25
 
   
the good in everything
„wir sind künstler, keine wäschereibetreiber!“, betont giovanni petrin in einem interview. petrin ist einer jener großen persönlichkeiten, die zwar nicht im öffentlichen rampenlicht stehen, jedoch für viele globale mode-trends und -tendenzen mitverantwortlich zeichnen. in diesem falle von jeans etlicher namhafter modemarken, die petrin als general manager beim renommierten italienischen „textilveredler“ martelli maßgeblich mitgestaltet.

haushohe waschmaschinen, bimssteine und viele schmirgelnde mitarbeiter. giovanni petrin’s tägliches umfeld hat etwas aus einer mischung aus riesiger wäscherei, stoffproduktion und kreativer forschungs-werkstatt. unter seinen anordnungen entstehen jene modischen vintage-, used- bleached-, stonewashed- oder edlen sophisticated-looks bei vielen jeans, die dann unter bekannten markennamen am markt erscheinen: dolce & gabbana, armani, dsquared, gucci oder yves saint laurent sind nur einige davon. petrin, für die jeans-entwicklung und –visionen beim seit 1966 aktiven italienischen textilveredelungs-unternehmen martelli zuständig, kann von sich aus behaupten, als vorreiter maßgeblich an globalen trendentwicklungen mitbeteiligt zu sein, ohne sich in den vordergrund der öffentlichkeit drängen zu müssen. was giovanni petrin in wirtschaftlich schwierigen zeiten fröhlich stimmt und wieso es gerade jetzt wichtig ist, an positiven gedanken festzuhalten, verrät er im nachfolgenden gespräch.

lieber herr petrin, welche bedeutung hat das wort „freude“ für sie persönlich?

es bedeutet für mich das gute in allem zu sehen. es ist ein sehr mitreißendes gefühl. wenn ich glücklich bin, schaffe ich es immer enthusiasmus, positive gedanken und freude zu verbreiten und alle menschen rund um mich anzustecken. es ist schön, freude mit anderen zu teilen, zuhause und bei der täglichen arbeit.

was waren bislang die fröhlichsten erlebnisse in ihrem leben?

auch wenn es kitschig klingt, sicherlich der tag meiner hochzeit und die geburt meiner kinder.

gibt es ein besonderes ereignis bei ihrer arbeit, dass sie sehr fröhlich gestimmt hat?

ja, durchaus. das war als wir ende der 1990er-jahre angefangen haben mit schmirgelpapier die jeans zu bearbeiten. in diesem moment habe ich gemerkt, dass der mensch und die handarbeit wieder die hauptdarsteller in der jeansverarbeitung geworden sind. die kraft des menschen hat dabei den unterschied gemacht. dieser gedanke und ansatz, wieder die kreativität des menschen zu sehen, seine handwerklichen fähigkeiten neu zu entdecken, sie sichtbar zu machen, stimmt mich bis zum heutigen tage fröhlich.

was war ihre größte enttäuschung?

das ist nicht lange her und ich würde es als einen schleichenden prozess bezeichnen. dies bezieht sich auf die vergangenen jahre. es ist der kontinuierliche verlust des konzepts und qualitätskriteriums „made in italy“. es stimmt mich traurig, zuzusehen, wie die italienische mode, aber nicht nur diese, ihre professionalität und ihre wichtigsten und kreativsten handwerke abgibt und verliert. die globalisierung ist sicherlich ein ausdruck der modernen welt, bereitet aber italien und vielen anderen europäischen ländern immer größere schwierigkeiten. dies werden vor allem die nächsten generationen hier in europa zu spüren bekommen.

in ihrer laufbahn als jeans-entwickler haben sie viel experimentiert. gab es auch (jeans-)waschungen, an die am anfang niemand glauben wollte?

im schauraum der firma martelli haben wir eine ausstellung mit rund 5.000 verschiedenen waschungen bzw. verarbeitungen, darunter sind auch einige sehr experimentierfreudige, lustige. der schimmel-effekt ist dabei sicherlich jener, auf den in der entwicklungsphase niemand gesetzt hätte, uns am ende aber sowohl im bereich des looks als auch was die forschung und den kommerziellen erfolg anbelangt, sehr viel freude und genugtuung gegeben hat.

sie werden tagein und tagaus mit verarbeitungs-phantasien von kunden konfrontiert. erinnern sie sich dabei an einige lustige anekdoten?

in den 1980er jahren kam eines tages der verantwortliche eines wichtigen produkt-entwicklungs-büros (namen wollte giovanni petrin keinen nennen, anm.) zu uns. mit dabei hatte er ein stück erde. er wollte, dass wir eine hose in exakt diesem braunton färben. wir sind ruhig geblieben und haben ihn gefragt, ob er noch eine gegenprobe am ende haben würde, da die erde, die er mitgebracht hatte, immer mehr trocknete und sich die farbe vollkommen veränderte.

ein anderes mal ist ein englischer designer zu uns gekommen und wollte, dass wir auf jeanshosen und -röcke aus seiner kollektion einen riesigen männlichen penis aufdrucken bzw. einkratzen. dafür hatte er in einem sexshop eigens einen plastikdildo gekauft, um uns damit zeigen zu können, wo wir ihn positionieren sollten. er wollte auch sofort ein muster haben. sie können sich nicht vorstellen, wie sich meine mitarbeiter vor lachen gekrümmt haben. ich konnte es aber kaum glauben, als wir am ende dann doch 3.000 stück produziert haben ...

die wirtschaftskrise betrifft wohl alle bereiche im moment. wie glauben sie, wird sich diese auf die modebranche insgesamt auswirken?

die krise hat die textilfirmen bereits sehr hart getroffen. hauptsächlich auch deswegen, weil dies eine branche ist, welche produkte herstellt, die nicht als essentiell im leben angesehen werden. ich glaube, dass die zukunft in unserem sektor mit großen veränderungen verbunden sein wird und sehr stark von der weltweiten finanzpolitik abhängt. der ökologische aspekt wird von größter bedeutung sein: recycling, die vertretbarkeit der produkte, ethik und die werte des einzelnen individuums, werden eine zentrale rolle im markenbild spielen.

während den letzen damen-modeschauen für den frühjahr/sommer 2009 wurde aber trotzdem sehr stark auf luxus, farbe und optimismus gesetzt ...

luxus und farben sind sicherlich zwei wesentliche bestandteile in der aktuellen mode. luxus steht für die schönheit, die qualität, die besonderen stoffe, die handarbeit und die lust, einzigartige, manchmal auch unerreichbare kleider zu besitzen.

farbe vermittelt optimismus, glücksgefühle und lebensfreude: wichtige eigenschaften für unser leben. wir brauchen beide attribute, um träumen und unsere persönlichen vorlieben ausleben zu können - auch in zeiten der krise.

wie wichtig ist es, trotz krise positiv zu denken?

dies ist sicherlich grundlegend! sowohl für das private leben, als auch im beruf. nur so ist es möglich, sich den täglichen anforderungen und schwierigkeiten zu stellen und diese auch zu überwinden. ich würde positive gedanken als ein serum gegen ein gestresstes leben definieren.

was ist ihr ganz persönlicher (positiver)leitgedanke?

in italien gibt es einen philosophen namens domenico de masi. er ist ein aufmerksamer beobachter der gesellschaft, analysiert das tägliche leben und die zukunft. er hat ein buch mit dem titel „l’ozio creativo“ („die kreative muse”) geschrieben. dieser titel stimuliert mich sehr, gibt mir persönlich freude und aufschwung!

patrick taschler
pool journal