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und ich mittendrin
man hörte ja schon anfang der 90er jahre viel über berlin, vor allem von den sogenannten „illegalen parties“. mich lockte es damals trotzdem nicht besonders. und außerdem: illegale parties - was für ein quatsch, dass parties illegal sein können ...
berlin kam mir stückchen für stückchen näher in die wahrnehmung. liebe freunde besuchten mich anfang der 90er auf ihrem weg nach berlin und erzählten mir von einer „loveparade“. später hörte ich dann von clubs wie dem „tresor“ und dem „e-werk“, von vielen billigen wohnungen und einer unglaublichen aufbruchstimmung. über die jahre summierte sich die anzahl der leute, die einem erzählten, dass sie nach berlin umziehen oder zumindest gerne umziehen wollen. jeder kannte jemanden, der gerade nach berlin umzieht, so dass man schon fast den eindruck gewann, der rest der republik würde zur provinz verkommen.
für mich und meine freunde klang das zwar ganz interessant, aber an einen umzug nach berlin war vorerst nicht zu denken. abgesehen davon, dass die winter dort noch kälter sind, waren wir mit unserer kölner kreativagentur (noodles noodles & noodles corp.) gut beschäftigt. wir feierten auch tolle parties und eine schöne location zum wohnen und zum arbeiten hatten wir auch - also warum nach berlin gehen?! anfang 2000 mieteten wir eine knapp 1.000 m2 superfeine fabrikhalle im kölner rheinauhafen. die location lag malerisch zu füßen einer riesigen stahlbrücke, die über den rhein führte. es hatte ein bisschen etwas von new yorks brooklyn-flair, so wie am hudson river, jedoch ohne skyline - wir hatten aber schon immer viel phantasie. dort präsentierten wir parallel zur kölner möbelmesse erstmals unsere möbelkollektion „noodles-authentic-furniture“. das alte fabrikambiente passte perfekt zu den möbeln und in kombination mit einem geschmackvollen catering, unseren „loungigen tunes“ und den videoinstallationen wurde eine phantastische atmosphäre geschaffen. in den darauf folgenden zwei jahren, mutierte der showroom zur angesagtesten partylocation im raum köln. in dieser zeit lernte ich auch karl-heinz müller kennen, der gerade mit seinem store „14oz.“ im textileinzelhandel für furore sorgte. im rahmen unserer aktivitäten als werbeagentur haben wir bald eng zusammen gearbeitet und uns schätzen gelernt. eines tages kam karl-heinz, inspiriert von einem besuch bei adidas in der herzogenauracher zentrale auf die idee, ein besonderes fashion-event zu veranstalten. damit wurde der startschuss zu jener modeveranstaltung gelegt, welche heute unter dem namen „bread & butter“ international für aufsehen sorgt. dieses event findet nun in berlin statt, nachdem die ersten drei veranstaltungen in köln über die bühne gelaufen sind. doch wie kam es zu diesem umzug nach berlin? eine durchaus erfolgreiche veranstaltungsreihe mit rund 250 unternehmen von einer stadt in eine andere stadt zu verlagern, ist ja nichts, das man willkürlich beschließen kann, geschweige denn dann auch noch funktioniert!
nun, berlin hat schon eine starke anziehungskraft. die stadt und ihre geschichte ist so besonders, so aufregend, so interessant, dass es ziemlich schwer fällt, sich der daraus entstehenden attraktivität zu entziehen. auf reisen stellte ich fest, dass von allen deutschen städten berlin die bekannteste ist. darüber hinaus wird berlin auch als die spannendste stadt gesehen. nicht nur deutschlandweit, auch im europäischen vergleich. seit dem mauerfall greift geradezu eine „berlin-mania“ um sich. selbst in den ewig hippen metropolen london und new york gilt berlin als „hot“! eine stadt in deutschland „hot“, en vogue, angesagt ?... eigentlich unglaublich! hauptsächlich ist das wohl auf den umstand zurückzuführen, dass diese stadt viel freiraum für entwicklung bietet. in den 20er jahren - in fragen der moderne - vom rang her ebenbürtig mit paris, im krieg massiv zerstört, in den nachkriegsjahren zerteilt, ist berlin seit der wiedervereinigung und der wiederernennung als hauptstadt deutschlands in einer rasanten entwicklung.
wenn ich mir vor augen führe, wie sich das zentrum der geteilten city um ein paar kilometer in den ehemaligen ostteil rund um den alexanderplatz und den bezirk prenzlauer berg der stadt verschoben hat, und sich nun treffenderweise „mitte“ nennt. es ist faszinierend zu sehen, wie ein zentrum einer metropole im zeitraffer tempo neu entsteht. einzigartig würde ich sagen, wenn es auch gewisse parallelen zur geschichte von soho in manhattan gibt, welches anfang der 60er jahre auch nichts anderes als ein reines industrieviertel mit viel leerstand war. innerhalb von nur zehn, zwanzig jahren hat sich dieser stadtteil zum zentrum der kreativen szene entwickelt und steht repräsentativ für das neue new york city. auch in berlin-mitte hat ein fast kompletter austausch der anwohner stattgefunden. wurde ein haus erst mal komplett saniert, sind in den meisten fällen auch neue mieter eingezogen. ständig eröffnen neue galerien, cafés, bars, shops ... es laufen viele kulturelle und ambitionierte projekte. es entsteht eine neue architektur, ein neuer kosmos und besucher aus der ganzen welt reisen an, um diese metamorphose abschnittsweise mitzuerleben. im vergleich internationaler metropolen sticht berlin hinsichtlich wohnung, loft, office-space in zwei punkten besonders heraus: erstens, es sind noch viele sachen zu haben und zweitens, es ist bezahlbar!
ich jedenfalls freue mich sehr, jetzt hier zu sein. an einem ort, wo die dinge im fluss sind, sich neu formen und man die chance hat, sich einzuweben in das gebilde, das gerade entsteht. paris, london oder new york sind derart verdichtet, dass es sehr schwer fällt, fuß zu fassen. die karten sind verteilt, die reine existenz exorbitant teuer - wenn man nur mal alleine an die mieten für einen raum in form eines schuhkartons denkt, für den 1000 euro, pfund oder dollar zu zahlen sind.
gerade erst haben wir einen bread & butter-soundtrack produziert. das stück heißt „berlin“ und ist ein sample von kennedys berühmten zitat „ich bin ein berliner“, remixt und mit knackigen beats versehen. john f. kennedys aussage aus dem jahre 1963 - „all free men, where ever they may live, are citizens of berlin, and, therefore, as a free man, i take pride in the words: ich bin ein berliner“ - war vielleicht nicht so gemeint, wie ich sie jetzt verstehe, aber ich finde sie absolut zeitgemäß ...
kristyan geyr
pool journal