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y-front
wie bei fast allen lange am markt bestehenden und nach wie vor stark nachgefragten (bekleidungs-)marken steht am beginn stets der funktionelle aspekt. erst im laufe der zeit fügen sich modische elemente hinzu, erwachsen typische stilformen und besondere eigenschaften. auch bei der us-unterwäschemarke jockey und ihrem legendären „y-front“-slip ist das so.

auch geistliche können geschäftssinn entwickeln. dies dokumentiert der werdegang von samuel t. cooper, seines zeichens ursprünglich pfarrer in kenosha, im us-staat wisconsin nördlich von chicago, sehr deutlich. cooper erkannte im jahre 1876, dass die lokalen arbeiter seiner gemeinde bei ihrer arbeit immer entzündete füße hatten und dadurch ständig erkrankten. obwohl (noch) hauptberuflich als geistlicher tätig, kaufte er produktionsmaschinen für socken und ließ diese den arbeitern zukommen. die arbeiter fühlten sich in den socken wohl, waren leistungsstärker und nicht mehr krank. die „black cat socks“, wie cooper diese nannte, waren ein derartiger erfolg, dass die grundsätzlich für ihn notwendige hilfestellung zu einer geschäftsidee reifte. einige jahre später startete er schließlich mit der produktion von unterwäsche. 1909 entstand so der - auf der toilette noch nicht ganz so praktisch anwendbare - einteilige strickanzug mit dem klingenden namen „kenosha klosed krotch union suit“.

dem anspruch an die „ideale passform“ folgend, entwickelten cooper und seine söhne die produkte stetig weiter. im jahre 1935 wurde das angestrebte unterwäsche-ideal dann schließlich gefunden, was einer kleinen revolution im bekleidungssektor gleich kam: das mittlerweile in jockey umbenannte unternehmen brachte die unterhose mit der umgedrehten y-form auf den markt - den „y-front-slip“. und damit landete man einen riesenerfolg über alle grenzen hinweg. nach nur einem jahr wurden lizenzen nach england, australien und die schweiz vergeben. die an die damals in mode gekommenen kurzen badehosen der französischen riviera angelehnten formen waren nicht nur sehr bequem, sondern boten einen besonderen halt und eine perfekte passform. zudem wurde durch den straffen sitz der unterhose die vorraussetzung geschaffen, dass die hosenindustrie die beinkleider dichter anliegend schneidern konnte.

in der zwischenzeit ist jockey in 140 ländern der welt vertreten. das patentierte „y-front“-modell gehört zu den meist verkauften schnittformen weltweit. als erfolgskriterium gilt aber nicht nur die besondere form der unterhose, sondern auch die hochwertige verarbeitungsqualität, beispielsweise das eingearbeitete gummiband im beinabschluss, das die blutzirkulation nicht negativ beeinträchtigt. zum kultstatus in den folgejahren avancierte der y-front-slip dann durch den einsatz der „weltalltauglichen“ unterwäsche durch die apollo-crew sowie durch die verwendung von bekannten künstlern wie andy warhol, der den klassischen jockey-slip, der die unterhose am rolling stones-albums „sticky fingers“ plazierte.

anlässlich des vor kurzem zelebrierten 75. geburtstags von jockey im spanischen madrid war nicht nur eine sehenswerte unterwäsche-ausstellung im „circulo de bellas artes“ zu sehen sondern auch der inspirative einfluss des spanischen künstlers und bekennenden jockey-fan carlos diez diez zu bewundern, welche sich in einer spannenden „customized items“-kollektion niedergeschlagen hat. aus dem ehemaligen „liebestöter aus feinripp“ hat sich ein ästhetisches produkt aus erotischer intimität und innovativer aussagekraft entwickelt.

helmut wolf
pool journal