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häufig gestellte fragen

wenn sie ihren liebsten wunsch erfüllt bekommen könnten, welcher wäre das?

zwei dinge, die man mit geld nicht kaufen kann: gesundheit und glück für meine familie und meine freunde.

was bringt ihnen die meiste freude?

meine kinder, zweijährige zwillingsbuben.

was ist ihnen besonders wichtig?

familie und freunde sowie prinzipientreues verhalten.

welche dinge sind ihnen am wichtigsten?

meine familie und meine freunde. und: andere so zu behandeln, wie ich behandelt werden möchte.

giving my best, every day
familie ist etwas ganz wichtiges, im grunde etwas unersetzliches. materielle dinge lassen sich ersetzen, eine familie jedoch nicht. der gebürtigen britin charlotte lindsey war dies schon in jungen lebensjahren bewusst, im laufe ihrer tätigkeit beim roten kreuz in vielen krisengebieten der welt hat für sie die haltgebende bedeutung der familie noch viel mehr an wichtigkeit gewonnen.

charlotte lindsey, stellvertretende kommunikationsdirektorin des internationalen komitees vom roten kreuz (ikrk) erläutert im nachfolgenden interview unter anderem warum freiwillige arbeit erfüllend ist und menschen wichtiger sind als besitztümer.

liebe charlotte, wo kommen sie ursprünglich her und wie haben sie ihre kindheit verbracht?

ich bin britin und komme aus einer kleinen stadt namens saffron walden, die im süden englands nahe cambridge liegt. im grunde hatte ich die normalste und unaufregendste kindheit, die man sich vorstellen kann. ich wuchs mit drei brüdern auf, die meiste zeit in ein und derselben kleinstadt.

gab es irgendwelche besonderen ereignisse in ihrem leben, die sie zu ihrer heutigen tätigkeit führten?

nein, eigentlich kein spezielles ereignis. aber ich habe mit begeisterung bücher gelesen, wurde stark von einem volksschullehrer geprägt. er hat mir die augen für viele bücher geöffnet, auf mich als kind großen einfluss ausgeübt. in dieser zeit entdeckte ich beispielsweise bücher wie „das silberne messer” vom britischen schriftsteller und dichter ian serrailliers. dieses auf wahre begebenheiten basierende buch handelt von den schwierigkeiten einer familie einander wiederzufinden, nachdem sie der krieg getrennt hatte. stark beeinflusst haben mich auch die nachrichtenbilder aus kambodscha, die vietnamesischen “boatpeople” und der oscar-gekrönte antikriegs-film “the killing fields - schreiendes land” von roland joffé. ich wusste eigentlich schon sehr früh, dass ich bei der wiedervereinigung von im krieg getrennten familien helfen wollte und auch, dass ich dies mit dem „roten kreuz“ machen wollte.

wie würden sie das gefühl beschreiben, jemandem geholfen zu haben, oder zumindest einen teil seines kummers von ihm genommen zu haben?

als ich für das ikrk in kriegsgebieten gearbeitet habe, hatte ich angst davor, jemandem „nicht” helfen zu können. wenn ich also ein gefühl für diese tätigkeit beschreiben soll, dann war es im allgemeinen ein gefühl der erleichterung, dass ich etwas tun konnte.

menschenverstand und natürlichkeit sind die größten feinde von gier und rücksichtslosem verhalten. wie würde in ihren augen eine vernünftige und ethische weltwirtschaftliche ordnung aussehen?

ich glaube fest an das ethische verhalten, an die intuition und den menschenverstand.

sie haben in krisenregionen wie ruanda, bosnien und tadschikistan gearbeitet. was haben sie aus diesen erfahrungen gelernt, und in welchem ausmaß haben sie ihr leben beeinflusst?

ich habe gelernt, dass menschen wichtig sind - nicht besitztümer. familie und freunde sind unersetzbar, geben einem ein starkes selbstwertgefühl. diese lebenseinstellung habe ich im rahmen meiner tätigkeiten gelernt. außerdem ist meine erfahrung, dass man nichts als selbstverständlich ansehen sollte, denn der grat zwischen sicherheit und gefahr ist schmal. viele der menschen, die ich über die jahre hinweg in diesen ländern getroffen habe, dachten nie, dass jemals krieg über ihr land kommen würde oder sie je direkt betreffen würde. die realität war aber oft ganz anders.

henry dunant, der gründer des roten kreuzes, wurde durch die schreckliche erfahrung der schlacht von solferino vor 150 jahren dazu inspiriert, seine organisation zu gründen. würden sie sagen, dass oft dramatische ereignisse notwendig sind, um menschen dazu zu bewegen, etwas zu tun oder ihr leben zu verändern?

