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thinking, building, living
... in dieser reihenfolge, um es wie der philosoph martin heidegger zu formulieren, ließe sich wohl die aufgabe jedes guten architekten, der zugleich künstler ist, unaufwendig und präzise beschreiben. der architekt als künstler, der künstler als philosoph. und der philosoph als mensch, der den menschen als das maß aller dinge anerkennt. wohnen in der dramaturgie des architekten, dem der mensch und das menschliche als ausgangspunkt seiner entwürfe dienen, dem er mit seinem bau und dessen innerer organik genauso gerecht werden will, wie mit dem äußeren erscheinungsbild.

nicht allein die sofortige wiedererkennbarkeit eines bauwerkes oder eines designerentwurfes, auch der grad seiner tatsächlichen benützbarkeit im tagesablauf spiegeln seine reale originalität. zu einem „original“ werden die werke eines architekten und designers, dessen entwürfe schon zu lebzeiten innerhalb der geschichte den rang von klassikern einnehmen. es sind die entwürfe ohne ablaufdatum, deren zeitlosigkeit über moden und stile hinweg faszinieren und deren originalität uns noch jahrzehnte später staunen lassen. es ist das ungewohnte am gewohnten, das ei des kolumbus der architektur. unspektakulär in der anwendung, spektakulär in seiner wirkung – ein feiner schritt für den entwerfer als großer schritt für die menschheit.

wand an wand, die zimmer aneinandergereiht, so scheint uns die europäische architektur seit jeher vertraut. wände dienen in unserer traditionellen form der architektur zur abgrenzung von verschiedenen zu benützenden zonen. bei adolf loos, dem architekturstar der wiener moderne „at the turn of the century” gehen form und funktion, anders als gewohnt, jedoch geradezu ineinander fließend über, bedingen einander auch vom wohl durchdachten grundriss her. so werden stauräume in form von „closets” als wandschränke bei beginn der planung mitgedacht. hier wird der architekt vom baumeister zum baukünstler, der organisch logisch denkt. die logik der funktionalität bestimmt die form der lösung. dramatik gepaart mit der großzügigen eleganz des grundgedankens. loos erreicht stets ein maximum an rationalität, bei einem maximum an haptisch und räumlich erlebbarer emotionalität.

nicht im ursprünglichen sinn erfindet loos, er findet vielmehr im „mozart’schen sinn“, kombiniert, verwendet und wendet an. wie ein kind in genialer unbefangenheit, nennt auch er alle auf ihn zukommenden männer „papa“ und macht sich sogleich selber zum vater jedes willkommenen gedankens. damit steht es ihm auch frei, bereits von anderen generationen erprobtes sinnvoll wieder zueinander finden zu lassen. loos erschafft das jeweils seinem geist und denken verpflichtete original, unverwechselbar im ganzen und unverkennbar im detail, fast aber immer aus bestehendem. oft kommt die tradition, der er folgt, aus dem englischsprachigen raum, wo wohnen und leben stärker als bei uns im miteinander existieren. loos bedenkt im planungsstadium der räume schon die zwischenräume mit – er denkt stets im kleinen groß.

loos ist ein meister im umgang mit übergängen. er spielt mit niveauverschiebungen und raumhierarchien. in seinem letzten gebauten haus, für seine hausangestellte, schiebt er das kopfende des bettes innerhalb einer dadurch entstehenden raumnische über die grenze eines schlafzimmers hinaus – bis in den luftraum oberhalb des darunter befindlichen treppenhauses hinein. loos gewinnt damit der kleinheit dieses zimmers größe ab, die er dem treppenhaus darunter entzogen hat – ohne aber dem gesamteindruck zu schaden. kurz formuliert: ein gewinn an raum und eine verbesserung des bewohnbarkeitsfaktors, durch einfache einsparung von unnützer verschwendung.

