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mr. big
und am sechsten tag erschuf gott den penis. ob sich der liebe gott bereits am anfang um die zusammenhänge jener subjektiven fragen der ästhetik, größe und dem lustfaktor bewusst war, als er seinen prototypen adam in die welt entsandte, bleibt wohl das ewige geheimnis der schöpfungsgeschichte.

seit den anfängen der menschheitsgeschichte waren größe und leistung des männlichen geschlechtes, gleichsam mit seinem weiblichen pendant - den brüsten - beliebtes thema und zeitgemäß oft strenges tabu in kunst, literatur, politik und dem gesellschaftsleben. wie „groß“ tatsächlich groß ist, wird nun beispielsweise auf visuell eindrucksvolle weise im the big penis book (taschen) ganz ohne scham und peinlichkeit dargelegt. auf 383 seiten erzählen und zeigen fotografen, verleger und diverse models wie gott sie geschaffen hat. dabei wird in einer zeitspanne von den roaring sixties bis in die 1990er jahre dokumentiert, wie es um deren verhältnis zum männlichen objekt der begierde „steht“.

laut dem vorwort des buches wird die obsession um den penis seit jeher als eine männliche beschrieben. seine anatomie wurde in früheren jahrhunderten von forschern und penisvermessern erfasst und statistisch ausgewertet. die männliche und weibliche sichtweise zu größe, ästhetik und symbolik des penis veränderte sich im laufe der jahrzehnte und unterlag durch unterschiedliche trends, moden und technologie auch ständig neuen bewertungen. das heutzutage vorherrschende ideal eines großen, kräftigen penis, hinter dem ein „richtiger mann“ steht, wirft im hinblick weiterer aktueller messungen eine interessante frage auf: inwieweit eignet sich der penis eigentlich als marketing-objekt?

von gemeinhin errechneten, weltweiten durchschnitts-penis-längen, die zwischen 16 und 19 cm liegen, sind es nur rund 1,8 prozent der männer, dessen größe die 20 cm marke übertreffen. es ist anzunehmen, dass es sich hierbei nicht um den „ruhezustand“ des penis handelt. jene minderheit der überdurchschnittlich großen penisse wird im buch auf einer sehr persönlichen und einfühlsamen ebene behandelt.

seit den frühesten stunden der menschheit war die götterverehrung in verschiedenen kulturen durch das anbeten großer penisstatuen ein durchaus übliches ritual. im alten rom huldigten die frauen penisnachbildungen und selbstentjungferungen an nachbildungen aus gold waren keine seltenheit (man denke hier bereits an eine frühe form des vibrators!). andere kulturen nagelten stramme penisnachbildungen auf die stadttore, um feindlich gesinnten eindringlingen eine warnung zu geben. die anbetung des penis als zeichen der lebensenergie und beschützenden kraft ist noch heute in einigen kulturen ein zelebriertes glaubensritual, wie beispielsweise auf den sunda-inseln, in indien oder bhutan. in europa entwickelte sich aus dem „laissez-faire“ gegenüber der freizügigen zurschaustellung des männlichen geschlechtsteils, wie einst bei michaelangelos david, ein noch bis heute nicht ganz überwundenes tabu. napoleon zum beispiel konnte den anblick seinesgleichen ohne hüllen nicht ertragen. laut historikern war seine auffassung, dass schönheit und „sexiness“ keine männersache sei. männer sollten kriege führen, so napoleons meinung. ob insgeheim vielleicht nicht napoleons allgemein bekannte kleine körpergröße dabei eine rolle spielte, bleibt offen.

in weiterer folge entwickelte sich später, durch das entstehende kapitalistische system, die allgemein gültige formel „geld = macht“. ein nackter mann konnte diese keinesfalls versinnbildlichen. obwohl dieser, gerade wegen seiner ultimativen fruchtbarkeitssymbolik, früher einmal als gott verehrt wurde. die aufklärung im zuge der kirchlichen reformation wäre in diesem zusammenhang einer überlegung wert.

wirtschaftlicher fortschritt und technologie brachten vor allem die fotografie dazu, das tabu der männlichen nacktheit zu brechen, im gleichen zug jedoch auch aufmerksamkeit auf größe und ästhetik des penis in den vordergrund zu rücken. noch in den 1920ern war die nacktfotografie unter die schützende ägide der kunst gestellt. ab den 1950er jahren setzte in den usa eine dramatische liberalisierung um die gezeigte öffentlichkeit des penis ein. die sexuelle revolution der späten 1960er-jahre tat ihr übriges zum selbstwertgefühl des plötzlich „gern gesehenen“ nackten mannes.

