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häufig gestellte fragen
gestellt an: robin hofmann, 27,
grafik designer, labelmacher, dj
wie lautet deine lebensphilosophie?
lebe deine träume, egal ob man dabei an das kühle bier heute abend denkt oder daran, morgen die weltherrschaft an sich zu reißen.
was inspiriert dich?
mich mit menschen zu treffen und mir ihre bewegten lebensgeschichten und visionen anzuhören. mein lokales umfeld, freunde und mitaktivisten weltweit. manchmal ein kühles bier am abend ...
wovon träumst du?
mehr unabhängigkeit in vielerlei dingen. meine lebensphilosophie zu verwirklichen.
was würdest du sofort ändern, wenn du könntest?
die weltwirtschaft und -politik. … so geht das doch nicht weiter, freunde!
wofür nimmst du dir besonders viel zeit?
leider nicht für die beantwortung dieser fragen, sonst für allerlei unsinn und große pläne.
am weg ins grooveland
brasilien ist das land der 1001 rhythmen. der südamerikanische flavour ist auch bei uns sehr beliebt, aber ihn auch so richtig rüberzubringen, das ist eine schwierige angelegenheit. da kommt es gerade richtig, dass vier jungs aus stuttgart die formation dublex inc. und wenig später das unabhängige label pulver records ins leben riefen.
die „fabulous four“ lassen sich nicht auf das eine oder andere festlegen. ein blick auf die musikalische vergangenheit von robin hofmann (27), florian pflüger (29), rino spadavecchia (33) und felix stecher (24) von pulver records macht sicher: hiphop war so eine art „common sense“, etwas, auf das man sich früher einigen konnte. im laufe der zeit allerdings wurde daraus ein konglomerat unterschiedlichster herangehensweisen. bigbeat, house und dub sind groovebetonte tunes, die die vier als langjährige djs und betreiber des renommierten clubs „blowshop“ im stuttgarter le fonque vom stapel ließen und dann beim gemeinsamen jammen feststellten, dass es eine herausfordernde erfahrung war, gemeinsam tracks zu bauen. als djs arbeiten robin und rino bereits seit 1996 zusammen und organisierten zahlreiche clubnächte. felix hatte schon vor den gemeinsamen sessions seinem alten atari-computer den einen oder anderen schrägen loop abgerungen.
der erfolg sollte ihnen recht geben: der brazil-clubhit „izquitos“ (auf dem debüt „collage-ep“ auf pauls musique) ließ schon mal vorahnen, was da an kreativem tanzpotenzial noch zu erwarten war. die nummer „tango forte“ mit dem prägnanten streicherhook stieg im winter 2001/2002 in den deutschen club-charts von 0 auf 1 ein, hielt die pole position 6 wochen lang und erreichte in der jahresauswertung der dcc „top 200 single“ schließlich wieder den ersten platz. richard dorfmeister und die vienna-scientist-crew konnte von da an nicht mehr von den dublex inc.’s lassen, remix-aufträge (u.a. für freedom satellite, fanta 4, de-phazz, ...), compilation-beiträge („brasilectro“, ...) und dj-anfragen folgten. dublex inc. und damit pulver rec. stand von da an für avancierte clubmusik, irgendwo zwischen downbeat, brasil-flavas und nu-jazz, immer versehen mit einer herausstechenden besonderheit wie einem prägnanten bassriff, einer eingängigen melodie, nicht-elektronischen instrumenten (etwa flamenco-gitarren oder panflöten) und markanten stimmen wie etwa barbara padron hernandez auf dem letztjährigen latin-killa-track „tócame“.
das durch zahllose clubabende gestählte gespür für tanzkompatibilität versteht man bei pulver rec. nicht als notwendigkeit, sondern als eine tugend, die spaß mit professioneller herangehensweise verbindet. freundschaftlich verbunden mit vielen musikern, produzenten und clubgehern, konnte man ein netzwerk installieren, das weit über die deutschen grenzen nach österreich, ungarn und holland ausstrahlt. der vertrieb wird von soul seduction abgewickelt. mit dem budapester tövisházi ambros aka erik sumo haben sie einen soulbrother am start, der auf radio tilos sendungen gestaltet, und der mit den beiden dj-heros keyser& shuriken die formation crate soul brothers bildet. mit dem duo inverse cinematics ist man ebenfalls labeltechnisch eng verbandelt. der holländer felix haaksman schließlich erweitert als dutch rythm combo mit der aktuellen ep „go dutch“ den pulver-rec.-soundkosmos um dancehall-stuff, rare groove und schwer jamaikanisch infizierte rhythmen. mitstreiter bei den remix- und auflege-battles sind etwa die new yorker produzenten nickodemus & osiris, michel baumann von supatone, die aromabar-produzenten andres kienzl und roland hackl und baby mammoth.
