27
 
   
illustration: antonia kühn / durchdiebank.de
the original
eine echte louis vuitton handtasche bekommt man schon ab € 400. weißer trüffel („tartufo bianco“) erzielt in manchen jahren einen kilopreis von bis zu € 9.000. und ein originalgemälde von picasso lässt sich um einige millionen ersteigern. die rein materielle wertigkeit eines originals ist genau definiert – und um in seinen genuss oder besitz kommen zu können, muss man meist erst einige scheine hinblättern. allerdings kann es auch passieren, dass man einem original eines tages recht unvermittelt gegenübersteht.

man biegt beim barcelona-besuch um die nächste ecke und steht ihr plötzlich gegenüber: gaudí’s sagrada família. oder man läuft einem strahlenden, authentischen menschen über den weg, einem lachenden kind oder dem stadtbekannten irren. obwohl wir in unserer abgebrühten wissensgesellschaft schon so ziemlich alles gesehen und gehört haben, und uns deswegen nichts mehr so schnell die sprache zu verschlagen vermag – einem original kann dies doch irgendwie gelingen. die unmittelbare begegnung mit ihm erfüllt uns unweigerlich mit so etwas wie ehrfurcht. ungewollt, aber doch auch erhofft, überkommt uns ein respekt-einflößendes und zugleich wohliges schaudern – das ist es also. soviel hat man schon davon gehört, so anziehend wirkte es bereits aus der ferne. und nun hält man es tatsächlich in händen oder steht ihm gegenüber – dem original.

das phänomen seines „faszinosums“ lässt sich wohl am besten mit dem von walter benjamin geprägten begriff der aura umschreiben. sei es ein originales kunstwerk, ein produkt oder ein mensch – mit seiner authentizität, ursprünglichkeit und präsenz beeindruckt das original, und wir können uns seiner ausstrahlung kaum erwehren. seine viel gerühmte einmaligkeit zeichnet seinen spezifischen charakter aus – und ist eine qualität, die es vor dem hintergrund unseres zeitalters des copy&paste, der billigen duplikate und der massenwaren, noch einmal umso mehr auszeichnet. darüber hinaus hat ein wahres, das heißt nicht von äußeren strategien zu einem gemachten original, seine zentrale position in sich selbst bezogen, wo es verwurzelt ist und nicht vorzugeben braucht, etwas anderes zu sein, als es eigentlich ist. das ist der grundstein, auf dem seine echtheit und einzigartigkeit beruht – seine abstammung aus der unmittelbaren nähe zum ursprung, welchen es im prinzip selbst darstellt. das original als jener punkt der quelle, wo das wasser am klarsten, frischesten und köstlichsten ist.

richtig. wenn es um ein original geht, sind superlative nicht weit: allein seine unnachahmliche einzigartigkeit stellt eine erhöhende tatsache dar, welche schimmerndes licht verbreitet, in dessen abglanz sich alles andere bewegt. ein original verspricht, beziehungsweise versprechen wir uns von ihm, nur das beste, das schönste, das ultimativste ...

gerade deswegen fungiert das original oft auch als ideal, welches vorzeigt und anspornt. als bestmöglicher ausgangspunkt setzt es maßstäbe, woran sich dann zum beispiel pepsi cola, elvis presley-imitatoren oder professionelle kunstfälscher orientieren. insbesondere in unserer gesellschaft der flexibilität bis hin zur selbstvergessenheit, erhält diese maßgebliche und über die zeiten hinweg unveränderbare beständigkeit des originals einen neuen wert. in einer welt, in der sich alles ständig zersetzt und wieder neu formiert, stellt das original mit seiner konstanten vorreiterrolle eine möglichkeit der orientierung dar – diese ist allgemein anerkannt und gibt unserem leben, das in alle richtungen offen steht, einen anhaltspunkt, an welchem wir uns beim inneren verhandeln sämtlicher konjunktive orientieren können. dabei sollte das entwickeln eigenster, unabhängiger superlative aber nicht verhindert werden. das streben nach dem strahlenden vorbild darf nicht zur bloßen imitation geraten, zur kopie ohne inhalt, welche einen fahlen nachgeschmack hinterlässt. selbst wenn es schwer fällt, muss man das original in seiner teils aufdringlichen größe ab einem gewissen punkt ignorieren, im eigenen vorwärtsstreben hinter sich lassen und sich somit aus gewissen traditionen und konventionen völlig befreien – um dann jenen mut zu entwickeln, selbst etwas originelles, neues zu schaffen; eine eigenart und echtheit zu entwickeln, die wiederum zum original werden kann.

in laufe dieses prozesses mag man vielleicht anfangen, an dem original zu zweifeln – wie ist das original eigentlich zu dem geworden, was es ist? wie wurde es gemacht und vor allem – von wem? hat einer es dazu erhoben oder wurde es von einem allgemeinen konsens als derart einzigartig erfahren? oder sind es bloße marketingstrategien, auf deren projektionen wir hineinfallen? sich diese fragen zu stellen und zu zweifeln ist berechtigt – an einem wahren original aber wird sämtliche kritik schließlich genauso abprallen, wie der wellengang am unverrückbaren fels in der brandung.

faszinierend, maßgeblich und unerreichbar – die sagenumwobene anziehungskraft des originals hat stets gewirkt und wird dies auch über die zeiten hinweg unverändert tun. alles andere bewegt sich in seinem schatten – solange es – beziehungsweise der mensch – nicht selbst danach trachtet, aus seinem eigenen, innersten kern heraus authentisch, ehrlich und ganz einfach der zu sein, der er ist. damit der mensch, welcher als original geboren ist, nicht als kopie stirbt.

marlene kelnreiter
pool journal