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a symbol of power
besonders in der modewelt ist chanel’s double c synonym für luxus. seit seinem erstmaligem erscheinen auf dem verschluss des flacons von chanel no 5, hat sich dieses symbol als unverkennbarer repräsentant des stils des modehauses in seiner charakteristischen form bewährt.

„ich mag es nicht, wenn man von chanel-mode spricht. chanel ist zunächst einmal ein stil. mode kommt aus der mode, aber stil niemals.“, hat die patronin des hauses, coco chanel, einmal so treffend formuliert. dieses und das bewusstsein der trägerin – und der nichtträgerin - hat „le double c” in sich verdichtet und vereint. was aber macht im vergleich zu anderen mitbewerbern und deren kunden aus der modewelt die viel besagte klasse und eleganz beim chanel-stil aus? ist schlichtheit doch eine eigenschaft, die widersprüchlich zum verkauftem „endprodukt luxus“ steht? das geheimnis eines der erfolgreichsten logos aller zeiten verbirgt sich in der vielschichtigen persönlichkeit von coco chanel, der erfinderin und vorreiterin des stils schlechthin.

beispiele gibt es genug für den unkonventionellen lebensverlauf von „mademoiselle chanel“. so entschloss sie sich beispielsweise trotz erfolgreicher karriere zu einer langen schöpferischen pause während der kriegsjahre und schloss vorerst ihr pariser atelier in der rue cambon 21. ihr modisches schaffen nahm sie erst 1954 im alter von 71 jahren wieder auf. von da an bestach le double c als inbegriff von schlichtheit und eleganz. und das nicht mehr nur für die flacons, sondern auch auf dem futter der berühmten „2.55“-handtasche aus bordeauxfarbenem leder (benannt nach dem datum seiner einführung im februar 1955). einige jahre danach machte sich das logo auf den knöpfen der chanel kostüme vermehrt präsent. mehr als zehn jahre später, nach chanel’s tod, wurde le double c sogar als verschluss der berühmten 2.55 (steppgewebe-)handtasche verarbeitet. angeblich bedarf es für die fertigung einer dieser begehrten stücke, die mittlerweile aus jersey, tweed oder flanell produziert werden, den arbeitsaufwand von sechs personen, zehn stunden pro kopf. mademoiselle ihrerseits war anfänglich strikt gegen die offen gezeigte vermarktung ihrer stücke, wie der simple chanel schriftzug auf den etiketten der haute couture in ihrer anfangszeit bezeugte. beides, logo und schriftzug, repräsentieren im gleichen maß die „chanel botschaft“.

hat die geborene gabrielle chanel seit jeher „klasse“ für sich beansprucht? nach dem frühen tod der mutter, vom vater in ein kloster abgeschoben, wurde sie als waisenkind erzogen. später verdiente sich gabrielle anfänglich als statistin im tingeltangel einer kleinstadt namens moulins ihren lebensunterhalt. eigentlich wollte sie operettensängerin werden. chanel’s repertoire umfasste jedoch nicht mehr als zwei lieder, eines davon das titellied der revue „ko-ko-ri-ko“, wovon sich auch ihr „zweiter“ legendärer vorname ableitet. durch diese auftritte schloss sie gute kontakte zur gesellschaft, die sich ihr über kurz oder lang als sehr hilfreich erwiesen.

obwohl chanel sich gerne in schweigen über ihre vergangenheit hüllte, konnte man in ihren späteren kreationen – stilisiert durch die nüchternen, schlichten formen und farben - die prägungen ihrer durchlebten konventzeit wieder finden. das berühmteste beispiel ist das von ihr geschaffene „kleine schwarze“, ein zeitloser klassiker. ihre farblich bescheidene eleganz, für die sie später im art deco-jahrzehnt inspiration fand, ist ein besonders typisches merkmal chanel’s. „frauen können sich alle farben vorstellen, nur nicht deren fehlen. ich meine, dass schwarz und weiß die synthese aller farben sind. die perfekte vereinbarung. absolute schönheit.“

zu ihrem ersten schritt in ein finanziell unabhängiges leben, das für eine frau zu beginn des 20. jahrhunderts unüblich und zudem riskant war, verhalf coco ihr gentleman-freund, der passionierte reiter etienne balsan. trotz seines einwandes tauschte sie seine vornehme, dennoch für sie einengende residenz am lande mit seiner von ihm zur verfügung gestellten garçonnière in paris. dort fing sie an, hüte zu fertigen, die sich rasch unter den von balsans befreundeten weiblichen mitgliedern der vornehmen pariser gesellschaft an beliebtheit erfreuten.

innerhalb kurzer zeit folgten chanel’s atelier in der rue de cambon, dem heutigen chanel-headquarter. ein weiteres atelier befand sich in biarritz, wo mademoiselle die vorherrschende und von ihr verabscheute freizeitmode in kurzer zeit erfolgreich revolutionierte. chanel war passionierte trägerin des kurzhaarschnitts und fand es absolut unpassend, zum badeanzug straßenschuhe zu tragen. ihre zielstrebigkeit zu einem „freien“ leben und die eigenheit in ihren amourösen verbindungen flossen unmerklich wie auch ironisch in ihre kreationen ein. chanel’s vorstellung vom modischen frausein fand ausgehend von der pariser gesellschaft auch international und nach dem krieg besonders in den usa großen anklang.

