26
 
   
meet me all by break of day
„es gibt viel mehr dinge zwischen himmel und erde, als sich unsere weisheit träumen lässt.“ mit diesem satz hat shakespeare vor einigen hundert jahren auf den punkt gebracht, was menschen seit jeher vermuten: nämlich dass auf dieser welt mehr existieren muss, als bloß jenes, was wir mit unseren augen sehen, mit unseren händen greifen und mit unserem verstand erklären können. warum gerade island mit der präsenz des „übersinnlichen“ von elfen, trollen und feen assoziiert wird, versuchte marlene kelnreiter im nachfolgenden artikel und interview mit dem isländischen „elfenforscher“ terry gunnell zu skizzieren.

wir ahnen nicht nur dieses dasein einer weiteren wirklichkeit, vielmehr sehnt sich beinahe jeder von uns auf irgendeine art und weise nach ihr. in dicken schmökern der fantasy-literatur oder diversen spirituellen methoden des „new age“ suchen zeitgenossen weltweit nach etwas, das über die alltägliche welt und erfahrungen hinausreicht. wahrscheinlich mit keinem flecken der erde verdichten sich derartige sehnsüchte und träume stärker als mit island. diese insel, knapp unterhalb des polarkreises mitten im nordatlantik gelegen, fungiert für viele menschen als sehnsuchtsort par excellence, als mystische trauminsel der anderen art. bereits am flughafen mit wetterfesten wanderschuhen ausgestattet, machen sich jährlich tausende reisende auf den weg gen norden – und damit auf die suche nach unberührten landschaften, einzigartigen naturschauspielen, unvergesslichen erlebnissen – nach sich selbst. dabei ist die sichtung des einen oder anderen elfen nicht ganz ausgeschlossen ...

tatsächlich findet man auf der welt wohl kein anderes land, das derartig mit der existenz von elfen, trollen und feen assoziiert wird. diese assoziation mit der insel island beruht jedoch zum teil auf missverständnissen, erklärt der brite terry gunnell, welcher an der universität islands als dozent für volkskunde und englisch tätig ist. er beschäftigt sich seit jahren mit dem skandinavischen volksglauben und führte in den vergangenen jahren eine untersuchung zum glauben der isländer an übernatürliche phänomene durch. unter insgesamt 1.000 befragten studienteilnehmern befanden 13 % die existenz von elfen für unmöglich, 19 % für unwahrscheinlich, nur 8 % für gewiss – aber immerhin 54 % für möglich oder wahrscheinlich. diese zahl, so gunnell, ließe einen großen spielraum offen und wird von „nicht-isländern“ oft missinterpretiert. im nachfolgenden gespräch mit dem isländischen volkskundler und „elfenforscher“ terry gunnell, wird die enge verbindung zwischen natürlichen und scheinbar übernatürlichen ereignissen und daraus heranwachsenden, menschlichen formen des aberglaubens begreifbarer.

lieber herr gunnell, ganz plakativ gefragt: glauben denn wirklich alle isländer an elfen?

wenn ausländer hierher kommen, erwarten sie oft, dass die isländer sich um einen stein versammeln und auf eine tanzende elfe im ballettkostüm wie bei shakespeare warten. natürlich ist das überhaupt nicht so. es wäre ein missverständnis, zu denken, dass alle isländer an elfen glauben, aber sie sind für den glauben an derartige existenzen offen und schließen deshalb diese möglichkeit nicht aus. genauso wie die isländische bevölkerung es ebenso für möglich hält, dass einem träume über die zukunft berichten oder auch tote kontaktieren können ... fragt man einen isländer, ob er grundsätzlich an elfen glaube, so würde man mit dieser frage gar nicht ernst genommen werden. lautet die fragestellung jedoch, ob jemand für den bau eines swimingpools in seinem garten einen stein ausgraben würde, von welchem die nachbarn behaupten, dass es sich um einen „elfenstein“ handle, so habe ich bislang noch keinen isländer getroffen, der den stein wegschaffen würde - vor allem aus angst, es könnte etwas passieren. hier haben wir es also mit einer gewissen form von aberglauben zu tun.

woher rührt dieser glaube an elfen und andere überirdische wesen?

