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culture without borders
issey miyake überrascht immer wieder mit ästhetischen wundergriffen. betrachter und träger seiner bekleidung sind beim ersten anblick gleichsam befremdet und befreundet. in seine welt avantgardistischer und bunter kreationen sollte man sich bestenfalls hineinfühlen, um seine interpretation von bewegung und freiheit zu erfassen. miyake’s credo: kleidung soll die fantasie anregen und lässt sich aus jedem material machen.

„in einer welt, in der grenzen gesprengt und tag für tag vor unseren augen neu gezogen werden, bleiben, meiner empfindung nach, die menschen ohne festen bezugspunkt zurück,“ erklärte issey miyake in einer vorlesung am londoner central saint martins college of art and design vor modestudenten. „ich halte grenzen sogar für notwendig. immerhin sind diese das ergebnis von kultur und geschichte. aber statt der steinmauern der vergangenheit erhoffe ich mir transparente grenzen.“ obwohl miyake mit seinen konzepten der vision einer globalen kultur wohl sehr nahe kommt, zählt er als pionier des als heute bekannten und bewunderten „japanischen designs“. in japan gilt auch heute noch die tradition, dass der stoff im mittelpunkt steht und den köper umhüllt, umgekehrt der westlichen auffassung, den körper möglichst vorteilhaft zu betonen. issey miyake befasst sich intensiv mit der beziehung von körper und stoff. nicht nur verwischt er die grenze zwischen körper und material, sondern er macht sie gewissermaßen unsichtbar.

issey miyakes philosophie und kreative energie fasziniert umso mehr, wenn man über seine kindheit weiß, über die er nicht gerne spricht. geboren wird miyake am 22. april 1938 in hiroshima, sieben jahre vor der bekannten katastrophe, bei der er seine mutter verliert. seitdem hat er seinen blick immer nach vorne, in die zukunft gerichtet. im japan der 1950er jahre, das von einer ost-west spannung geprägt ist, und in dem modedesign noch den frauen vorbehalten war, studiert er grafikdesign an der tama art university. später geht er nach paris, wo er für guy laroche und für das modehaus givenchy arbeitet. fasziniert erlebt er den drang nach freiheit im paris des turbulenten jahres 1968. noch viel mehr aber fühlt er sich dem „swinging london“ verbunden, das parallel über dem kanal pulsiert. nach einem aufenthalt in new york, wo er plant, sich sesshaft zu machen, kehrt er 1969 kurz nach japan zurück. das neue tokio, in vorbereitung auf die weltausstellung in osaka, beeindruckt ihn ebenso sehr wie europa und amerika und er beschließt in der hauptstadt japans zu bleiben. 1970 eröffnet er das „issey miyake design studio“. ein jahr später folgt die gründung der issey miyake inc., welche sich auf den nationalen und internationalen vertrieb seiner kollektionen spezialisiert.

obwohl seine arbeit in der zukunft verwurzelt ist und er versucht, die kimonokultur zu durchbrechen, bindet er die japanische tradition der handwerklichen verarbeitung und materialauswahl stets mit ein. „es ist notwendig, dass auch in zukunft alle, und nicht nur eine kleine anzahl auserwählter, das traditionelle handwerk überall auf der welt zu schätzen wissen. das kann man nur erreichen, indem die tradition mit hilfe neuer technik wieder modern gemacht wird. wenn es uns nicht gelingt, die tradition dem heutigen lebensstil anzupassen - was funktion und preis betrifft - dann kann es sein, dass sie ausstirbt.“, erzählt er dem autor mark holborn, autor des buches issey miyake.

in den 1970er jahren kreiert miyake ein stück baumwoll-leinen mit eingesetzten ärmeln, „piece of cloth“, dessen grundkonzept er viele jahre später wieder aufgreift. „ich versuche immer zu diesem einen stück stoff zurückzukehren, weil es die elementare form der bekleidung ist.“ in seinen präsentationen bedient er sich nie dem konventionellen laufsteg. er lässt seine models durch ein tokioter parkhaus mit acht stockwerken laufen; eine andere präsentation, die er „issey miyake and twelve black girls” (1976) nannte, in der zwölf schwarze models, darunter übrigens die legendäre grace jones, hautenge kreationen des meisters trugen. anfang der 1980er jahre benutzte er für eine schau das deck eines im hudson river verankerten flugzeugträgers. auf den issey miyake spectacle bodyworks-ausstellungen zeigte er seine kreationen auf schaufensterpuppen, die durch einen raum schwebten.

