezaubernde ausschnitte erfahren kann. den rest kann ich mir ohnehin selbst zusammenträumen. nun, wovon träumst du?
ich kannte mal jemanden, der träumte von einem overall aus hellbraunem breitcord. muss damals, als er diesen modetraum zum ersten mal hegte, ein echter renner gewesen sein. da fällt mir ein: auch ich träumte mal von einem overall. ich glaube, ich war vier, meine beste freundin hatte einen schlafanzug aus orangefarbenem frottee, mit füßen dran. die befand ich überhaupt als das beste feature, zumal die fußstücke genau wie der rumpfteil des overalls mit weißen blockstreifen aufgepeppt waren. was habe ich gehofft, ihr kleiner bruder möge nicht so schnell wachsen, und sie würde ihn an mich weitergeben. den overall, nicht den bruder. letzterer machte das rennen. ich habe orange seither zu meiner hassfarbe erklärt. schließlich wird ohnehin kein orange der welt an diesen schlafanzug-overall heranreichen.
von welchen dingen träumt man sonst noch so? ich finde schuhe eignen sich ganz besonders gut, um von ihnen zu träumen. seit ich allerdings einen hersteller gefunden habe, der fast jede kollektion so gestaltet, wie ich sie auch nicht besser erträumen hätte können, ist das ganze irgendwie fad geworden. ehrlich. denn schließlich will man ja nur bedingt, dass sich all seine träume erfüllen. ich jedenfalls ticke so. als ich noch von unvorstellbaren schuhen träumte, geriet ich nämlich nie unter zugzwang. ich musste mich auch nie für ein, zwei oder mehrere paare entscheiden, denn schließlich trugen meine nebulösen ideale keine preisschilder. diese wahr gewordenen schuhträume tun das allerdings. und sofort hört sich das träumen auf. denn rechnen, zahlen, finanzen, das hat doch alles mit träumen nichts zu tun. zahlen und träume schließen sich gewissermaßen aus. die überlegung, ob es dem kontostand nun zuträglich wäre oder nicht, diese schuhe zu kaufen, ist knallharte ratio. und die würde ich persönlich ja am liebsten ausgeblendet sehen, wenn es sich um modeträume und deren erfüllung dreht. geht halt auch nicht ganz. vor allem, da ein allzu unvernünftiger umgang mit der spontanen erfüllung modischer träume sich ja nicht gerade positiv auf den rest der traumwelt auswirkt. noch nie schlecht geschlafen nach einer dekadenten shopping-tour? oh doch, ich sehr wohl. liegt aber lange zurück. komisch eigentlich. wo ich doch heute so viel mehr gelegenheit hätte, über die stränge zu schlagen. gelegenheit macht diebe, sagt man, aber ich meine: gelegenheit macht müde. entscheidungsmüde bin ich geworden, das ist es, warum viele meiner modeträume nicht erfüllt werden. immer habe ich das gefühl: wenn du nur lang genug suchst, dann findest du ein stück, das noch besser ist als dieses hier. stimmt ja auch manchmal. aber meistens überleben sich meine modeträume noch, während ich suche. was wollte ich zu beginn des letzten winters alles haben? wovon hab ich geträumt? naja, bewegend kann es nicht gewesen sein, denn eigentlich bin ich ganz gut ohne das meiste ausgekommen. schade eigentlich. außer meinem traumkleid habe ich also kaum noch langanhaltende modeträume. früher hatte ich tausende davon. marken, in denen man sich ein besseres leben träumte, modestile, in die man die person hineinträumte, die man irgendwann mal werden wollte. diese fähigkeit hätte ich gerne wieder. wie ein kind in ein kostüm zu schlüpfen und die prinzessinnenwelt, die durch das kleidchen übergestreift wird, für einen moment mit dem alltag zu tauschen. zusätzlich zum prinzessinnenkleid hätte ich dann gerne noch eine uniform, die mich erhaben über jeden zweifel macht und zudem noch eine kombination, durch deren tragen ich mich in ein urlaubsland versetzt fühle. oh ja, das wäre ein standard-survival-kit, welches ich gerne in meinem kasten hätte. du nicht auch?
martina müllner
pool journal