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flying the flag
das meer und der mensch. von jeher war dieses zusammentreffen von vielen extremen geprägt: von unendlichem glück, tiefem schmerz, von grenzenloser sehnsucht, von großer angst, von neuen ufern und zeitloser schönheit. die faszination des menschen für das meer und dessen überquerung ist jedenfalls seit jahrtausenden ungebrochen. dies dokumentiert der rund neun monate andauernde segelwettbewerb „volvo ocean race cup 2008/2009“ eindrucksvoll.

kann der mensch das meer „bezwingen“? kann er sich das meer untertan machen? ist es möglich, jedem wind, jedem wetter mit dem segelboot zu trotzen, immer das richtige segel zu hissen und dem meer stetig die „flagge zu zeigen“? es ist möglich, zumindest wenn es nach dem willen der teilnehmer des wahrscheinlich gefährlichsten und schwierigsten segelwettbewerbs der welt geht: dem volvo ocean race cup. insgesamt acht segel-teams mit bis zu 11 crewmitgliedern haben sich seit anfang oktober 2008 vom spanischen alicante auf den weg gemacht, mit ihren speziell genormten segelbooten in rund neun monaten - bis ende juni 2009 - die welt zu umsegeln und im russischen sankt petersburg einzulaufen. auf einer gänzlich neuen route - über südafrika, indien, china, süd- und nordamerika - für die es noch keine erfahrungswerte gibt. die mit abstand größte herausforderung seit dem ersten ocean race cup im jahre 1973.

am beispiel des beeindruckend ästhetisch geratenen ocean racing-schiffes „il mostro“ - „das monster“ - vom team puma, wird sichtbar, wie schmal der grad hier zwischen höchsten technologischen qualitätsstandards und minimalistischer ausstattung ist: keine dusche, nur eine kleine kochstelle, die schlafsäcke werden von zwei crewmitgliedern gemeinsam genutzt, um ein geringeres gewicht am schiff zu erzielen. nur rund drei bis vier stunden schlaf pro tag bleiben der 11-köpfigen crew in etwa, um sich von den strapazen an deck halbwegs zu erholen. wiewohl schlafen bei heftigem seegang natürlich oft sehr schwierig sein kann. wie anstrengend die körperlichen anforderungen an das team sind, belegen alleine zwei maßeinheiten: das hauptsegel mit 175 m², und der spinnaker (vorsegel) mit umfassenden 500(!) m². je nach wind und kurs müssen diese beiden segel gehisst oder eingeholt werden - permanent, tag und nacht. als skipper (team-/schiffsleiter) der „il mostro“ agiert der us-amerikaner ken read, einer der erfahrendsten profi-segler der welt mit rund 30jähriger erfahrung auf den meeren und ozeanen quer über den globus. im nachfolgenden gespräch erzählt der skipper des puma ocean racing-teams, wie sich seine sichtweise auf das leben und die welt geändert hat und dass sich sein zuhause eigentlich nicht am meer sondern bei seiner familie befindet.

lieber ken, inwieweit hat sich durch deine teilweise extremen erlebnisse am meer, die perspektive auf das leben grundsätzlich verändert, auch im hinblick auf die teilnahme am volvo ocean race cup?

ich würde sagen, mein leben hat sich bereits um 100 % verändert. alles hat sich geändert. es hat sich deshalb gewandelt, weil ich überhaupt nicht weiß, wie sich dieses segelrennen (volvo ocean race cup 2008/2009, anm.) entwickeln wird, was da alles auf uns zukommen wird. ich habe eine 11jährige tochter, die sich sehr viele sorgen um mich macht, und die sich einzig und allein wünscht, dass ich wieder gut nach hause komme. außerdem habe ich noch weitere 10 personen an bord des schiffes, für die ich ebenfalls verantwortung trage. dieses schiff heißt nicht nur „il mostro“, also monster, sondern es kann wirklich zu einem monster auf rauer see werden. ich habe dafür sorge zu tragen, dass all diese menschen wieder heil zu ihren familien zurückkehren. der volvo ocean race cup ist für mich nicht nur ein segelrennen, sondern es ist auch ein ereignis, welches mich bereits vor beginn des rennens in meiner gesamten persönlichkeit geprägt hat. ich muss versuchen, das rennen zu gewinnen, ganz klar. aber auf der anderen seite habe ich danach zu trachten, dass wir alle wieder gut und sicher nach hause kommen. dieser aspekt, das leben jedes einzelnen zu schützen, hat für mich höchste priorität.

