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always good
woraus speist sich der schaffensprozess, die zündende idee eines designers? beim englischen produkt-designer jasper morrison ist es ein mix aus all seinen persönlichen eindrücken des alltags und lebens. geht es um die kreation von uhren so wie jene für die kollektion „r5.5“ der marke rado, so verdichteten sich hier alle jene erlebnisse und eindrücke, die morrison je von uhren in seiner erinnerung gesammelt hat: was mag ich an einer uhr besonders? was sollte die uhr können?

der britische produkt- und möbel-designer jasper morrison stellt sich im grunde immer die wesentlichen kernfragen über den zweck eines produktes, bevor der eigentliche schaffensprozess beginnt. betrachtet man all die bisher designten objekte und gegenstände aus dem interieur- und lifestyle-bereich des ruhigen und bedachten designers, so lässt sich stets die reduktion auf das wesentliche beobachten.

ein gespräch über die sehnsucht nach echten dingen, nach weniger verschwendung und die verantwortung des designers, eine gute atmosphäre auf der welt zu schaffen:

lieber jasper morrison, bleibt ein gutes produkt grundsätzlich gut, also wirkt und funktioniert es über einen langen zeitraum?

ich komme immer mehr zur überzeugung, dass produkte grundsätzlich ein langes leben haben sollten. neben dem aspekt der funktion sollte dabei auch ein weiteres element größeres augenmerk erhalten, nämlich jenes, dass ein produkt auch nach oftmaligem, tausendfachem gebrauch gut funktionieren sollte. ich bin sehr interessiert an der beziehung der menschen zu jenen objekten, die wir täglich benützen und die wichtige aufgaben in unserem alltag übernehmen. ein sessel muss eben einfach täglich funktionieren, ebenso muss eine uhr täglich funktionieren und es sollte ganz klar sein, wie wir diese produkte anwenden können. gutes design hat die gabe funktionen langlebig zu erhalten. das ist auch der grund, warum sich leute schöne klassische dinge kaufen, diese konservieren gewissermaßen die basis-funktionen.

was sagen sie zu dem gedanken, dass wir heute von so vielen qualitätslosen dingen umgeben sind und sich diese auf unser verhalten auswirken. glauben sie, wäre der mensch zufriedener und ausgeglichener mit wenigen, dafür aber guten dingen?

das ist eine interessante frage. wir designer sind im grunde genommen verantwortlich dafür, wie die von menschenhand gemachte welt aussieht und was sie ausstrahlt. wir haben einerseits die option, dinge zu kreieren, die auf effekthascherei und schnelle sensationslust abzielen, anderseits jedoch die möglichkeit, verantwortung zu übernehmen und zu sagen, es ist unser job eine gute atmosphäre für unser leben zu erzeugen. ja, eigentlich bin ich davon überzeugt. wir designer sollten die aufgabe übernehmen, diese dinge zu kreieren, die menschen zufriedener und ausgeglichener machen.

führt uns die wirtschafts- und finanzkrise vielleicht wieder zurück zu den elementaren basiswerten?

ja, durchaus. ich respektiere immer mehr die zugegebenermaßen nicht sehr populäre idee, dinge schlicht und einfach nicht zu verschwenden. ähnlich der generation unserer großeltern und ur-großeltern, die einfach keine verschwendung betrieben haben und einem gewissen ethischen grundsatz gefolgt sind. man verschwendete damals einfach nichts. die dinge wurden gepflegt, repariert und man versuchte sie zu erhalten. ich finde, das ist eine sehr korrekte haltung, auch wenn dies jetzt vielleicht etwas zu moralistisch klingen mag. jede verschwendung ist im grunde ein kleines verbrechen, auch ein kurzzeitig gedachtes design oder der unverhältnismäßige einsatz von materialien und rohstoffen.

wenn sich menschen näher mit ihren dingen beschäftigen, sich mit ihnen auseinandersetzen, persönliches einfließen lassen, ist das ja eine form von kreativität, die sich vielleicht auf unsere gesamte gesellschaft positiv auswirken könnte ...

ja, es könnte sich dadurch eine deutlich menschlichere, gesündere gesellschaft entwickeln. in diesem zusammenhang gibt es ein äußerst interessantes buch mit dem titel home-made: contemporary russian folk artifacts. darin werden wunderbare alltags-objekte aus russland abgebildet, welche die menschen dort selbst konstruiert haben, weil es vieles einfach nicht gegeben hat oder es nicht leistbar war. hinter jedem dieser dinge, von der selbst gebauten lampe bis zur schaufel, steht eine kleine, menschliche geschichte ... fantastisch.

bringt gutes design einen evolutionären prozess in gang oder ist es eher ein stetiges weg- oder hinzugeben von bestandteilen?

wenn ich dinge kreiere, dann kommt dies zumeist einem evolutionären prozess gleich. ich blicke immer auf die historie eines gegenstands und versuche diesen auf einen neuen level zu bringen, egal ob sessel oder gabel. dann gibt es die raren momente wo die pure innovation - etwas ganz neues - geschaffen wird, das ist aber sehr selten. fast alles ist mehr oder weniger schon da. insgeheim liegt die triebfeder jedes designers darin, etwas ganz neues zu erschaffen.

neben technologie und virtuellen räumen in unserem alltag entsteht eine große sehnsucht nach echten, authentischen dingen und werten. da sieht man junge teenager mit led zeppelin- und woodstock-t-shirts ...

klar, die jungen menschen haben zwar diese zeiten nicht miterlebt, wissen aber sehr gut über deren ursprünglichen werte und ziele bescheid. sie sind sehr geschickt in der verknüpfung heutiger grundsätze und historischer ideale. im grunde geht es aber um die suche nach echtheit, das geht uns erwachsene aber genauso.

was ist für sie das spezielle, das faszinierende an der kreation einer uhr?

die zusammenarbeit mit rado ist ein gutes beispiel dafür, woraus sich gutes design bilden kann. nämlich durch den kontinuierlich erhaltenen, experimentellen freiraum mit der klassischen uhrenform, welches einem designer wie mir ermöglicht, ohne einschränkungen einen schritt weiter zu gehen. die identität und der stil von rado entstammen im grunde jenem material, aus dem die uhren gefertigt sind: aus keramik. ein wunderbares material, das sich in meinen kreationen in einem matten, dezenten look äußert.

wie entwickelt sich bei ihnen der kreative design-hergang?

der sessel ist und bleibt ein sessel, die uhr ist und bleibt eine uhr. ich versuche dem produkt stets einen sehr natürlichen charakter zu verleihen, ohne mit plakativen farben oder formen abzulenken. im grunde geht es mir immer darum, mich darauf zu besinnen, was das produkt im wesentlichen sein und darstellen soll. eigentlich ganz „einfach“, oder?

helmut wolf
pool journal