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häufig gestellte fragen
was inspiriert dich?
menschen. du musst die menschen lieben, wenn du für sie arbeitest. auch filme und musiker inspirieren mich. beispielsweise david bowie, brian molko oder mathieu chédid „m“, ein großer französischer sänger
was ist dir besonders wichtig?
liebe deinen nächsten
deine lebensphilosophie?
suche nach harmonie
hast du eine bestimmte zielsetzung?
daran denke ich nie
dein alltag?
leben, pragmatisch sein, auf konzerte gehen - ich liebe livemusik
welche musik magst du am liebsten, oder bevorzugst du eher die ruhe?
ich höre immer musik. als ich ein kind war, hörte ich viel klassische musik. heute mag ich jede art von guter musik. derzeit stammt meine lieblings-cd von cédric pigot, das ist avantgardistische elektronikmusik
dein bevorzugter modestil?
jener stil, in dem du dich glücklich fühlst
dein lieblingsbuch?
„lolita“ von vladimir nabokov
zeigen was ich liebe
kunst und musik sind prägende elemente in ihrem leben, obwohl die französin agnès b. eigentlich seit über 30 jahren modeschöpferin ist. dass dies kein widerspruch sein muss, dokumentiert die vielseitige persönlichkeit in unterschiedlichsten projekten und schöpferischen arbeiten, die von ihrer großen liebe zu den menschen und zur schönheit im allgemeinen zeugen.
die klaren linien der gärten im französischen versailles und die poesievolle atmosphäre des berühmten schlosses haben sich stark in das gedächtnis von agnès b. eingeprägt. gemeinsam mit ihren drei geschwistern verbringt sie hier ihre jugendjahre. an den vielen schönen plätzen und in den parks von versailles, sammelt agnès b. jene stimmungen und eindrücke, die sich für ihr weiteres leben als modeschöpferin später als stilistischen aspekte auswirken sollten. dass ihr vater, ein rechtsanwalt, schon in frühester kindheit ihren sinn für musik und kunst schärfte und es ihr ermöglichte, in der kunstschule der stadt einige zeichenstunden zu nehmen, sollte sich ebenfalls nicht unerheblich in ihrem zukünftigen schaffen niederschlagen. dies war aber schon die einzige akademische ausbildung, wie die sozial engagierte 60jährige heute betont. vielmehr entstammt der sinn für die kunst und den film aus ihrer begegnung mit ihrem ersten mann, dem verleger und kunst- und film-enthusiasten christian bourgois. mit diesem teilt sie im zarten alter von 19 jahren nicht nur zwillingskinder, sondern auch ihren designernamen, der sich aus dem ersten buchstaben des namens bourgois - b. - ableitet. ihr damaliger mann sollte sie nicht mehr lange begleiten, das „b.“ jedoch ist zum wesentlichen bestandteil ihres lebens und der reduzierten stilaussage geworden. nach einer kurzen zeit als freelance-designerin entschließt sie sich schließlich 1973 ihr eigenes label zu gründen: die marke agnès b. war damit geboren.
heute, genau 30 jahre nach der eröffnung ihres ersten shops in einer alten schlachterei im pariser viertel les halles, hat agnès b. fünf kinder, zwei enkelkinder und ein firmennetz mit rund 115 geschäften weltweit, davon alleine die hälfte in japan. ihre modelinien für damen, herren und kinder und diverse lizenzlinien stehen seit drei jahrzehnten für ein modisches understatement, das schlichtheit und eleganz verbindet, jedoch nie langweilig oder unmodern wirkt. „die modeindustrie interessiert mich eigentlich gar nicht. ich gehe auch auf keine modeschauen oder besuche andere shops, vielmehr stöbere ich lieber auf einem guten flohmarkt herum. meine mode ist für einfache menschen gemacht, nicht für models oder elitäre kreise“ spricht die französische designerin klare worte zu ihrer firmenphilosophie. schon immer hat sie es verstanden mode für jeden moment im leben zu kreieren. egal ob in der arbeit, zum shopping, für den treff mit freunden oder abends beim fest - der betont schlichte stil zeigt sich zu jeder gelegenheit passend und stellt mehr die persönlichkeit in den vordergrund, als dass die individualität des menschen verändert oder verfremdet wird. „ich versuche mir vorzustellen, wer die teile tragen wird und denke mich in die person hinein. grundsätzlich glaube ich, dass du die menschen lieben musst, bevor du für sie bekleidung entwickelst. kleidung ist das, was dem körper am nächsten ist, deshalb sollte sie weich und angenehm sein, dich glücklich und zufrieden machen.“ der erfolg dieser grundeinstellung sollte ihr recht geben.
bereits 1980 gründete sie in new york ihre erste tochtergesellschaft, wo sie ähnlich wie in paris, ebenfalls in einer ehemaligen lagerhalle im heute trendigen stadtteil soho, ihre erste us-filiale mit bekleidung für herren und kinder eröffnete. von der dort vorherrschenden graffiti-bewegung zeigt sich die französin sehr inspiriert und sie entschließt sich ihre t-shirt-serie „t-shirts d’artistes“ zu starten, die bis zum heutigen tag jungen künstlern die möglichkeit bietet, kunstvolle darstellungen auf t-shirts zu bannen. von new york aus setzte sie zum sprung nach japan an, den ihr die japanerin riku suzuki schmackhaft machte. unter dem unternehmenstitel „agnès b. sunrise“ eröffnete sie in nur ein paar jahren nicht weniger als fünfzig filialen. england, hongkong und taiwan folgen mit weiteren tochterunternehmen. hinzu gekommen sind zudem verschiedenste lizenzlinien wie kosmetik, uhren, brillen, reisegepäck sowie eine eigene sportlinie. auch gibt es seit einiger zeit eine zusammenarbeit mit der legendären us-sportswear-marke „everlast“.
