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weniger, dafür vom guten
irgendwann, da hat es begonnen. ich kann heute nicht mehr sagen, was der auslösende moment war oder ob es diesen überhaupt gab. aber plötzlich war - und blieb - alles anders. irgendwann bemerkte ich, dass ich dem streben nach superlativen und maximierung überdrüssig geworden war.
am deutlichsten kann ich diese entwicklung an meinem verhältnis zu mode festmachen. noch vor fünf jahren klopfte mein herz bis zum hals, wenn ich einen guten mode-laden betrat, war die freude beim verlassen umso größer, je mehr teile ich erstanden hatte. noch vor nicht allzu langer zeit war mein beruflicher eifer auch dem wunsch entsprungen, immer mehr zu erreichen, um mir immer mehr leisten zu können. meine mittel zu vergrößern, damit ich mehr erleben kann, mehr materielle werte ansammeln kann. während ich schreibe, merke ich wie befremdend ich das heute finde. aber war es nicht bei uns allen so? fanden wir es nicht alle erstrebenswert, nach dem maximum zu trachten?
schnitt. heute gibt es wenig produkte, deren erwerb mich mit all den guten gefühlen erfüllt, für die sich die strapazen eines langen shopping-tages lohnen. heute kenne ich einen anderen luxus. heute kenne ich den luxus, nur wenig zu erwerben, dafür eben richtig gute sachen. wenn es früher galt, möglichst das angesagte modell dieser firma und jener marke zu besitzen, schätze ich heute, dass ich es gerade nicht trage. heute fröne ich dem luxus, mir weniger zu leisten.
weniger, dafür vom guten. was banal klingt, ist im wirklichen leben eine entscheidung, die es jeden tag aufs neue zu treffen gilt. egal ob bei alltäglichem wie essen und wohnen oder bei entscheidendem wie job oder privatleben, der einmal formulierte anspruch ist immer entscheidungsgrundlage. er liegt zu grunde, wenn ich mich gegen eine billige aber für eine angenehme wohnung entscheide. wenn ich auf junk-food verzichte, dafür hochwertige bio-nahrungsmittel kaufe. alles privatangelegenheiten, luxus, den man nur im eigenen wirkungsbereich erfahren kann? nein, die „weniger, dafür vom guten“-formel hat auch im wirtschaftsleben ihre bedeutung.
ich glaube sogar, dass in der besinnung auf das „wenige“ ein schlüssel für die probleme unserer kränkelnden wirtschaft läge. zunächst ein rückblick. was liegt hinter uns? die 1980er, das als-ob-jahrzehnt, in dem der heutige leistungsanspruch an unsere wirtschaft und an uns selbst begründet wurde. niemals schwanken, immer nur der beste sein und dabei auch noch gut auszusehen, dieses ideal ist seither maß aller dinge. danach die 1990er, das jahrzehnt in dem die wirtschaft von superlativen bestimmt war. megakonzerne erwirtschafteten megaumsätze und erbauten megapaläste für ihre megageschäfte. in keinem der beiden jahrzehnte sprach man von den werten, die heute so wichtig sind: echtheit, originalität, authentizität, besinnung auf das wesentliche. während all dieser jahre hatte man vergessen, dass nicht jedes defizit durch marketing und überblendung ausgeglichen werden kann.
doch zurück zur mode. ein aufschrei des entsetzens geht durch die modebranche, wenn multis wie prada rückläufige umsatzzahlen verlautbaren. ich behaupte, dass uns diese nachricht anlass zum jubel sein sollte. jubel, weil die aufbrechende omnipräsenz der giganten endlich wieder platz lässt für gute, echte mode. für labels, hinter denen menschen stehen, die noch wirklich mit ihren produkten verbunden sind. für kreative köpfe, die dem markt endlich die so lange benötigte innovation bringen. für marken, bei denen der größte teil der wertschöpfung wieder ins produkt fließt, nicht ins marketing.
„weniger, dafür vom guten“ heißt für jeden einzelnen modeunternehmer, sich auf seine stärken zu besinnen. warum muss ein jeans-spezialist denn in gottes namen auch t-shirts, gürtel, taschen, sonnenbrillen, parfums, cds, skateboards, vespas, schmuck, handtücher und bettwäsche produzieren? warum kann er nicht bleiben was er ist und worin er gut ist?
klar, in jedem business-handbuch, in jeder manager-zeitung, in allen erfolgs-seminaren wird expansion als zustand der höchsten glückseligkeit beschrieben. so wie in jedem frauen-magazin, in jedem psycho-training und in jedem lebensratgeber auch drinnen steht, dass man seine persönlichkeit gefälligst weiterzuentwickeln hat. beide ideale, die expansion und die weiterentwicklung mögen in ihrem grundgedanken nicht schlecht sein, nur sind meist die falschen ursachen motor des strebens nach mehr, besser und überhaupt. die firma expandiert, weil schon das kernprodukt nicht optimal läuft, der mensch verändert sich, weil er mit sich selbst nicht zufrieden ist.
ist die derzeitige wirtschaftslage, der stillstand oder die rezension nicht eine chance, die man nützen sollte, um inne zu halten und hart mit sich und seinem unternehmen ins gericht zu gehen? ich denke ja. denn wer expansion, das streben nach mehr und zuwachs braucht, um defizite zu verstecken, der sollte wohl erst gar nicht starten. die augenscheinlichsten beispiele, was passiert, wenn die eigenen wurzeln abhanden kommen, liefern jene branchen, die in den letzen jahren die negativschlagzeilen anführten.
zuerst die it-branche. ein sammelbecken für leute mit ausgeprägtem hang zur selbstüberschätzung und geringer fachkompetenz. danach die modebranche. eine branche, die vor lauter marketing-hörigkeit beinahe vergaß, dass man neben anzeigenkampagnen auch funktionierende und schöne kollektionen herstellen sollte. und zu guter letzt die werbebranche, in der zu viele selbstberufene gurus zu viel geld für oft nicht mehr nachvollziehbare leistungen verlangten. in allen drei branchen wurde über den expansionsgelüsten oft vergessen, wo die kernkompetenzen und die eigenen stärken liegen. diejenigen, die das tief der drei branchen durchschritten haben, präsentieren sich zumeist um altlasten ärmer und um innovationen reicher. die karten sind neu gemischt. an die stellen, die früher von unbeweglichen platzhirschen belegt waren, kann jetzt neues treten. der lähmende alltagstrott gehört der vergangenheit an, es macht wieder spaß.
in der mode haben die viel zitierten „schlechten zeiten“ bisher - meiner bescheidenen meinung nach - extrem viel gutes gebracht. so ist manches sinnentleerte marketing-brand ganz verschwunden. viele, die sich verzettelt hatten, fanden wieder zurück zu ihren stärken. jene, deren preis-leistungsverhältnis nicht stimmte, bekamen die rechnung präsentiert. marken, die uns uniformieren wollten, blieben auf ihren lagerüberhängen hocken. brands, labels und designer allerdings, die wirklich überzeugen, die gute, nachvollziehbare produkte und leistungen bieten, sie alle sind stark wie nie zuvor. klar, betrachtet man das gesamte branchenvolumen, so bleibt nach dem tief bestimmt weniger. doch oft: weniger, dafür vom guten.
martina müllner
pool journal