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häufig gestellte fragen

was bereitet ihnen besondere freude?

am interessantesten und schönsten ist es für mich, von meinem eigenen lachen überrascht zu werden.

über wen oder was lachen sie am liebsten?

das ist eine schwierige frage an einen lachforscher. ich habe immer einen analytischen blick auf die dinge, möchte immer wissen, warum das so funktioniert. grundsätzlich hege ich heute eine große sympathie für anti-entertainer, wie beispielsweise den deutschen komiker helge schneider.

haben sie ein lebensmotto?

immer lustig und vergnügt, bis der arsch im sarge liegt.

laughing as pure joy
dass die eigentliche funktion des lachens die vertreibung der angst ist, mag am ersten blick nicht so klar ersichtlich sein. bei näherer betrachtung und umschreibung durch den lachforscher rainer stollmann, professor an der universität bremen, wird jedoch das lachen als „befreiender vorgang“, der die angst vertreibt, sehr klar ersichtlich. ein gespräch über lustvolle freude, lachen als lebensverlängernde stimulation und als ausdruck reinsten glücks.

lieber herr stollmann, warum widmen sie sich eigentlich gerade dem thema lachen?

ursprünglich bin ich ja kulturhistoriker und professor für kulturgeschichte. mit dem lachen beschäftige ich mich schon seit über 20 jahren. natürlich ist es so, dass wenn man den ausdruck lachforscher hört, es vorerst komisch wirkt. auf den zweiten blick ist es ein breites gebiet, mit reichlich literatur und geschichte. schon die großen philosophen wie sokrates, kant oder hegel, sind alle in ihren systemen und betrachtungsweisen zu der stelle gekommen, wo sie sich gefragt haben: was ist lachen?

die aufdringliche körperlichkeit dieser eigenschaft, die aber gleichzeitig nicht nur körperlich ist, sondern ebenso humor und ironie beinhaltet, welche wiederum eine höchst geistige verhaltensweise darstellt, fasziniert viele große philosophen. bei kant finden sie sieben seiten, bei hegel dreißig seiten über das thema lachen. alle versuchen dabei, das lachen in ihre systeme zu integrieren.

ist es nicht so, dass das lachen, mit ausnahme vielleicht der affen, nur den menschen vorbehalten ist?

aristoteles sagt zum beispiel: der mensch unterscheidet sich nicht durch das denken vom tier, sondern durch das lachen. dabei hat er vielleicht erkannt, dass das lachen eine frühe form des denkens ist oder das denken im lachen drinnen steckt. heute kann man sagen, die höheren menschenaffen, vor allem die schimpansen, lachen ebenso. das beste beispiel ist, wenn schimpansenmütter ihre kinder kitzeln, was man nur in freier wildbahn beobachten kann. zumeist passiert das, wenn die schimpansenkinder im alter von drei bis vier monaten sind. wenn man das so sieht, kann nur angenommen werden, dass die schimpansen eine vorstellung von lachen haben müssen. die schimpansenkinder stoßen auch ein glucksartiges geräusch aus, was dem menschlichen lachen sehr nahe kommt.

gorillas dagegen lachen nicht. das mag damit zusammenhängen, dass die schimpansen beweglicher sind. lachen ist ja auch eine form der beweglichkeit. diese szene „mutter-kitzelt-kind“ ist wahrscheinlich die ur-szene des lachens. wenn sie wirklich wissen wollen, was lachen bedeutet, dann müssten sie diese mutter-kind-szene beschreiben. da liegt natürlich die frage auf der hand: warum kitzeln mütter ihre kinder? wenn man mütter danach fragt, dann sagen sie: weil es spaß macht. und wenn sie bei den kindern genauer nachfragen, dann haben die auch ein bisschen angst davor, gekitzelt zu werden.

ab einem gewissen moment macht ja kitzeln keinen spaß mehr ...

richtig. beim kitzeln steckt ambivalenz dahinter, es ist gleichzeitig angsterregend und lustvoll. ich glaube auch, dass kitzeln ein problem löst, das bei den höheren säugetieren auftritt: nämlich das problem der entwöhnung. wenn sie die geschichte betrachten, wie lange mütter ihre kinder säugen sollen, dann stellen sie fest, dass es hier kein maß gibt. die adeligen mütter im 18. jahrhundert in frankreich haben ihre säuglinge sofort an die hebammen, an die milchmutter, weitergegeben. ganz im gegensatz zu den hippies der frühen siebziger jahre, wo die kinder so lange wie möglich gestillt wurden. also zwischen einem monat und vier jahren ist beim menschen heute alles erlaubt. da entsteht eine gewisse unsicherheit, wann das kind abgestillt gehört. und das ist ja nicht nur ein körperlicher vorgang, sondern dieser ist auch mit starken gefühlen besetzt. nach dem motto: „du darfst nicht mehr zu mama“.

