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illustration: viola binacchi / durchdiebank.de
unique
authentizität, leidenschaft, unverwechselbarkeit – „wahrscheinlich“ sind es diese drei grundcharaktere, die einer person, einem produkt oder einem design den status „kult“ verleihen. ein maßgeschneidertes konzept, eine richtlinie für das erreichen des kultstatus, gibt es jedoch nicht. und genau hier liegt der reiz des kults, als synonym für die zeitlosigkeit guter charaktere und ideen. ein erklärungsversuch.

als apple-chef steve jobs und steve wozniak im jahr 1976 im kalifornischen palo alto in einer kleinen garage saßen und aus einem selbst gebastelten holzgehäuse den sogenannten „heimcomputer“ zusammen bauten, hatten sie mit sicherheit keinen finanzierungsplan oder das wort „kult“ vor augen. ihr „ding“ entstand aus einer leidenschaft für technik und einer besonders spielerischen art, die herausforderungen des alltags einmal ganz anders lösen zu wollen, als es bisher der fall war. es war eine art vision, die eigentlich einen sehr schlichten ansatz hatte: nämlich anders und einzigartig sein zu wollen. unternehmertum, produktentwicklung und karriere, wie es der macintosh-gründer am college vermittelt bekam, sollte nicht als drohender „ernst des lebens“ sondern als möglichkeit betrachtet werden, spaß und freude mit business zu vereinen - selbst unter der gefahr damit zu scheitern.

zu dieser grundeinstellung gehört natürlich auch eine portion selbstbewusstsein und rebellentum, um sich gegen vorherrschende konventionen und meinungen in der gesellschaft durchzusetzen. die „garage“ fungiert dabei als der geeignete kleine ort für große ideen und steht seit dieser zeit als synonym für den fruchtbar, ungeschliffenen und erdigen boden, aus dem das besondere ding mit kult-appeal entstehen kann. die botschaft, welche sich daraus ableitet: es bedarf im grunde keiner finanziell oder materiell aufwendigen grundlage, um ein gutes und erfolgreiches produkte zu entwickeln. im gegenteil. ein qualitativ hochwertiges, nachhaltiges, „kultiges“ produkt bedingt nicht größtmöglichen kapitaleinsatz, sondern entsteht vielmehr aus der tiefen überzeugungskraft und unbändigen leidenschaft des ideenspenders. der samen des kults liegt in der seele des menschen. „es ist besser ein pirat zu sein, als der navy beizutreten“, hat studienabbrecher steve jobs einmal ganz in underdog-manier gemeint. mit dieser provokanten aussage hat jobs genau jenen boden aufbereitet, der für das entstehen des kultfaktors von apple – neben den eigentlichen kernprodukten - verantwortlich zeichnet. nämlich stets für überraschung, für irritation und aufsehen zu sorgen und damit gleichzeitig bewunderung auszulösen. es ist wie eine spannungsgeladene, explosive mischung zwischen genialität, nichtanpassung und wow-effekt, die dem kultprodukt oder einer „verehrten“ person anmutet. eine aura, die nicht greifbar ist und jedem dennoch ganz nahe kommt.

zu jedem kultobjekt gehört natürlich auch die „kultgemeinde“, die das „heilige ding“ pflegt. in der „community“ lebt das ding auf und gedeiht. zumeist handelt es sich dabei um eine eingeschworene
(fan)gemeinschaft von gleichgesinnten, welche die aura des geliebten produkts auf ihre persönlichkeit überträgt, zum teil ihres individuellen selbst werden lässt. es besteht dabei durchaus die möglichkeit, sich sehr intensiv mit der philosophie des jeweiligen produkts oder der person zu identifizieren. eröffnen sich dann möglicherweise kontroversielle diskussionen rund um das „geliebte ding“, um die geliebte person oder kommt gar kritik auf, so wird diesen reaktionen zumeist mit vehementer verteidigung begegnet. egal, was oder wer da kommen mag: wenn ein produkt, eine person oder ein unternehmen einmal von seinen anhängern in den olymp des kults gehoben wurde, so gibt es nur in schwerwiegenden ausnahmefällen eine aberkennung dieses status. und eine „schwerwiegende“ beschädigung des kultstatus bedeutet, eine völlige aufgabe der ursprünglich praktizierten philosophie - was einem verrat gleich kommt. man könnte gar soweit gehen und sagen, den konsum-orientierten kult umgibt heute so etwas wie ein „göttlicher status“.

in welch schwierige „glaubwürdigkeitskonflikte“ ein kult-produkt oder eine kult-person fallen kann, zeigt sich vor allem dann, wenn es auf allzu breiter basis gefallen findet, also zum massenphänomen wird. der in der westlichen kultur entwickelte kult lebt ja auch von einer gewissen form von „kennertum“, von verknappung und eliten-flair. kommt es also zu einem großen, kommerziellen erfolg und einer massenhaften verbreitung, kann die intime, durch ästhetische codes geschützte atmosphäre „des besonderen“ gestört bzw. zerstört werden. die große herausforderung für das erfolgreiche kultprodukt besteht also immer darin, stetig weiterentwickelt zu werden, im perfekten ausmaß positioniert zu sein und das potenzial des marktes optimal auszureizen.

sehr deutlich wird die oft überstrapazierte, kultische huldigung gerade in bezug auf personen der öffentlichkeit. der filmstar, der musiker oder der mensch mit besonderer gabe und ausstrahlung wird dabei nicht nur verehrt, sondern avanciert zum „angebeteten lebensvorbild“. dies ist ein oft nicht unproblematischer vorgang, schließlich geht es bei kultisch verehrten menschen vor allem um die identifikation mit der eigenen persönlichkeit, was auch zum verlust oder zur beeinträchtigung der eigenen identität führen kann. gerade das nachahmen dieser zumeist exzentrischen charaktere, die durch ihre eigenwillige art und weise immer wieder für aufsehen sorgen, lässt sich nur in ganz seltenen fällen auf das eigene lebensumfeld übertragen. jedoch mit einem gesunden maß an selbstkontrolle und behutsamkeit, kann so manche eigenschaft des jeweiligen kult-idols oder –produkts für eine weiterentwicklung im eigenen leben sorgen.

was macht nun diese unverwechselbarkeit, diese einzigartigkeit und ausstrahlung aus, die sich an menschen wie keith richards, steve jobs, john lennon oder marilyn monroe entzündet, sie zu kult-idolen unserer gesellschaft macht? eine der möglichen antworten könnte sein, dass sie in gewisser weise immer ihrer persönlichkeit treu geblieben sind, ohne rücksicht auf vorherrschende trends, auf zeitgeist-strömungen oder kulturelle gesetzmäßigkeiten und regeln. es war stets „ihr ding“, ihre persönlichkeit, ihre fähigkeit, welche sie in allen lebenslagen eingebracht und durchgezogen haben, ohne rücksicht auf verluste. dabei bedarf es auch einem hohen maß an egozentrik. viele kult-idole haben bei diesem weg ihr leben gelassen, was das ranking im kult-status in ungeahnte höhen getrieben hat. kult-figuren werden oft von einer unbekannten kraft angetrieben, was sie nicht selten zu besessenen macht. der weg zum kult ist aber in keinem lehrbuch oder weisen ratgeber zu finden, er entsteht aus den seelen und köpfen besonderer menschen. „im endeffekt muss jeder für sich selbst entscheiden, was kult ist und was eben nicht.“, lautet ein zitat aus wikipedia. wie wahr.

helmut wolf
pool journal