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grand cru
wer regelmäßig kaffee trinkt, hat sicher schon einmal den geschmack kolumbianischer erde mehr oder weniger im mund gehabt. kolumbien gilt seit jahrzehnten als einer der größten kaffeelieferanten der welt. auch der kaffee von nespresso hat seinen ursprung zum teil auf kolumbianischen plantagen. nicolas rueda, europadirektor der förderation kolumbianischer kaffeefarmer, erläutert im nachfolgenden gespräch die großen herausforderungen nachhaltiger unternehmenskultur.

nestlé nespresso gilt als weltweiter marktführer im bereich des portionierten spitzenkaffees. mit seiner „trilogie“ aus qualitativ hochwertigen grand cru-kaffees, eleganten maschinen und einem intensiven kundenservice (nespresso-club) konnte das unternehmen in den vergangenen jahren das „erlebnis-kaffeetrinken“ etablieren und zum internationalen erfolg führen. „what else?“. seit dem jahr 2000 verzeichnet man eine durchschnittliche wachstumsrate von über 30 prozent. rund 160 markeneigene boutiquen in den wichtigsten städten der welt vermitteln dem konsumenten den lifestyle des „ultimativen kaffee-erlebnisses“. da stellt sich irgendwann die frage, wie weit produktionssteigerung und wachstum möglich ist, ohne der umwelt nachhaltigen schaden zu zufügen. nun hat sich nespresso im rahmen der unternehmenseigenen nachhaltigkeits-plattform „ecolaboration“ verpflichtet, bis zum jahr 2013 soziale und ökologische kriterien in der wertschöpfungskette maßgeblich zu verbessern. dass dieser prozess noch am anfang steht, erläutert nicolas rueda, europa-direktor der föderation kolumbianischer kaffeebauern und green coffee poject manager south america nestlé, im nachfolgenden interview. die „federacion nacional de cafeteros de colombia“, für die rueda agiert, ist die größte kaffee-ngo-oganisation der welt und vereint mehr als 500.000 kaffeebauern in kolumbien.

lieber nicolas rueda, es herrscht oft verwirrung was die zertifikation von kaffee-produkten anbelangt, die sich sozialen und ökologisch fairen kriterien widmen. warum glauben sie, ist es so schwierig, hier zu einem global einheitlichen kontext zu finden?

das ist richtig, es herrscht derzeit große verwirrung beim konsumenten vor. man sieht so viele zeichen diverser organisationen, hört von so vielen konzepten und am ende weiß niemand mehr, was nun gut und richtig ist oder für was man sich entscheiden soll. in diesem zusammenhang hat sich in den vergangenen monaten eine initiative geformt, die einen gemeinsamen kodex entwickelt hat, mit dem ziel, die umweltbedingungen und sozialen und ökonomischen arbeitsstandards beim kaffeeanbau zu verbessern. dieser so genannte „common code for the coffee community“, initiiert unter anderem von diversen, weltweit aktiven ngo’s und gewerkschaften, ist gerade dabei, strengere und einheitliche kriterien zu entwickeln, um produktionsbedingungen und qualität des kaffee zu verbessern. eine gute sache, die aber (noch) nicht beim konsumenten angekommen ist.

generell zu einer einheitlichen zertifizierung zu finden ist deshalb nicht so einfach, weil es oftmals lokale unterschiede bei der interpretation von zertifizierungen gibt. auch die kosten für die zertifizierung sind natürlich nicht unerheblich. am ende geht es auch um kriterien wie marken-image und glaubwürdigkeit, die vom konsumenten mit einem bestimmten zertifikations-programm in verbindung gebracht werden. vor allem das vertrauen des konsumenten in eine marke spielt hier eine entscheidende rolle. für mich stellen sich da zwei aspekte in den vordergrund: einerseits eine bestimmte zertifizierung, die einer marke glaubwürdigkeit verleiht, und andererseits das grundlegende konzept der nachhaltigkeit.

