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illustration: katharina berndt
the beat goes on
manila, 4.44. draußen rauschen die blätter der palmen an der promenade unaufhörlich im nachtwind. sie liegt in diesem viel zu weichen bett, hat die decke auf den boden getreten und ist zu aufgeregt vor dem kommenden tag, als dass sie einschlafen könnte.

sidney, 6.44. da war sie wieder, in der buslinie, die vom außenbezirk in die stadt hineinführte. er ging den gang nach hinten an den tratschenden frauen mit den kinderwägen im mittelteil vorbei, und bevor er in der reihe vor ihr platz nahm, lächelte er sie an ... und sie endlich zurück.

wladiwostock, 7.44. als nach dieser endlosen nacht draußen die sonne ihre ersten strahlen rot vor freude am himmel ankündigte, erblickte ihr kind endlich das licht der welt und tat sogleich seinen ersten schrei, woraufhin sie beide weinen mussten ... hand in hand.

honolulu, 10.44. endlich wird er von der lehrerin für sein referat an die tafel gerufen. er ist so nervös, dass er angst hat, seine stimme würde wieder brechen oder gar versagen. wie gestern mit seiner wild gewordenen mutter in der stadt. er seufzt.

seattle, 13.44. nach elf wochen im krankenhaus kommt er an diesem mittag endlich nach hause zurück, mit dem herzschrittmacher in seinem körper. seine frau sitzt auf der veranda, als die sanitäter ihn bringen und zur ihr hoch begleiten. da beginnt sie zu zittern.

rio de janeiro, 17.44. der heiße sand unter ihren körpern und die sonne am himmel hat ihn einschlafen lassen, und sie wagt es zum ersten mal, seinem herzschlag zu lauschen, legt ihre ohren auf seine schmale brust.

paris, 22.44. er greift nach ihrer sommerbraunen hand auf dem weißen tischtuch, meint, dass sie ihm immer viel bedeuten werde, da fällt ihre erste träne auf die foie gras, inmitten all der schicken leute.

zu jeder zeit, an jedem ort, in jedem menschen flimmern, klopfen, verschließen oder verkrampfen sie sich, schlagen sie bis zum hals, gehen auf oder über, rutschen sie in die hose, werden krank oder brechen – herzen.

das sind rund 6,8 millarden herzen (welche während der embryonalentwicklung als eines der ersten organe enstanden sind), die ohne unserem zutun jeweils ca. 4,9 liter blut pro minute durch den körper pumpen. dabei wird das mit sauerstoff angereicherte blut aus der rechten herzkammer in den körper hinein gepumpt, womit die durchblutung aller organe gesichert wird. unser größtes pumporgan ist das wichtigste zugleich, ohne ihm funktioniert unser körpersystem nicht.

erkrankt ein herz, gelingen der medizin mittlerweile lebenserhaltende wunder. sie überlistet müde herzen mit elektrischen schrittmachern, sie ersetzt kranke herzen durch kunstherzen oder transplantiert spenderherzen und führt schwierige operationen an offenen herzen durch. dabei wird die haut aufgeschnitten und zu allen seiten weggeklappt - mitten auf der brust ein offenes loch, worin über leben und tod entschieden wird. tritt dieser schlußendlich ein, so hängen der letzte herzschlag und der letzte atemzug stets zusammen.

solange unser herzschlag aber einmal mehr, einmal weniger regelmäßig ist, so lange leben und atmen wir. nicht nur dank unserer herzen, sondern auch in ihnen.

das herz, es könnte gut der sitz der seele sein. der ort der subjektiven, emotionalen äußerungen unseres menschseins. oder zumindest kann dieser nicht weit davon entfernt sein. denn das herz scheint den berührungspunkt zu unserem innersten darzustellen, steter indikator unseres eigentlichen gefühlszustandes zu sein. deshalb wird das herz in zahlreichen metaphern zur beschreibung der unterschiedlichsten individuellen zustände herangezogen – weil diese für alle unmittelbar nachvollziehbar sind.

ist unser zustand negativ, beängstigend, unangenehm, schmerzvoll oder beklemmend, wird sich unser herz beziehungsweise die körpergegend rundherum ebenso anfühlen. etwas krampft sich zusammen oder zerbricht; die innere befindlichkeit scheint sich im herzmuskel zu manifestieren. sich dabei rational etwas vormachen zu wollen, wird nicht funktionieren, weil sich das psychosomatische gefühl nicht verdrängen lässt. in solchen situationen bleibt einem kaum etwas anderes übrig als abzuwarten ... oder daran zu arbeiten, dass die äußeren umstände derartig eingerichtet sind, bis körper, geist und seele wieder im einklang mit der (um)welt sind, damit sich die verkrampfungen im herzen wieder lösen können.

nur in solch einem entspannten, sicheren und wahren zustand kann man dem sogenannten ruf seines herzens folgen. der ist weniger kitschig, als er gerne „verwendet” wird, und ertönt bloß dann, wenn man ganz bei sich ist. dieses innere drängen ist zumeist ein schönes, weises, ehrliches; etwas vom guten getriebenes, dem zu folgen für ein gelungenes leben es sich durchaus empfiehlt (natürlich nicht, ohne die gedankliche vernunft dabei völlig außer acht zu lassen). denn zahlreiche erstrebenswerte eigenschaften scheinen tiefen herzzuständen zu entspringen – seien es freude, güte, mitleid oder - das größte aller gefühle und herausforderungen – die liebe.

das herz stellt beim ausbruch dieser menschlichkeiten nicht nur das eingangstor zur seele der jeweiligen person dar, sondern befindet sich – wie man so schön sagt – auch am rechten fleck; also dort, wo der mensch ein wahrer mensch ist. und wenn er sein herz dann auch noch erhebt – wie es ein katholisches gebet fordert – kommt man vielleicht sogar dem göttlichen im menschen nahe.

dieser spirituellen aspekt mag sich abgeschmackt anhören und naiv wirken, wie die sehnsucht nach dem reinen herzen der kindheit; in der welt des 21. jahrhunderts, in welcher der mensch nach anderen dimensionen strebt, in welcher er ein großes haus, ein großes auto, einen großen freundeskreis und ein großartiges leben haben will, in welcher er sich ungeniert größenwahnsinnig verhält, weltmeere ausfischt, gebäude errichtet, die in den himmel ragen und mit schwindelerregenden kapitalgrößen jongliert. aber ohne einem großen herzen, welches über die eigenschaft sich zu öffnen verfügt, bleibt all dies nichtig.

das herz, es könnte der sitz der seele, der ort der emotionalen äußerungen unseres menschseins sein, meint marlene kelnreiter in ihrem essay über die große faszination weltweit schlagender, flimmernder und pochender herzen …

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