keine andere frau als mademoiselle chanel persönlich machte die hose für frauen gesellschaftsfähig. sie borgte sich unverschämt stil-elemente aus der männermode, die sie elegant für den frauenkörper adaptierte und widersetzte sich mit strengem vergnügen jeglichen herrschenden modischen regeln, wie zum beispiel ihre bekannte vorliebe für die kombination von falschen und echten perlenketten beweißt. wenn auch das privileg des hosentragens im jahre 1929 zuerst nur den reichen frauen zuteil wurde. trotz chanel’s erfolgreichem aufstieg in beruf und gesellschaft war für sie luxus einzig dazu da, schlichtheit zu etwas besonderem zu machen, wie in ihrer biografie von edmonde-charles roux festgehalten wird. „ich wusste genau, dass alles, was reich war, mir nicht stand“, lautete einer von chanel’s berühmten sätzen, der ihren rebellischen geist und ihren drang nach modischem individualismus sehr gut zusammenfasst. ihr einzigartiger stil formte sich durch das ausleben dieser eigenschaften.

in ihren kreationen findet sich ein weiteres interessantes detail immer wieder – die kamelie - die als heimliches logo von chanel gilt. der ursprung der vorliebe dafür, wie auch der des double c, ist und bleibt jedoch ein gut gehütetes geheimnis. ob mademoiselle - eine bezeichnung, die sie übrigens missbilligte - selbst die meisterin oder zumindest mitbegründerin dieser erfolgreichen grafischen kreation ist, wird vom haus chanel weder bestätigt noch dementiert. die offizielle legende handelt davon, dass „der urgroßvater von gabrielle chanel, joseph chanel – seines zeichens schankwirt – in seinen freien stunden möbel baute, die er mit einem doppelten anfangsbuchstaben verzierte – zwei großen c’s, die einen kreis um ein christusmonogram bildeten, bestehend aus den beiden ersten griechischen buchstaben seines namens (chi und rho).

mitte der 1930er jahre zog chanel in die wohnung oberhalb ihres ateliers, das sich nach ihren bescheidenen anfängen rasch auf drei stockwerke ausgeweitet hatte. für den salon ließ sie einen schmiedeeisernen leuchter mit bergkristallen entwerfen, in dem sie jene symbole einarbeiten ließ, die ihr lieb und teuer waren: wie zum beispiel die zahl zwei, das große g in kursivschrift, ihre glückszahl fünf, die ihr mit der vermarktung des legendären parfüms eine beständige einnahmequelle bot, und le double c. auch zahlreiche ihrer persönlichen gegenstände sollen auf diese art von ihr gekennzeichnet worden sein. die bedeutung dieser symbole war höchstwahrscheinlich nur chanel selbst bekannt. vielleicht waren diese kennzeichnungen nur eine weitere ihrer vorlieben. ein verlangen, etwas nach ihren regeln empfundenes besonderes und wertvolles auf eine liebevolle art zu besitzen und zu schätzen. daraus mag sich eine von vielen vermutungen für die besonderheit dieses logos schließen. der begriff luxus erstreckt sich nämlich im weitesten sinne auf das attribut „unbezahlbar“, das gleichsam auch auf seinen zweiten charakter verweist. unbezahlbar, weil unersetzbar durch emotionale werte wie erinnerungen und gefühle. genau jene ungreifbaren werte, die man besitzt oder eben nicht, gelten bei fast allen logodesigns als geheimnis zum erfolg: den zeitgeist oder eine stimmung einzufangen und widerzuspiegeln; vor allem aber die möglichkeit, daran teil zu haben.

chanel machte durch karl lagerfeld in „königlicher“ manier als die neue generation seine aufwartung. natürlich ganz im stillen übereinkommen mit madame coco, beschränkte er die funktion des double c nicht nur als bloßes repräsentationszeichen auf den produkten allein – sondern integrierte es raffiniert als stilelement in den verschiedenen chanel-kollektionen. so präsentierte er le double c und weitere chanel-symbole, wie cocos foto oder die kamelie auf edlen plaketten („badges“) aus strass und gold auf dem laufsteg. ganz in lagerfeld-manier brachte er deren offensichtlich doch bis dato nur hinter vorgehaltener hand getuschelten sinn kurz und bündig auf einen punkt: „eine ansammlung verschlüsselter nachrichten, um sich seiner zugehörigkeit zu bekennen.“

präsenter und provokanter denn je zuvor hat maître lagerfeld le double c als stilvolles accessoire zur haute couture erhoben und adaptierte den gedanken für dessen verwendung wie schon so erfolgreich der cc verschluss der 2.55 bewiesen hatte: das logo selbst als objekt luxuriöser begierde. durch die üppige zur schau stellung des logos spielt lagerfeld unter anderem mit dem labelfetisch so mancher chanel-träger, bedient sich im grunde genommen an der ureigentlichen funktion des logos, um die botschaft des double c zu verdeutlichen: stil und eleganz, sowie die hommage an die kreateurin dieses erstrebenswerten luxus.

le double c mit seinen vielfältig präsenten gesichtern, ob in form von buttons oder als edle schuhabsätze, bleibt dennoch ungreifbar. was immer es nun ist, das chanel’s double c auf sich hat, es muss ein geheimnis bleiben. nur so überlebt dessen mythos, fortgeführt von persönlichkeiten wie lagerfeld, die nicht nur verstehen, ihn zu interpretieren sondern ihn selbst geschickt verkörpern: das ungreifbare, doch erstrebenswerte „etwas“ - den luxus.

einer weiteren legende zufolge sollte le double c auch das „mademoiselle lock“ genannt werden, da coco chanel zeitlebens trotz vieler liebschaften unverheiratet blieb. die beiden buchstaben weisen auf eine vereinigung ihrer selten angesprochenen vergangenheit und der von ihr selbst geschaffenen gegenwart hin – und waren chanel’s symbolische begleichung der einzigen offenen rechnung mit sich selbst. aber auch das bleibt letztendlich eine weitere legende in ihrem mythen-puzzle. coco chanel starb 1971 in ihrer suite im hotel ritz, in der sie in ihren letzten jahren residenz bezog.

sandra pfeifer
pool journal