the big penis book stellt viele neue ansätze zusammenfassend dar, indem es vor allem persönliche geschichten rund um das „beste stück“ des mannes schildert. wie die vom fotograf und verleger des damaligen renommierten physique pictorial magazins, bob mizer, der sich trotz vorherrschender zensur durch den us-postal service nicht von der produktion und dem versand seines magazins abhalten ließ. er war einer, der den penis „professionell“ als ernst zu nehmendes geschäft ansah, bei dem – nebenbei bemerkt - seine mutter die bücher führte. in den 1970er-jahren stand sogar arnold schwarzenegger vor seiner linse, allerdings mit hose.

models wie john holmes, geboren 1944 in der kleinstadt ashville, ohio, erzählen, wie sie ihr „talent“ eines tages nach dem duschen in der hose entdeckten, gutgläubig des besseren zum einsatz brachten, um nach einiger zeit die bittere enttäuschung zu erfahren, nur wegen ihres penis geachtet und gemocht zu werden. oder die geschichte eines früheren models namens “chuckpixxx”, das als einziger gesteht, sich eine penisverkleinerung zu wünschen, um sein (sexuelles) leben endlich genießen zu können.

interessant auch ein interview mit dem fotografen jay myrdal, der sich durch seine erschaffung des „long dong silver“-mythos in den 1970er-jahren einen namen machte: ein riesenpenis, der dem model, einem gewöhnlichen familienvater, bis zum knie reicht. der long dong silver-mythos entstand durch das talent, sein fotografisches können technisch perfekt umzusetzen. im vergleich zu heute verwendeten grafik-programmen wurde damals mit licht und winkeln gespielt, um „optische täuschungen“ herzustellen – die wie in diesem fall – vergrößernde wirkung hatten. ohne zweifel zählte jay myrdal mit seiner erfindung des „endlos-penis“ wohl auch zu den mitbegründern des „erregierten größenwahns“. nicht zu vergessen der legendäre low budget-film “deep throat”, welcher nach seinem erscheinen in den kinos 1972 die tabugrenzen rund um das thema nacktheit sprengte und mit sicherheit ebenso zum „big penis boom“ beigetragen hat. seitdem gilt der penis als betrachtungsobjekt per se und hat sich vom ehemaligen stein des moralisch-ästhetischen anstoßes zu einem akzeptablen, verwendbaren werbemittel entwickelt – wenngleich in reizvoller „verpackung“, welche lust aufs auspacken machen sollte.

wer nach einer literarischen „erklärung“ sucht, etwa was die obsession der männer für ihre edlen teile auf sich hat, wird beispielsweise beim autor william burroughs fündig. in burroughs werk interzone - entstanden im sexuell konservativen amerika der 1950er jahre - bricht der autor tabus in seiner beabsichtigten „offensiven schilderung“ von männern im umgang mit männern und deren einsatz des penis.

zum oben beschriebenen fotografen jay myrdal entwickelte sich in den 1980er jahren auch eine künstlerische parallele. robert mapplethorpe zum beispiel ist es über seinen äußerst sensiblen und ästhetischen ansatz der männlichen aktfotografie gelungen, den penis als teil einer lebendigen, männlichen skulptur darzustellen, ihn somit in gewisser weise zu „entsexualisieren“. auch der fotograf terry richardson hat durch den besonderen stil und kontext in seinen männlichen akten dem penis genau jene bedeutung gegeben, die er offensichtlich darstellt: nämlich ein menschliches organ zu sein - einmal mehr und einmal weniger ästhetisch.

sehr aufschlussreich ist ein brief im vorwort des big penis book von einem heterosexuell orientierten mann namens “mr. five inch”, der seinen gefallen an gut bestückten männern so erklärt: „für mich sind männer mit großen schwänzen die jungs, die im großen sexspiel als schlagmänner auf dem platz stehen. jedes mal, wenn ich sehe, wie einer von ihnen zum abschlagplatz geht, empfinde ich stolz auf unsere mannschaft.” voilà.

sandra pfeifer
pool journal