wenn sie diesen abstillvorgang im niederen tierreich betrachten, so geht es da rabiat zu. wallrossmütter drehen sich einfach auf den bauch, dann kommen die kinder nicht mehr heran. wolfsmütter sind richtig aggressiv, geben ihren jungen ohrfeigen, um sie fern zu halten. wenn sie sich vorstellen, dass eine funktionierende mutter-kind-beziehung besteht, wo ja richtige mutterliebe existiert, und diese nicht befriedigend ist, nämlich die alternative zwischen gleichgültigkeit und aggressivität vorherrscht, dann glaube ich, dass man kitzeln als ausweg aus dieser zwickmühle beschreiben muss. da steckt ein bisschen aggressivität dahinter, ohne brutal zu sein ... das kitzeln ist sozusagen die erfindung der mütter, um aus der zwickmühle „wie entwöhne ich mein kind“ herauszukommen. und es ist nicht nur entwöhnung, sondern auch der vorgang „wie trenne ich mich von meinem kind, damit es selbstständig wird, auf eigenen beinen steht.“ kitzeln und lachen ist ein prozess der mit emanzipation, mit trennungsfähigkeit zu tun hat. ich glaube, das ist der schlüssel des kitzelns, des lachens, der freude.

wenn sie am abend beim comedy-talk im fernsehen über gewisse dinge lachen, hat das auch damit zu tun, dass dabei sensible stellen ihrer haut berührt werden. eigentlich dort, wo sie angst haben müssten, wo sie sich von etwas lieb gewordenen trennen müssen, was sie vorher nicht wussten. das können auch gedanken sein. gleichzeitig wird diese angst aber in lust umgesetzt, wie beim kitzeln der mutter. es ist etwas rätselhaft, aber alle, die uns zum lachen bringen, berühren uns an der haut. nicht nur an der körperlichen haut, sondern auch der politischen, der moralischen, der vernunft- und gefühlshaut. an allen schwachen stellen, an allen „identitäts-häuten“ können sie gekitzelt werden. und dann lachen sie. das ist das geheimnis des lachens.

gibt es kulturen und regionen in der welt, wo die leute tendenziell mehr lachen? gerade in ärmeren regionen ist es ja oft so, dass die menschen, auch wenn sie materiell wenig besitzen, scheinbar fröhlicher sind, viel lachen ...

in afrika gibt es die form des palavers als diskussion. also man redet lange um die sache herum, versammelt sich, hat zeit, setzt sich mit allem möglichen gedanken auseinander. interessant ist, dass dieses palavern von permanenten lachen begleitet ist: einer sagt etwas, die anderen lachen. dann sagt ein anderer etwas, die anderen lachen. lachen und denken, lachen und reden, bilden eine gewisse balance. das lachen spielt eine dominante rolle.

ich glaube, dass man diese beobachtung verlängern kann auf alle nicht industrialisierten, nicht aufgeklärten gesellschaften, in denen das denken noch nicht die erste geige spielt. in diesen gesellschaften wird kommunikation von permanentem lachen begleitet. dies galt von der jungsteinzeit, etwa 10.000 jahre vor christus bis in das europa des 17. jahrhunderts. im 18. jahrhundert kam dann die aufklärung, die vermittelt hat: du musst selber denken, nicht selber lachen. der dekan und die großen geister setzten das denken an die erste stelle, als jene eigenschaft, über die man sich emanzipieren muss. auch im zuge der industrialisierung bekommt das lachen einen anderen stellenwert im menschlichen leben und in der menschlichen kommunikation. ich würde es so sagen: in den vorindustrialisierten gesellschaften wie in afrika sitzt das denken unter dem dach des menschen, bei uns sitzt das lachen unter dem dach des denkens.

gerade in wirtschaftlich schwierigen zeiten, wie wir sie jetzt erleben, gibt es, so sagt man, wenig zu lachen. gibt es da gewisse erkenntnisse, wie sich dabei das verhalten der menschen verändert?

also die eigentlich einzige funktion des lachens ist die vertreibung der angst. wenn sie an das oben geschilderte mutter-kind-verhältnis denken, wo das kind trennungsangst hat, so wandelt die mutter mit ihren flinken fingern und durch das kitzeln diese (trennungs-)angst in lachlust um, in lustvolle freude. im grunde machen komiker auch nichts anderes. in besonders angstvollen zeiten, wie wir sie jetzt mit der finanzkrise erleben, ist auch der anlass zum lachen viel größer, als in zeiten, wo das nicht so ist. das können sie auch historisch verfolgen. geschichten wie „don quijote“ oder „till eulenspiegel“ sind alle in zeiten großer angst entstanden, die vertrieben werden musste. dieses lachen, das dann eingreift, ist die reaktion der menschen gegen die angst.