die frühesten wurzeln dafür finden sich in den alten sagas, wie der „eddischen dichtung“ (lieder, die von vorchristlichen germanischen göttern und helden erzählen, anm.). darin werden die auf isländisch mit „álfar“ (elben) bezeichneten lebewesen als halb-göttliche giganten beschrieben, ähnlich jener wesen, denen man auch beim schriftsteller j. r. r. tolkien begegnet. diese vorstellung hat sich davon ausgehend stets weiterentwickelt. sie mischte sich mit dem glauben der wikinger und veränderte sich mit dem einzug des christentums. ab dem jahr 900 sprechen die isländer dann von „huldufólk“ - den „versteckten leuten“ bzw. elfen -, womit sie vor allem naturgeister beschreiben.

warum ist dieser alte volksglaube auch im island der gegenwart immer noch so lebendig?

nun, hier auf island kann ein haus von etwas zerstört werden, das man nicht sieht. du fühlst das erdbeben erst eine sekunde vor seiner ankunft, und beim blick in den himmel tanzen oftmals die nordlichter über dir. du siehst aus dem fenster hinaus, erkennst schneeformierungen, die der stetige wind in nur kurzer zeit total verändert. du drehst den wasserhahn auf, aus dem wie von selbst kochend heißes wasser strömt, das nach schwefel riecht. und trotz elektrifizierung auf der ganzen insel übt die dunkelheit im winter nach wie vor einen großen einfluss auf die menschen und das empfinden aus. dieses zusammenwirken äußerer, nicht beeinflussbarer umstände führt dazu, dass sich der glaube an übernatürliches, an etwas nicht begreifbares, länger hält als in anderen ländern.

es ist aber auch wichtig zu verstehen, dass es sich hierbei nicht um einen glauben an elfen mit flügeln und tutus handelt, sondern vielmehr um das empfinden einer kraftvollen landschaft und die beschreibung übernatürlicher kräfte. und für diese umschreibungen greifen die isländer gerne auf ihr kulturelles vokabular zurück. deswegen erzählen isländische kinder zum beispiel, dass sie mit den elfen spielen, wiewohl natürlich überall auf der welt kinder ihre „unsichtbaren freunde“ haben. es ist also auch die kulturelle sozialisierung, welche für die weiterführung dieses elfenhaften wortgebrauchs verantwortlich ist.

was macht die vorstellung an parallelwelten, wie jene der elfen, so reizvoll?

in den alten zeiten hat die elfenwelt stets die träume der menschen reflektiert: die elfen lebten in einer besseren welt, waren reicher, mächtiger und überlebensfähiger. heute ist es vor allem nostalgie und sehnsucht nach einer verloren gegangenen naturverbundenheit, welche die menschen an der vorstellung von elfen fasziniert. nostalgie ist es auch, was ausländer an island und seiner mystik fesselt. hier können sie eine existierende kultur wiederfinden, die in ihrem land schon lange verloren gegangen ist.

sehen sie den glauben an elfen in zukunft bedroht?

die letzte studie zum glauben der isländer an elfen wurde im jahre 1974 vom psychologen erlendur haraldsson durchgeführt. bei der endfassung meiner aktuellen studie erwartete ich im vergleich dazu durchaus signifikante abweichungen (siehe oben), hat sich doch die isländische gesellschaft in den letzten 30 jahren unglaublich verändert. die grundausrichtung der isländer, die den glauben an eine existenz an elfen für „möglich oder wahrscheinlich halten“, wird sich meiner meinung nach auch in zukunft nicht verändern. im gegenteil, angesichts der derzeitigen finanz- und staatskrise werden die isländer wieder verstärkt zu ihren alten werten und ihrem erbe zurückfinden.

ironisch formuliert: wir müssen heute akzeptieren, dass die elfen sich mittlerweile vermutlich an unsere gegenwart angepasst haben. die isländer leben ja auch schon lange nicht mehr in torfhäusern, warum sollten dann die elfen noch in steinen wohnen? all diese mystischen wesen leben bestimmt mitten unter uns, haben fernsehen und schweben in ihren unsichtbaren autos quer durch unsere städte ...

marlene kelnreiter
pool journal