du kommst hier ganz stark mit den naturgewalten des meeres, mit der natur an sich in kontakt. du segelst mit dem wind, bewegst dich mit den wellen des meeres. welches gefühl ist das für dich, so nahe an der schnittstelle zwischen mensch und natur zu sein?

das ist eine sehr gute frage, aber ich muss dir ganz ehrlich sagen: ich habe bei dieser sache kein interesse an der natur. ich betrachte dieses ereignis als reinen wettbewerb. für mich steht im vordergrund, ein gutes team zu haben, ein ausgeklügeltes programm zu fahren und das rennen, die trophäe letztendlich zu gewinnen. diese aspekte sind mir wichtig. natürlich sind wir auf den ozeanen unterwegs, spüren, welche kräfte da frei werden, sehen den einen oder anderen albatros über unsere köpfe hinweg fliegen oder einen mächtigen wal. aber gerade wenn ich einen wal sehe, denke ich nicht, „wow, wie eindrucksvoll!“ sondern eher: „hoffentlich rammt der nicht unser schiff!“.

ich hab dir diese fragen auch deswegen gestellt, weil viele menschen den großteil ihrer zeit, ihres lebens, in geschlossenen räumen verbringen, den zugang zur natur, zu den „natürlichen“ lebensgewohnheiten verloren haben?

bei mir ist das eigentlich umgekehrt. ich bin sehr oft mehr in kontakt mit der natur, mit den kräften der natur, öfter als es mir manchmal lieb ist. das kann teilweise sehr gefährlich sein. oft freue ich mich dann wirklich, öfter mal wieder in einem geschlossenen, sicheren raum sein zu können (lacht).

du wirst jetzt rund ein dreiviertel jahr auf den meeren der welt unterwegs sein. wo fühlst du dich eigentlich zuhause?

zuhause sein bedeutet für mich, bei der familie zu sein. die familie, meine tochter sind mein zuhause. ich versuche alles, damit ich nach diesem unglaublichen rennen den rest meines lebens mit meiner frau und meiner tochter verbringen kann. mein kind ist immer die nummer eins in meinem herzen. ich habe meiner tochter versprochen, dass alles gut gehen wird.

ihr habt keine dusche an bord, teilt euch einen schlafsack zu zweit, verfügt nur über eine kleine kochstelle, es gibt keinen platz zum zurückziehen ... und das über monate. wird einem da bewusst gemacht, welche die wirklich wichtigen dinge im leben sind?

es ist schon jetzt vor dem eigentlichen rennen eine sehr enge verbindung zwischen all den bordmitgliedern am schiff entstanden. ein unsichtbares band, das uns alle zusammen hält. diese stimmung ist von einer ganz besonderen stärke und tiefe geprägt, fast unbeschreiblich. das ist wirklich etwas ganz besonderes. ich glaube, wir geben vor, was es bedeutet, mit dem minimum an materiellen dingen auszukommen, ja sogar daraus kraft zu schöpfen. ich genieße das. es bringt dich an die grenzen deiner physischen und psychischen elemente. du kommst an den punkt, wo du dich fragst: wie stark ist der mensch? wozu ist er fähig? wie es uns in den kommenden neun monaten und auf den insgesamt 37.000 seemeilen des race cups aber wirklich ergehen wird, das kann keiner von uns voraussagen.

was kann angst, wie du sie vielleicht schon am meer erlebt hast, in einem menschen bewirken?

das empfinden von angst, das beurteilen von schwierigen situationen, verändert sich im laufe der jahre. ich habe vor 10, 15 jahren sicher anders gehandelt als heute. ich kann nur von mir sagen, dass wenn ich in turbulente situationen mit dem schiff komme, ich sofort versuche, wieder den überblick, die ruhe innerhalb des teams herzustellen. es geht darum, auch in extremen momenten die dinge so schnell wie möglich in eine geordnete bahn zu bringen. das ist ein großer teil meines jobs.

was, glaubst du, bewirkst du bei deiner heranwachsenden tochter mit deinem durchaus unkonventionellen beruf als skipper, beim möglicherweise gefährlichsten (segel-)rennen der welt?

also das wichtigste signal für mich an meine tochter ist sicherlich, ihr zu vermitteln: die welt ist sehr groß und es gibt so viele wege, die du darauf gehen kannst. manche sind vielleicht ungewöhnlicher, aber du alleine hast die wahl, eine wegrichtung davon einzuschlagen. dir steht alles offen. andererseits möchte ich ihr sagen, ich trage verantwortung für dich und für andere, ich weiß genau, was ich hier tue und verspreche dir da zu sein, wenn du mich brauchst. ich habe ihr das versprochen, und das werde ich auch so einhalten.

helmut wolf
pool journal