man kann sagen, es gibt eine sehr intensive beziehung zwischen lachen und angst. die zeiten, die viel angst produzieren, können auch viel lachen entstehen lassen. es kommt halt immer darauf an, jemanden zu finden, der, wie die mutter mit dem kitzelfinger, diese angst in lustvolle freude umwandeln kann. der tschechische roman „die abenteuer des braven soldaten schwejk“ handelt zum beispiel vom ersten weltkrieg und will die angst vor diesem vertreiben. im prinzip sind die zeiten großer angst auch immer die zeiten großen lachens. ein richtig intensives lachen, wo es sie so richtig durchschüttelt und befriedigt, muss die wurzeln von angst treffen. wenn sie in gut situierten zeiten leben, wo sie sich nicht besonders fürchten müssen, ihnen vieles gleichgültig ist, werden die wurzeln der angst viel schwerer zu treffen sein.

stimmt es, dass kinder viel öfter lachen als erwachsene?

auf jeden fall. schlaue psychologen haben das sogar nachgezählt, und sind in etwa auf folgenden schnitt gekommen: erwachsene lachen 20 bis 30 mal pro tag, kinder rund 200 mal pro tag.

verlernen wir im alter das lachen, weil wir zuviel vorher nachdenken?

kinder sind ja noch nicht aufgeklärt, vertreiben ihre angst leichter durch das lachen als ernsthaft über ein problem nachzudenken. dazu gibt es eine interessante studie, die herausfinden wollte, welche kinder im kindergarten und der schule die „anführer“ sind. zuvor dachte man, die anführer sind die intelligenteren oder stärkeren kinder. aber es waren jene, die am witzigsten, am heitersten waren, jene mit den lustigsten einfällen in der gruppe. dann gibt es auch noch das so genannte pubertätslachen. drastische veränderungen der biologie des körpers führen zu viel unsicherheit bei den heranwachsenden. durch das viele lachen sollen diese unsicherheiten verdrängt werden.

haben menschen, die viel geld und materiellen besitz haben, mehr freude an ihren dingen und am leben?

schauen sie sich doch einmal dagobert duck an, der hat sicher nicht viel freude mit seinem besitz. die ärmeren sind da durchaus besser dran, in diesem fall sogar durchaus realistisch.

freude haben, zu lachen, deutet auf die schönen seiten des lebens und daseins, auf vergnügen und genuss hin. viele menschen streben in gewisser weise zu dieser glück bringenden freude, aber nur die wenigsten erreichen sie. warum?

also wir kommen hier auf ein schwieriges gebiet und es lässt sich nicht vermeiden, dabei über die psychoanalyse zu sprechen. die psychoanalyse ist nämlich die einzige wissenschaft, die den begriff von lust definiert. wobei lust in der psychoanalyse zu über 60 % eine sexuelle färbung hat. lust und freude liegen aber nahe nebeneinander. verhaltensforscher charles darwin beispielsweise schreibt im dritten band seines hauptwerkes „der ausdruck der gemütsbewegungen bei den menschen und den tieren“ auch zehn seiten über das lachen. sein erster satz darin lautet: „lachen ist der ausdruck des reinsten glücks.“ ein paar sätze später schreibt er auch vom „lachen als ausdruck reinster freude“. und obwohl die ersten beiden großen bände von darwin sich dem „kampf der arten“, dem prinzip „nur der stärkere wird überleben“ usw. widmen, so scheint auch er letztendlich auf die gemütszustände lust und freude zu stoßen.

lachen muss man eigentlich, im unterschied zur sexualität, als soziale freude bezeichnen. wenn menschen zusammen sind, wenn kommunikation funktioniert, wenn sie in einer einigermaßen zufriedenen gemeinschaft sind, dann stellt sich lachen ein. das ist aber eine andere lust als lust im zusammenhang mit liebe und sexualität. lachen ist sozusagen der lustkristall des sozialen.

fast alle soziologen sagen heute, gesellschaft wird durch kommunikation zusammengehalten und damit meinen sie kommunikationsmittel oder sprache. ich glaube aber auch, dass es einen lustvollen zusammenhalt zwischen den menschen gibt - und das ist eben das lachen. wenn menschen zusammen sind, dann sind sie darauf aus, sich zum lachen zu bringen und nicht nur, um zu kommunizieren oder zu arbeiten. das merken sie in der alltagskommunikation. wenn sie den nachbarn treffen und miteinander reden, ist es das schönste, wenn das in heiterer art und weise passiert. dann hat man das gefühl, das war ein nettes gespräch und es war schön, ihn gesehen zu haben. das kann man auch als unterhaltung bezeichnen. darauf sind die menschen aus, und nicht um informationen auszutauschen oder sich zu belehren. das ist die große leistung des lachens, sie konstituiert lustvoll menschliche gesellschaft. und das wird fast immer unterschätzt.

wie wichtig freude und lachen ist, zeigt sich ja auch immer häufiger im wirtschaftsleben, bei den betont seriösen besprechungen ...