trotz der rasanten expansion im laufe der letzten jahre hat sich agnès b. mit großer konsequenz ihre besonderheit der stilsicheren reduktion behalten. in der pariser rue dieu, wo sich die kreativzentrale, das schnittatelier und die schneiderei befindet, geht alles nach wie vor persönlich durch ihre hand. von der ersten skizze über die auswahl der materialien bis zu den farben und formen versucht die energiegeladene französin ihren sprichwörtlichen „roten faden“ beizubehalten. in all ihren modekreationen spiegeln sich die einfachen und geraden formen deutlich wieder. die createurin, die eigentlich gar nicht so genannt werden will, spricht im zusammenhang mit ihren sehr simplen modedesigns von einem sehr „puren“ und eleganten, aber nicht konventionellen look für menschen auf der ganzen welt. die farbtöne schwarz, weiß, silber und rot bilden eine beständige konstante bei all ihren produkten. eigentlich bleibt die energievolle musikliebhaberin seit mittlerweile drei jahrzehnten einer linie treu und modifiziert nur subtile details. ihr erstes kreiertes streifen-t-shirt gilt bis heute als bestandteil jeder kollektion und wurde vor kurzem sogar im pariser „museum of modern art“, dem centre pompidou, prämiert. stolz ist man auch darauf, dass die produkte nach wie vor größtenteils in frankreich produziert werden. dabei wird nicht nur auf den hohen qualitätslevel acht gegeben, sondern auch auf soziale kriterien bei den produktionsfirmen selbst, wo es speziell um angenehme arbeitsbedingungen für die fabriksarbeiter geht. das soziale interesse ist generell ein ganz wichtiger aspekt der firmenphilosophie, welcher sich unter anderem in der unterstützung für viele humanitärer projekte und organisationen ausdrückt. auch wurde immer darauf wert gelegt keine konventionellen marketinginstrumente zu benützen, um gegenseitige abhängigkeiten von vornherein auszuschließen.
geschäfte sind im allgemeinen plätze, wo menschen zusammen kommen und themen sowie produkte dargestellt werden. die modeboutiquen von agnès b. definieren sich nicht nur als reine verkaufsstätten für bekleidung, sondern auch als knotenpunkt kultureller und gesellschaftlicher ereignisse. seit beginn an gehören beispielsweise filmposter kultiger filme zum fixinventar jeder filiale. läuft im umfeld des shops ein filmfestival, findet sich sicher ein entsprechendes plakat zwischen den modeprodukten. auch reflektieren die boutiquen globale geschehnisse in der welt. „ich möchte meinen kunden nichts aufdrängen, aber ihnen vielleicht den einen oder anderen denkanstoß geben,“ sagt die engagierte sozialkämpferin.
wie auch immer man die geschichte der französischen modemarke betrachten möchte, erst der zusammenhang mit kunst, film und musik definiert die atmosphäre und das lebensgefühl der produkte von agnès b.. ihre große hingabe zur zeitgenössischen kunst wurde bereits kurze zeit nach der eröffnung ihres ersten ladens in der pariser rue du jour deutlich, wo sie mit dem start der „galerie du jour“ eine plattform für kunst und kultur etabliert hat. „hier wollte ich dinge zeigen, die ich liebe. wir nennen es zwar galerie, aber im grunde genommen ist es ein ort der darstellungen: hier sollen die vielschichtigen oberflächen und gesichter der dinge zu tage treten. wir versuchen dabei einen offeneren zugang für die leute zu finden und ihnen die hemmschwelle vor kunstorten zu nehmen.“ starkes gewicht bekommt dabei vor allem die fotografie eingeräumt. neben bekannten künstlern wie jonas mekas, massimo vittali oder martin parr erhalten auch unbekannte talente und graffiti-künstler eine ideale präsentationsfläche. die ausstellungsfläche hatte mit dem umzug in einen weit größeren raum in der rue de quincampoix eine deutliche aufwertung erhalten.
im zuge ihres verstärkten kunst-engagements publiziert agnès b. seit 1997 gemeinsam mit christian boltansky und hans-ulrich obrist den titel „point d’ironie“. eine „hybride publikation“, halb zeitschrift, halb plakat, welche in einer auflage von 100.000 stück weltweit in museen, gallerien, cafès und natürlich den eigenen shops „for free“ vertrieben wird. jede der sechs jährlichen ausgaben ist quasi ein kunstwerk für sich und wird von einem ausgesuchten künstler gestaltet. die grundidee vom „punkt der ironie“ war es, in zeiten der elektronischen kommunikation das papier als gestaltungs- und kunstfläche aufzuwerten und ihren eigentlichen zweck des „reinen lesens“ auszuweiten. die achtseitige a3-format-publikation kann also nicht nur gelesen sondern auch als poster verwendet, als kunstgegenstand archiviert oder als geschenkpapier gebraucht werden. „es geht wie auch im leben um das erscheinen und das verschwinden.“ in erscheinung tritt sie seit drei jahrzehnten auch als begeisterte filmliebhaberin. nachdem sie schon von jeher viele filmprojekte und -institutionen unterstützt hat, wurde vor sechs jahren schließlich auch eine eigene filmgesellschaft gegründet. unter dem titel „love streams“, in anspielung auf john cassavetes’ gleichnamigen film, produziert und fördert agnès b. speziell experimentelle kurz- und langfilme aus dem avantgarde-genre. nicht zufällig thematisiert „love streams“ visionen vom leben, vom menschlichen dasein und vom kino und ist mit dem facettenreichen wirken der modevisionärin durchaus vergleichbar ...
helmut wolf
pool journal