auch wenn pulver rec. bisher hauptsächlich 12“s und ep’s veröffentlicht haben, so liegt das nicht daran, dass man sozusagen musik von djs für djs machen will – obwohl klarerweise die meisten tracks locker in jeder gutsortierten dj-tasche platz haben. wichtig ist ihnen die erdung im clubkontext, der aber so breit verstanden wird, dass die scheiben auch heimgebrauchs-charakter haben und zum oftmaligen anhören einladen. was ihre veröffentlichungs-policy anlangt, entscheidet nur der persönliche geschmack. die veröffentlichungen können bei dieser menge an einflüssen relativ unvorhersehbar sein; immerhin sind genregrenzen dazu da, dass man sie durchbricht und seinem gespür folgt. dublex inc. produzieren und pulver rec. releasen, weil es ihnen ein anliegen ist, musik zu verlegen, die sie – ganz persönlich – als gut befinden. wie hieß es in einem sample aus einer end-achtziger-platte des deutschen projekts o.k.: „das allerschönste, was wir hier tun können, ist tanzen.“ das wird mit beinahe abstrakten dub-verschnitten genauso bewerkstelligt wie mit sexy house-beats und schweißtreibenden percussion-tracks.
wenn zwei oder mehr versammelt sind, ist pulver rec. unter ihnen, denn wie heißt eines ihrer prinzipien: „die besten dinge entstehen, wenn wir alle zusammen kommen.“ klar geht es auch um individuelle freiheiten, was die künstlerischen ausdrucksweisen anlangt, aber gemeinsame sache machen ist mindestens genauso reizvoll. „wir haben keine großen labelbosse hinter uns. das passiert alles so, weil wir es so wollen. es hat zwar einige zeit gedauert, aber mittlerweile haben wir einen guten weg gefunden, unsere eigenen werte und vorstellungen mit denen des business zu verbinden. unser misstrauen richtet sich nicht gegen personen, sondern gegen systeme und strukturen. es ist eine interessante herausforderung, mit „business“ konfrontiert zu sein, daraus aber keinen sell-out zu machen und bei dem ganzen sich noch immer die möglichkeit offen zu lassen, selbst bestimmen zu können.“ (robin hofmann) so wird das gemacht: nach den gemeinsamen sessions hatten die vier soviel inspiration, dass es kein zurück mehr gab, und wenn sich der erfolg einer musikalischen idee an plattenverkäufen bemessen lässt, dann sind dublex inc. und pulver rec. auf dem richtigen weg. bookings zwischen zürich, miami, rom und natürlich quer im deutschen raum unterstreichen ihre qualitäten als partygaranten. wie stylish pulver rec. sind, lässt sich auch an den covers erkennen. das pulver rec. packaging system verleiht jeder release einen touch von reduzierter, auf den punkt gebrachter ästhetik, die mindestens so international ist wie ihre musik. sie müssen sich nicht hinter abstrahierenden mustern verstecken, sondern sind selbstsicher genug, mit aussagekräftigen sujets auf die wiedererkennbarkeit im plattenregal zu setzen. denn auch das auge hört mit.
was die zukunft bringen wird? in ihrer sympathischen überzogenheit werden pulver rec. versuchen, die weltherrschaft an sich zu reißen und bringen vorab schon mal den entsprechenden soundtrack mit, der label-klassiker featuren wird. auf der im sommer stattfindenden dreiwöchigen us-tour wird man sicher die eine oder andere interessante erfahrung machen. from disco to disco. trotz all dieser erfolge gibt man sich bei pulver rec. bescheiden: „don’t praise the night before the morning!“ sie sind gerade dabei, pulver rec. online in neuem design erstrahlen zu lassen. eine umfassende link-liste zu befreundeten clubs, veranstaltern und sonstigen affiliates ist da dabei und gibt einen überblick über die weitreichenden aktivitäten des labels.
heinrich deisl arbeitet als freier musikjournalist
heinrich deisl
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