... wo dann eben über rituale oder seminare die freude und das lachen sekundär eingeführt werden. es gibt viele leute, die das auch erkannt haben, das lachen nachträglich in den arbeitsprozess hinein bringen. in japan sind das rituale. da gehört lachen und freude einfach dazu. bei geschäftsabschlüssen müssen sie schnaps trinken, müssen sich zeit nehmen. das hängt auch damit zusammen, dass in japan das private und das unterhaltsame unabdingbare bestandteile geschäftlicher verhandlungen sind, anders als in unserer kultur.

würden sie sagen, dass fröhliche menschen grundsätzlich weniger aggressiv, friedvoller sind?

im prinzip, ja. wir kennen aber alle auch das böse, das teuflische lachen. es gibt auch erlebnisse aus der kindheit, wo erwachsene mit kindern ironisch umgehen, was kinder aber nicht verstehen, dies als verletzend empfinden. kinder sind naiv und verstehen ironie noch nicht. es gibt auch aggressives lachen, wie das lachen über einen blondinenwitz, welches ein klar abwertendes statement gegen frauen ist. der philosoph adorno hat das drastisch ausgedrückt. „fun ist ein stahlbad“, also durch freude, durch unterhaltung härte ich mich ab. sind ironie und sarkasmus positiv oder agressiv? romantiker haben das lachen als zeichen von humor gelten lassen, den witz aber nicht. ein aufklärer macht witze, ein romantiker nicht.

was ist der unterschied zwischen lachen und auslachen? ich könnte ihnen texte aus märchen aus dem 17. jahrhundert zeigen, wo heftiges auslachen, welches wir heute als sehr aggressiv empfinden, als heilsame, gute wirkung dargestellt wird.

lachen kann auch als mittel gesehen werden, das gegen gefühle immunisiert. es gibt verschiedenste interpretationen und empfindungen, die mit dem lachen einhergehen. positive wie negative.

wer lacht, lebt länger. stimmt das?

ich denke, damit ist in erster linie gemeint, dass lachen etwas sehr lebendiges ist. jene menschen, die ihre lebenskräfte durch lachen äußern, ein offensichtlich lustvolleres leben haben, könnten tatsächlich länger leben als jene, die sich nur ärgern und grämen. es gibt auch neurophysiologische und biologische forschungen über das lachen, die zusammenhänge zwischen der ausschüttung von endorphinen, der erhöhung des blutkreislaufs und der bildung von blutkörperchen, also eine allgemeine zunahme der natürlichen lebenstätigkeiten im inneren des körpers, feststellten. lachen scheint dies direkt anzuregen.

woher kommt die meinung, dass dicke menschen die fröhlicheren sind?

also mir fällt da gleich der dicke, lachende buddha ein. und, ja es stimmt: die dicken lachen eher als die dünnen. obwohl dicke nicht länger leben, da können die noch soviel lachen ... (lacht). und ich stelle jetzt einmal in den raum, dass die dicken deswegen soviel lachen, weil sie sich in der außenwelt nicht mehr so gut bewegen können, deshalb ihren eigenen körper durch lachen in bewegung bringen.

sind leute, die sich freuen und lachen, glücklicher, zufriedener, vielleicht sogar produktiver ... konsumfreudiger?

das glaube ich durchaus. die menschen werden einfach lockerer, wenn sie lachen, zufrieden sind. lachen ist ja gewissermaßen ein anarchismus ihres körpers, sie verlieren für einen moment die herrschaft über ihren körper. und wenn sie die herrschaft über etwas verlieren, sind sie offener für dinge, die sie sonst nicht tun würden. deshalb überzeugen sie einen lachenden menschen eher von etwas, als einen ernsten. aus diesem grund ist werbung heute auch sehr häufig lustig. witzige werbeformen gibt es ja noch nicht so lange, schätzungsweise erst seit rund 20 bis 30 jahren. bis mitte der 1960er-jahre wollte werbung noch bewusst seriös erscheinen, erst danach hatten wir den ausbruch der guten laune in der warenwelt.

helmut wolf
pool journal