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yielding fruit
natur macht ruhig, offen und klar. schon ein kurzer moment inmitten von pflanzen und tieren lässt unsere seele aufatmen, den geist erwachen und kraft spendende energie entstehen. ein essay über die enge verbindung des menschen zur natur und unsere ewig anhaltende sehnsucht nach der blühenden wiese, dem rauschenden meer und dem garten unserer träume.

„alles, was gegen die natur ist, hat auf dauer keinen bestand.“

charles darwin

ein spaziergang durch den wald, der blick über das meer erfüllt uns mit freude und reinem glück. der blick des menschen in die natur geht einher mit dem angenehmen gefühl des daseins. warum das so ist, versucht der promovierte philosoph und meeresbiologe andreas weber in seinem werk „alles fühlt – mensch, natur und die revolution der lebenswissenschaften“ heraus zu finden. dabei kommt weber zu einer grundsätzlichen erkenntnis: tiere und pflanzen sind uns inniger verwandt, als wir lange angenommen haben. an all der fauna und flora um uns „erfahren wir die zentralen dimensionen unserer gefühle, ohne die wir seelisch verkümmern müssten.“ dies sei auch der grund, warum der mensch sich so sehr von der natur angezogen fühlt. nur wenn wir die natur bewahren, so weber, lasse sich langfristig auch unsere eigene humanität und freiheit erhalten.

dass die freude, die sehnsucht nach anderen lebewesen und der natur keiner sentimentalen, romantischen oder esoterischen illusion entspringt sondern vielmehr unserem ewigen lebenswunsch entspricht, dafür legt der deutsche meeresbiologe in seinem buch ein deutliches plädoyer ab. weber zitiert den griechischen philosophen aristoteles, der auch tierforscher war und schon vor über 2.000 jahren zu folgender erkenntnis kam: „alles lebendige strebt nach sein. ein wesen sehnt sich zu sein, zu dauern ... mehr zu sein. es dürstet danach, sich zu entfalten, fortzupflanzen, auszubreiten, mehr von diesem kostbaren stoff aufzusaugen, dem man einatmet – diesen durst nennt man leben.“ sein und entfalten kann sich der mensch erst aus der gesamten natur heraus, die ihn umgibt.

es gelte daher, die natur nicht nur zu schützen, weil sie uns nützt oder schon vor uns da war, sondern weil wir sie lieben und brauchen: der mensch ist teil der natur und natur ist teil von uns. bereits in der felskunst der vormenschen - bis zu den heutigen aborigines - sind es fast immer tier-lebewesen und kreaturen, die symbolisch zur selbstfindung und zum menschlichen selbstverständnis gedient haben. auch leben und lebten viele stammesvölker stets in enger beziehung und ehrfurcht zu tieren, pflanzen und sogar steinen. für viele humanökologen ist heute klar, dass tiere für die menschen des altertums notwendig waren, um die eigene welt zu verstehen: natur war ordnung, eine form von gesellschaft, die zueinander in einer vielzahl von beziehungen stand.

anhand des verhaltens von kindern kann der in uns vorhandene enge bezug zur natur sehr gut beobachtet werden. bewegen sich kinder in der natur, so klettern sie sofort auf bäume, planschen im wasser, sammeln stöckchen, blüten, käfer und würmer – sie sehnen sich danach, in eine zutiefst bewegte welt einzutauchen. schon das erste bilderbuch eines jeden kindes ist ein tierbuch, und das in jeder kultur. kinder sind fasziniert, förmlich magnetisch angezogen von tieren. bis hin zum stoff- und kuscheltier gehört das tier zu einem wesentlichen bestandteil in diesen prägenden jahren des heranwachsens. kinder lieben hunde, katzen, schlangen, löwen, elefanten, affen, tiger und nashörner wegen deren lebendigkeit - und auch dafür, sich eben dadurch selber besser verstehen zu lernen. der anthropologe claude lévi-strauss hat die hypothese erstellt, dass das tier „für das wilde denken“ im menschen notwendig ist. der humanökologe paul shephard meint gar, das sechsjährige geistig und seelisch noch immer „die kinder prähistorischer jäger“ sind. wie auch immer: „jede berührung mit der natur erschüttert unser selbstverständnis als biologisches wesen, wie der windhauch die krone eines baumes“, drückt es der philosoph andreas weber aus.

wer genauer auf unsere lebensformen blickt, kann „die spur des natürlichen“ überall erkennen – auch in den städten, auf den straßen, in den häusern und wohnungen. neben großstädtischen parks und grünflächen ist natur vor allem in vielen privatgärten, dachgärten, an blumtöpfen auf fensterbänken und anhand schmückender natur-elemente sicht- und fühlbar. tischdecken, tapeten und interieur-dekoration werden geziert von musterungen aus blumen und blüten. natur manifestiert sich beim menschen auch in der engen beziehung zu den haustieren, welche seit vielen jahren nicht nur als nutztiere dienen sondern soziale und emotionale sehnsüchten befriedigen.