ich kann von meiner warte der „national federation of coffee growers of columbia“ (föderation kolumbianischer kaffeebauern, anm.) aus sagen, dass wir grundsätzlich jede initiative in richtung verbesserung der sozialen und ökologischen bedingungen begrüßen, niemanden ausschließen wollen. es gibt ngo-organisationen, die von kontinent zu kontinent unterschiedlich wahrgenommen werden und bekannt sind. die umweltorganisation „rainforest alliance“, mit der wir im engen austausch stehen, ist beispielsweise in den usa und in england sehr bekannt, die “utz”-zertifikation (weltweit tätiges kaffee-zertifizierungsprogramm, anm.) ist sehr populär in den benelux-ländern, „fair trade“ eher in mitteleuropa. was ich damit sagen möchte, ist, dass es verschiedene grundansätze für ökologische und soziale standards gibt. aber natürlich muss das ziel für alle beteiligten sein, einmal zu einer einheitlichen ausrichtung zu finden, damit vom produzenten bis zum konsumenten alle ein klares bild vor augen haben.

wie stellt sich die derzeitige situation für die kaffeefarmer in kolumbien dar?

wir arbeiten sehr hart daran, einen einheitlichen qualitäts-standard in kolumbien zu etablieren und zu halten. wir hoffen, dass wir mit unserer organisation immer mehr kaffeeproduzenten von unseren sozialen und ökologischen ansprüchen überzeugen können. kolumbien gilt immerhin als drittgrößter kaffeelieferant der welt mit hunderttausenden kaffeebauern.

die wirkliche herausforderung für uns liegt in der überzeugungsarbeit, neue erkenntnisse der nachhaltigkeit und technologie in eine jahrhundertlang gewachsene, tradierte kultur einzubringen. und das ist sehr schwierig. sie müssen sich nur vorstellen, es kommt fast jeden tag jemand anderer bei der tür herein und sagt ihnen, wie sie dieses und jenes besser machen können, wie sie arbeiten sollen. da würden sie wahrscheinlich auch eher ablehnend reagieren. ganz ehrlich, viele kaffeefamilien sind sehr arme und bescheidene menschen. wir dürfen diesen menschen nicht nur gute ratschläge erteilen, sondern müssen ihnen auch gut zuhören, ohne ungeduldig zu werden. zudem gibt es in kolumbien viele restriktionen und vor allem finanzielle hürden, da bedarf es zeit, um diese zu überwinden. viele kaffeefarmer können ja gar nicht lesen oder schreiben. wenn sie nun zu diesen leuten kommen und ihnen die anforderungen am papier vorlesen müssen, ist das ein sehr langwieriger prozess. ich sage es so: wir sind auf einem guten weg und versuchen die dinge schritt für schritt voran zu bringen.

wahrscheinlich wäre das effektivste argument, den kaffeefarmern nahe zu bringen, ohne gesunder, biologischer anbauweise kann der boden und das land in zukunft keinen guten ertrag bringen ...?

ja, das ist auch das grundlegendste argument. und die kolumbianischen kaffeebauern spüren und wissen auch, dass dies der einzige weg für die zukunft ist. darüber hinaus ist die verwendung chemischen düngers auch eine sehr kostspielige sache. und alles, was sich die farmer an zusatzkosten ersparen können, bleibt ihnen am ende als ertrag in der geldtasche. für diese erkenntnis muss man nicht einmal lesen und schreiben können ...

es gibt eine anwachsende gruppe von bewussten menschen, die den schönen dingen frönen wollen, jedoch deutlich mehr über die herstellungsweise von produkten mitsamt sozialen und ökologischen hintergrund erfahren wollen ...

natürlich beobachten wir diese entwicklung auch in kolumbien. die zunehmende transparenz der produktionsabläufe und die scheinbar immer kleiner werdenden distanzen auf unserem globus wurden durch die neuen kommunikationsformen wie das internet möglich gemacht. der fühlbare abstand zwischen der kolumbianischen kaffeeplantage und dem konsumenten in deutschland oder japan ist heute so gering wie noch nie.

dieses engere zusammenrücken der kulturen gibt uns allen große chancen und möglichkeiten. wir können mit einer offenen einstellung viel voneinander lernen, uns austauschen und weiter entwickeln. an der verbesserung all dieser angesprochenen plattformen zu arbeiten, darin liegt für mich die große herausforderung des 21. jahrhunderts.

helmut wolf
pool journal