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illustration: katharina berndt / durchdiebank.de
the cult factor
haben sie einen gegenstand, den sie mehr als alles andere auf der welt „anbeten“? die schwarze „255 handtasche“ von chanel? einen commodore 64-computer aus den 1980er-jahren? oder eine handsignierte highway to hell-schalplatte der kult-band ac/dc? was macht einen gegenstand, eine person eigentlich so besonders? was den kult zum kult?

ist es der reine ökonomische wert der ein produkt so besonders macht, oder die tatsache, dass es von vielen menschen begehrt wird? in einer zeit, in der viele leute lieber auf die aura von chanel als auf die von gott schwören, und ein apple-store zumal das betreten der kirche ersetzt, bekommt das wort „kult“ eine völlig neue, irdische bedeutung. waren es in antiken kulturen noch meistens überirdische gottheiten, denen der kult galt und alle in ekstase versetzten, so werden diese heute durch bono, britney, brad & co. ersetzt. das ergebnis und die reaktion ist dabei immer dieselbe: eine große anzahl von menschen, die nur durch den gedanken an ihre angehimmelte kultfigur außer rand und band geraten. aber wieso haben bestimmte menschen diese besonderen eigenschaften? wurden diese persönlichkeiten etwa mit dem kult-gen geboren?

die antwort darauf lautet: „nein!“ sie haben möglicherweise bestimmte, nicht zu unterschätzende voraussetzungen mit auf den weg bekommen: eine beneidenswert glatte haut oder unendlich lange beine, oft auch ein angeborenes talent. aber in letzter konsequenz macht der konsument, der mensch, jemanden zur kultperson oder auch etwas zum kultobjekt. wir stellen diese objekte und personen gewissermaßen auf ein podest.

um von einem kult zu sprechen, braucht es drei wesentliche zutaten: ein objekt der begierde, passende rituale und eine gruppe von menschen, die den kult ausführen und das objekt begehren. so mancher mag sich jetzt sicherlich fragen: „ich habe doch gar keine gewohnheiten, die mit einem „kultischen“ gegenstand oder einer bewunderten person im zusammenhang stehen?“ bei genauerer betrachtung der eigenen gewohnheiten jedoch, könnte jeder von uns auf ritualisierte handlungen im alltag, aus denen sich die aura des kults entwickeln kann, stoßen. beispielsweise der kleine umweg am weg in die arbeit, um die neuesten prada-kreationen zu bewundern? oder der mit hingabe praktizierte genuß der berühmten sachertorte, der einem das gefühl von raum und zeit verlieren lässt? es gibt viele kleine verhaltensmuster, die sich unbewusst in unser leben eingeschlichen haben und uns deutlich machen, dass auch wir – in größerer oder kleinerer dosis - dem kultfaktor verfallen sind. manches sogar „unheimlich“ schätzen, ja anhimmeln. „unheimlich“ ist dafür auch das richtige wort. denn oft artet das vergöttern von gewissen symbole und personen vollkommen unreflektiert aus und kann durchaus gefährlich werden. ständig ist in den zeitungen von stalkern zu lesen, die ihrem idol überallhin folgen und sich - wie im fall von paula abdul – sogar vor deren haus aus verzweiflung selbst töten. in diesem zusammenhang stehen auch extreme, religiöse kulte, die ebenso oft schlimme folgen mit sich bringen können: dabei reicht die „verehrung“ der kulte von opfergaben bis hin zu ritualtötungen oder selbstverstümmelung, die von den obrigkeiten der sekten verlangt werden. oft scheint es für die betroffenen, als gebe es keinen ausweg mehr, als sich selbst etwas anzutun. kult kann also schlimme ausmaße nehmen.

ob gut oder böse, kultfiguren waren und sind von jeher ein wesentlicher bestandteil im menschlichen leben und der gesellschaft. zudem bringen vorbildhafte kultpersonen den oft so wichtigen, lebenserhaltenden antriebsmotor in schwung, der uns freude bereitet und uns anspornt, neue ziele und neue ufer zu erreichen. gerade in diesen zeiten sollte dieser „lebensmotor“ ordentlich in gang gebracht werden. deshalb sind derzeit speziell die positiven kultfiguren gefragt, von denen es ja zum glück doch ziemlich viele auf unserer welt gibt.

patrick taschler
pool journal