zu einem gewissen grad, ja, wenn man es individuell und international betrachtet. ich will das anhand eines beispiels skizzieren. in den jahren vor dem zweiten weltkrieg entwarf und stellte das ikrk den antrag auf ein internationales übereinkommen bezüglich des wohlergehens und schutzes von zivilisten mit feindlicher staatsangehörigkeit, welche sich auf jenem gelände befinden, das einem kriegsteilnehmer gehört bzw. das von ihm besetzt ist. keine schritte wurden bezüglich dieses entwurfes gesetzt, da die regierungen sich weigerten, eine diplomatische konferenz einzuberufen, um über die verabschiedung zu entscheiden. dies resultierte daraus, dass es kein spezielles abkommen gab, welches zivilisten vor den schrecken des zweiten weltkriegs bewahrte. als reaktion auf die gräuel des zweiten weltkriegs beschloss die internationale gemeinschaft dann schließlich im jahre 1949 die vierte genfer konvention zum schutz von zivilisten. dies war ein wichtiger wendepunkt für die schonung von zivilbevölkerung und -eigentum zu zeiten bewaffneter auseinandersetzungen.

auf individueller ebene gesehen glaube ich durchaus, dass viele menschen von etwas, das sie beobachten, durchlebt oder von dem sie gehört haben, bewegt oder inspiriert werden, um etwas zu tun. dies mag der verlust eines geliebten menschen sein, der einen dazu bewegt, eine stiftung in dessen namen zu gründen, um anderen in der gleichen situation zu helfen; oder dies mag eine krankheit sein, die einen veranlasst spenden zur entwicklung eines heilmittels oder einer behandlungsmethode für andere zu sammeln; oder es mag der anblick des leidens anderer sein, der einen dazu bewegt, freiwilligenarbeit zu leisten und für eine non-profit organisation zu arbeiten.

viele mitglieder des roten kreuzes arbeiten auf freiwilligenbasis, ohne bezahlung. das steht in starkem kontrast zum profit-orientierten denken in der heutigen wirtschaft und gesellschaft. woher, glauben sie, nehmen diese menschen die inspiration, die kraft für ihre freiwilligenarbeit?

für mich ist dies der wahre humanitäre geist! ich denke, dass die gemeinschaften in welchen die menschen die freiwilligenarbeit leisten, überaus inspirieren. die leute erkennen dabei, dass sie etwas bewirken und dass selbst kleine gesten verändern können. zu diesem thema haben das rote kreuz und die rotkreuz-bewegung dieses jahr auch eine entsprechende kampagne gestartet, die unter dem motto und der website www.ourworld-yourmove.org läuft.

wenn man schönheit und glück erlebt, denkt man nicht an kriegsführung oder gewalt. würden sie dieser aussage zustimmen?

nein, denn ich denke, manche menschen würden krieg führen oder gewalt anwenden, um diese dinge zu beschützen. es gibt so viele wunderschöne länder, in denen krieg geführt wird, daher ist diese aussage unwahr, zumindest von meinem standpunkt aus.

würden sie der aussage zustimmen, dass durch die globalisierung alle menschen auf dieser erde auch verantwortung für unser zusammenleben übernehmen sollten?

es sollte, so meine ich, durchaus ein gefühl der kollektivverantwortung geben. die allgemeingültigkeit der genfer konventionen – welche das rückgrat des internationalen menschenrechts bilden – sind ein anzeichen für dieses gefühl der kollektivverantwortung in kriegszeiten. diese konventionen halten die tatsache fest, dass es eine verantwortung zu respektieren gilt und setzen den möglichkeiten der kriegsführung grenzen. bezüglich der globalisierung meine ich, dass man grundsätzlich nicht auf kosten anderer vorankommen sollte.

der geldforscher peter koenig behauptet, dass viele menschen die grund-elemente des lebens wie glück, sicherheit und freiheit auf das konzept von geld projizieren – was einfach nicht funktionieren kann. laut koenig ist es unmöglich, seine existenz durch geld abzusichern. was halten sie von dieser aussage?

ich stimme zu, dass geld nicht glücklich macht. „existenz” hat aber eine unterschiedliche bedeutung für unterschiedliche menschen. manchmal sind die ärmsten menschen die glücklichsten, solange sie von den dingen umgeben sind, die ihnen am meisten bedeuten. und manchmal sind die reichsten menschen die unglücklichsten, da ihr reichtum sie isoliert.

was motiviert sie am meisten in ihrem arbeitsalltag, und woher nehmen sie ihre stärke?

ich strebe danach, jeden tag mein bestes zu geben. meine stärke bekomme ich von meiner familie und von meinen freunden. außerdem ist meine perspektive jene, dass, was auch immer ich durchmache, es so viele menschen gibt, denen es viel schlechter geht als mir und die viel darum geben würden, ein leben wie meines führen zu können.

viele menschen hetzen durch ihren alltag und beschweren sich dennoch über einen mangel an identifikationsmöglichkeiten, über sinnverlust. würden sie sagen, dass viele teile unserer gesellschaft von einem fehlen „sinnvollen verhaltens” dominiert sind?

ich denke, dass die schnelligkeit des heutigen lebens dazu führt, dass wir vergessen, aufzuschauen, um die schönen dinge um uns herum wahrzunehmen. wir vergessen oft jenes wertzuschätzen, was wir haben. wir verlieren manchmal jene dinge, die uns halt geben, aus den augen. vieles was wir haben, realisieren wir gar nicht ... bis am ende nichts mehr da ist.

helmut wolf
pool journal