„alle unsere eigenschaften, auch die menschlichsten, sind aus organischem boden entwachsen!“ befindet der meeresökologe weber. „deshalb kann sich der mensch nur ganz verstehen, wenn er sich als kulturwesen innerhalb der natur versteht.“ das größte risiko der umweltzerstörung sieht weber deshalb darin, dieses verständnis zu verschütten. wie stark naturgesetze auf unser verhalten wirken, zeigt sich in vielen facetten des menschlichen daseins. stimmungsschwankungen, triebe und instinkte begleiten und bestimmen unser ganzes leben und verhalten. die worte „gier“ und „machtstreben“ zeigen deutlich auf, wie sehr der scheinbar zivilisierte, moderne mensch nach wie vor von animalischen instinkten und emotionen angetrieben ist. zu dieser erkenntnis gelangen auch der wirtschaftsnobelpreisträger george a. akerlof und der ökonomieprofessor robert j. shiller in ihrem werk „animal spirits“. darin tritt zu tage, wie sehr (wirtschaftliche) entscheidungen zumeist auf „animalische instinkte“ zurück zu führen sind - manchmal auch mit zerstörerischem ausgang. von der natur lernen wir jedoch, dass selbst die größte katastrophe sich in kurzer zeit wieder in blüten verwandelt - und damit hoffnung für uns selbst entsteht. der baum beispielsweise symbolisiert in vielen tradierten kulturen das leben und die erneuerung: nach jedem „tod“ im winter folgt im frühjahr das erwachen, begleitet von wachstum und früchten. produktivität, neuheit, harmonie, aber auch auflösung und scheitern sind also nicht nur teil des menschen, sondern gehören zum selbstverständnis der gesamten natur. alles was lebendig und schöpferisch ist, im zustand ständiger erneuerung, kann deshalb auch durch pflanzensymbole ausgedrückt werden.

„nichts ist so vollkommen wie die weisheit der natur“ lautete das motto der expo in japan vor einigen jahren. die natur hatte lange zeit, all die faszinierenden farben, formen und funktionen zu entwickeln, zu perfektionieren. „ich habe noch nie eine ameise gesehen, die für mich kein objekt der schönheit war!“, meint etwa der evolutionsbiologe und theoretiker der menschlichen natur, edward o. wilson. pflanzen und tiere sind hervorragende ideengeber für innovative produkte des menschen. unzählige designs, produkte und abläufe der modernen lebenskultur, haben ihr vorbild in der natur - vom metallischen glanz und bunten farben tropischer vögel und käfer, deren entstehen nicht durch pigmente sondern begründet ist, sonder die ergebnisse bestimmter physikalischer gesetze sind und bei kosmetikprodukten und farbherstellern einfluss üben, über die stacheln des igels und stachelschweins als vorbild für sparsame, elastische strukturen bis hin zum glühwürmchen, dessen erzeugung von kaltlicht nahezu ohne energieverlust abläuft. aus der natur lernen wir überdies, dass es einfach nicht gesund ist, riesige, zentrale monopole zu schaffen, sondern vielmehr flexible einheiten zu bilden. die vielen, freiheitsliebenden organismen zeigen uns dies klar und deutlich. immerhin ist „die freiheit eine gabe des meeres“, wie der ökonom und soziologe pierre joseph proudhon bereits anfang des 19. jahrhunderts festgestellt. eine erkenntnis, die bis heute ihre gültigkeit bewahrt hat und als metapher für das leben gelten könnte.

„jede berührung mit der natur erschüttert unser selbstverständnis als biologisches wesen.“ in seinem essay zur natur skizziert helmut wolf die enge verbindung des menschen mit der natur, die sich in vielschichtiger, täglich fühlbarer art und weise äußert.
buch-quelle: „alles fühlt - mensch, natur und die revolution der lebenswissenschaften“ von andreas weber, berlin verlag

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