die symbiose von körper und stoff bleibt weiterhin der fokus seiner arbeit. in seinen prêt-à-porter-linien verwirklicht er seine idee, kleidung für das „wirkliche leben“ zu schaffen: praktisch, bequem and elegant. einen meilenstein in sachen stoffverarbeitung setzte er anfang der 1990er jahre mit der linie „pleats please”. „falten können mich stets aufs neue faszinieren.“, betont der 70-jährige mode-designer und kehrt den prozess des plissierens (in falten legen) einfach um. anstatt wie üblich polyester unter hitzeeinwirkung zu plissieren und dann nach schnitt zu fertigen, gibt er den bereits fertigen zuschnitt in die faltenpresse und experimentiert zusätzlich mit verschiedenen stoffen.

ein wichtiger bestandteil seiner arbeit ist das konstante weiterentwickeln seiner konzepte. durch das ständige vorwärtsbewegen scheint er die zukunft förmlich in die gegenwart transferieren zu wollen. und dieser verleiht er durch kollaborationen wie mit choreograph william forsythe (bis 2004 am frankfurter ballett) immer wieder ein neues gesicht. der issey miyake concept-store in new york ist von stararchitekt frank gehry entworfen.

miyakes 1992 lancierter duft l’eau d’issey im pyramidenförmigen flacon wurde weltberühmt. in einem artikel in der zeit erzählt er, dass düfte in japan unüblich gewesen seien, und sich zu parfümieren als aufdringlich galt. „ich wollte, dass die menschen sich mit dem element benetzen, das unser leben bedeutet.“ einfachheit ist sein grundgedanke, der ihn schließlich zum ur-element wasser, führte. miyakes „piece of cloth“ wurde ende des milleniums neu interpretiert, als er mit seinem mitarbeiter dai fujiwara, das konzept a-poc (a piece of cloth) entwickelt, dessen ausgangspunkt eine altmodische strickmaschine ist, die an einen computer angeschlossen wurde. daraus entwickelte sich ein technologisierter arbeitsprozess, der ein komplettes kleidungsstück in einem arbeitsgang fertigt. die vorstufe der schnittzeichnung wird damit übersprungen und überschüssiges material reduziert.

seit dem jahr 2000 hat sich der meister selbst zurückgezogen und widmet sich anderweitigen projekten. mit dem in london ansässigen designer ron arad entwirft er den ripple chair, der seine a-poc technik mit arads ähnlich angelegten fertigungsprozessen perfekt vereint. seine jahrelange zusammenarbeit mit dem landsmann und architekten tadao ando setzt er mit dem entwurf von miyakes „21_21 design sight“ fort, einem schöpferischen ort, der künstler aller sparten zusammenführt und als zukunftsschmiede fungiert. seit 2006 ist dai fujiwara auserkorener chefdesigner und betreibt dessen kreatives perpetuum-mobile sinngemäß weiter voran. „issey bewegt sich in so viele verschiedenen richtungen ... er besitzt ein unheimliches ausmaß an energie und berührt so viele dinge. ähnlich den tentakeln einer qualle.“

für großes aufsehen sorgte übrigens die kollektion für frühjahr/sommer 2008, als fujiwara unter dem thema “the wind” sich durch die von ingenieur james dyson entworfene cyclone technology für staubsauger inspirieren ließ. auf der suche nach neuen design-elementen zerlegte sein team sogar eines der besagten haushaltsgeräte. aus südamerika stammt die inspiration für die aktuelle kollektion für frühjahr/sommer 2009 color hunting, in der an die 3.000 verschiedene farbmuster - gesammelt in städten und den entlegensten winkeln des kontinents - verarbeitet sind. farben müssen nicht erst geschaffen werden, sie sind bereits da.

sandra pfeifer
pool journal