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begnadete unterhalter
„exzentrik bedeutet freiheit“, umschreibt avantgarde-musiker holger czukay jenen begriff, der jeden von uns vielleicht näher steht als wir denken. das phänomen exzentrik ist seit jeher ausdruck unverwechselbarer individualität, was gerade in zeiten langweiliger massenkultur und uniformierung eine ganz besondere bedeutung erlangt.
„wir lieben die vorstellung, in unserem leben auf etwas exotisches und seltsames zu stoßen, insgeheim sogar fürchtend, es selbst in uns zu entdecken“, umschreibt der englische psychologe david weeks jene unberechenbarkeit, die uns menschen seit jeher an der exzentrik fasziniert und unser ambivalentes verhältnis dazu aufzeigt. als weeks die idee hatte das thema exzentrik zu erforschen, wusste er anfangs gar nicht, wie er beginnen sollte. schließlich gab es bis dahin noch keine studie über diesen bereich und wie sollte man an die sogenannten exzentriker kommen, welche ja im medizinischen sinne nicht krank sind und sich schon gar nicht mit den worten „hallo, ich bin exzentrisch“ melden würden. auch die grundsätzliche frage, was exzentrik eigentlich sei, war vorerst nicht leicht zu definieren. dank des großen interesses seitens der öffentlichkeit und der medien wurde das projekt jedoch zu einem erfolg, und das forschungsergebnis über rund 1.000 exzentriker aus allen sozialen schichten enthielt viele interessante aspekte.
„unangepasst, stark durch neugier motiviert, kreativ, idealistisch“, lauten die vier wichtigsten eigenschaften, die die studie von david weeks hervorbrachte. jeder exzentriker verfolge unbeirrbar sein „ding“, ist überzeugt davon, mit seiner einschätzung richtig zu liegen und ist sich schon von klein an bewusst, anders zu sein. auch verfügen exzentrische personen über einen ausgeprägten, ungewöhnlichen sinn für humor, aus dem sie stärke und freude gewinnen. immer wieder wird betont, wie wesentlich ihr humor in einer zunehmend konformistischen welt für das wohlbefinden und die selbstachtung ist. beispiele wie jenes des cheppewa-indianers und studienteilnehmers marvin staples, der stets rückwärts geht, weil er sich durch seine rückwärtsgewandte lebensweise jünger fühle und von seinen chronischen rückenschmerzen befreit sei, unterstreichen nicht nur den kreativen sondern auch den humoristischen aspekt. interessant wird es bei dieser „massenbeobachtung“ auch immer dann, wenn es sich nicht um große und bekannte exzentriker unserer geschichte und zeit dreht. der forscher porträtierte vielmehr jene menschen, die jeder auch aus seinem persönlichem umfeld kennt und welche sich gerade wegen ihrer exzentrischen neigung und ihres originellen verhaltens eines besonderen platzes im sozialen gefüge erfreuen. „jeder von uns wird als etwas besonderes geboren. man muss nicht der masse folgen“, betont beispielsweise die „begnadete unterhalterin“ norma jean, eine der 480 weiblichen studienteilnehmerinnen, „ich pflege die dinge in einer etwas schrägen manier natürlich wahrzunehmen, und wenn man bereit ist ein risiko einzugehen, kann man sein leben mit neuem reiz erfüllen.“
wichtig sei, so autor david weeks, festzustellen, dass exzentrik im vergleich zur neurose eine gänzlich freie entscheidung ist. wobei dies bei frauen eine gehörige portion mut erfordert, schließlich wird vom weiblichen geschlecht zumeist folgsamkeit und hilfsbereitschaft erwartet. jedoch: was der eine exzentrik nennt, ist für den anderen eine akzeptable abweichung. gerade bei der definition dieser verhaltensweise spielen soziale und kulturelle hintergründe eine entscheidende rolle. denn selbst im heutigen „global village“ wird das, was in new york oder london als „normal“ gilt, einem tahitaner oder nigerianer ziemlich seltsam vorkommen. in japan wird ein höherer grad an konformität erwartet, den franzosen dagegen gefalle eher das exzentrische prinzip.
als herzstück der exzentrik gilt allgemein die kreativität, was wiederum erklärt, wieso dieser gruppe so viele künstler angehören. „wir stellten fest, dass hier außerordentlich erfinderische menschen tätig waren, die sich in jedem nur denkbaren medium ausdrückten“, so der psychologe und publizist weeks zur studie. auch der unerschütterliche optimismus, der allen exzentrikern eigen ist, war essentieller bestandteil. „ihre positive lebenseinstellung, die fröhlichkeit war ansteckend. hätte man dieses positive glückselexier extrahieren und in flaschen abfüllen können, wären wir millionäre.“ der optimismus strahlt nicht nur auf das eigene leben ab, sondern erweiterte sich zu einem allgemein verstandenen idealismus, zu einer humanitätsliebe. exzentriker scheinen deshalb auch generell glücklicher zu sein als andere menschen, erklärt der engländer. dies assoziiert wiederum, warum sich diese menschengruppe fast durchwegs bester gesundheit erfreut: „wir sind gesünder, weil wir glücklicher sind“, könnte das credo aller exzentriker lauten. im durchschnitt gingen die studienteilnehmer nur alle acht jahre zum arzt und dann nur deshalb, wenn es sich um die diagnose und behandlung einer schweren krankheit handelte. exzentriker seien einfach weniger stress ausgesetzt, da sie keinen zwang zur anpassung empfinden. und weniger stress heißt, dass das immunsystem effizienter arbeiten kann.
die untersuchung hat gezeigt, dass bestimmte formen „abweichenden verhaltens“ nicht nur heilsam sein können, sondern dass die originellen eigenschaften der exzentriker im grunde genommen unentbehrlich für den sozialen organismus sind. oder um david weeks zu zitieren: „die evolution der menschheit bedarf der exzentriker.“
helmut wolf
pool journal