adolf loos ist ein strenger beobachter, der jede erneuerung, die nicht zu einer verbesserung führt, als eine verschlechterung bezeichnet. in anbetracht der vielen bauten, die seither ohne einbeziehung der erkenntnisse aus seinem schaffensprozess entstanden sind, möchte man ihm recht geben. wäre da nicht, zusammen mit einigen anderen, ein architektengenie wie der schweizer peter zumthor aus den reihen namenloser architektur hervorgetreten. viele seiner arbeiten, wie das kunstmuseum im österreichischen bregenz oder die graubündner therme in vals in der schweiz, treiben jeden gedanken, der den jeweiligen bauaufgaben zunächst zu grunde liegt, auf seine intellektuelle und individuelle spitze.

wie adolf loos vollendet auch der international bekannte schweizer architekt peter zumthor seine aufgabe erst gedanklich im bau. dies lässt sich am beispiel des kunstmuseums in bregenz gut erkennen. nahe dem seeufer des bodensees, zwischen bahnhof und schiffsanlegestelle, an der peripherie der stadt inmitten gesichtsloser gebäude der vorigen jahrhundertwende, findet sein museum für zeitgenössische kunst ein auf den kern der funktion fokussiertes dasein. mit seiner hellen hülle bezieht das gebäude die außenwelt mit ein, wechseln sich stimmungen mit dem tageslicht. der blick des besuchers wird alleine nach innen auf die kunst hingelenkt. selbstverständlicher kann sich eine idee wohl nicht manifestieren, als dies zumthor hier unaufgeregt gelungen ist. zwischen der gläsernen hülle und den eigentlichen stützmauern verschiebt der architekt mithilfe eines ausgeklügelten grundrisses alle funktionen. notwendiges, wie personen- und transportlifte, treppen und anderes mehr bleiben damit ohne weiteren „einfluss“ auf die von tageslicht erhellten, ruhe und transparenz ausstrahlenden, ausstellungsräume.

faszinierend zeigt sich auch die von zumthors gestaltete therme im schweizerischem vals. die therme überzeugt schon auf den ersten blick durch eine zeitlose und fundamentale architektursprache, welche vollkommen unaufdringlich jedem besucher den gebauten willen ihres schöpfers zu gestalteter funktionalität geradezu traumwandlerisch vermittelt. die architektur erschließt sich hier in der benützung wie von selbst. ob es nun die verschiedenen becken sind, die einmal durch untertauchen oder durchschwimmen einer niedrigen schleuse erreichbar sind, oder die geräusche des wassers, welche als echo zurückgeworfen werden.

auch der dampfraum der therme wird auf eine ungewöhnliche art seinem namen gerecht. dieser ist gänzlich aus schwarzem stein und wird mit von innen erwärmten ruhebänken in dämmrig-unsichtbare nebelschleier getaucht. die ruheräume geben mit ihren sensibel gewählten fensterausschnitten einen „behutsam“ konkreten ausblick auf die das bad umgebende bergwelt. dieser blick auf die berge hinterlässt ebenso einen besonders kraftvoll bleibenden eindruck wie die steine, deren innenleben elektronisch zum klingen gebracht werden. fühlen und denken des architekten werden hier in ihrer gebauten form zum individuellen erlebnis für jeden, der in diese welt eintritt.

zusammenfassend lässt sich über die beiden architekten adolf loos und peter zumthor sagen, dass sie nicht „frisieren“ sondern das gewohnte grundlegend verändern. in sehr unterschiedliche zeitströmungen hinein geboren, sind der österreicher loos und der schweizer zumthor dennoch geistes- und seelenverwandte. beide sind vertreter jener architektenschule, die mit ihren selbstständig gestaltenden philosophen weit über die bloße erfüllung von gestellten bau-aufgaben hinausgereift ist. mit diesem anliegen sind sie imstande, uns das leben zugleich erträglicher und bequemer, ja lebenswerter weil interessanter zu gestalten. außerdem erweitern sie mit ihrer arbeit neben dem herkömmlichen architekturbegriff auch unser vorgezeichnetes blickfeld. gerne möchte ich ihrer charmanten aufforderung nachkommen ...

bernd roger bienert
pool journal