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luxus. eigentlich völlig undefinierbar, meine ich. der duden meint etwas anderes, natürlich. er ist ja auch experte für definitionen. luxus bezeichnet er als „verschwendung, prunksucht“. ich behaupte, luxus kann man nicht generalisieren. luxus bedeutet für jeden etwas anderes.

für mich ist es schon luxus, im fernsehhauptabendprogramm eine sendung zu finden, die weder mit fußball zu tun hat noch das nächste topmodel, den übernächsten superstar, den lustigsten werbespot, die schönste wohnung, das dickste kind, den einsamsten bauern oder den unintelligentesten auswanderer sucht. ja, ich bin bescheiden geworden. bin ich wirklich.

als ich zur schule ging, packte mir meine mutter jeden tag ein jausenbrot und einen apfel ein. auf dem weg zur schule warf ich meine jause heimlich in den mistkübel. ich genierte mich, das einzige kind zu sein, das brot und obst bei sich hatte, während all die anderen kinder von ihren eltern geld bekamen, um sich damit „luxusgüter“ wie käsebrötchen mit wurst, leberkäsesemmeln, chips und süßigkeiten zu kaufen. ich schämte mich damals. ich hatte das gefühl, meine familie wäre arm, könnte es sich nicht leisten, mir geld mitzugeben. so gab ich mein taschengeld für junkfood aus: ich warf luxus weg, um schrott zu bekommen! richtiges brot, kein weißmehlmatsch? vitaminreiches obst, keine dick machenden süßigkeiten? eine mutter, die sich zeit nimmt, ihren kindern eine jause herzurichten? puren luxus hatte ich! ja, auch das bedeutet luxus für mich.

ansichtssache, wie gesagt. viele nennen es luxus, ihre kinder mit mindestens zwei computer, drei handys und den neuesten spielkonsolen auszustatten. auch gibt es möglichkeiten, durch wunderbare technische errungenschaften, sich bewegung zu verschaffen, ohne dass man das zimmer verlassen muß - wie praktisch! ich nenne es luxus, eltern zu haben, die noch derartig „altmodische güter“ wie frische luft, sportliche betätigung, gemeinsame unternehmungen und dergleichen zu schätzen wissen.

als luxus muss ich aber auch unbedingt die freiheit, insbesondere die der freien meinung anführen. wir leben in einer zeit, in der die menschen sich die haare bunt färben, auffällige kleidung tragen, körperteile durchbohren und ihren körper stechen, branden - oder was auch immer - lassen können. sie alle wollen damit etwas aussagen, aber wirklich sagen tut keiner etwas. diese „ich-schwimme-gegen-den-strom-und-will-damit-etwas-ausdrücken-das-siehst-du-an-meiner-frisur“-mentalität mag ja recht auffallend und zeitgemäß sein, aber freiheit oder gar luxus ist das nicht. luxus ist, sich die freiheit zu nehmen, einfach zu sagen, was man denkt. ganz ehrlich. ohne all die requisiten. denn dazu braucht es keine bestimmte art von kleidung oder frisur. dazu braucht es nur eine klare aussage. „ich mag es nicht, wenn sie mir an den hintern fassen! und sollte es noch einmal vorkommen, gehe ich zur abteilungsleiterin.“ „ich kann mir vorstellen, dass ihre arbeit schwierig ist, aber ich sehe nicht ein, warum ich als kunde darunter leiden soll, dass sie überfordert sind.“ „nein, wir möchten keine kinder, weil wir uns die zeit nicht nehmen wollen, einen menschen großzuziehen.“ „es mag sein, dass du einsam bist, mutter, und das tut mir leid. doch ich werde mich durch deine eingebildeten krankheiten nicht mehr emotional erpressen lassen.“ „weil ich dein freund bin, möchte ich dir sagen, dass ich der meinung bin, dass du einen fehler machst, auch wenn du es nicht hören willst, weil es weh tut.“ eine klare aussage, um etwas auszusagen. etwas zu sagen und dazu zu stehen. ist nicht einfach, den mut dafür aufzubringen. schwierig und selten, sich das zu trauen – dadurch aber luxus!

wo ich darüberhinaus komplett von der allgemein gültigen duden-definition von luxus als verschwendung abweiche, ist die zeit. zeit, die ich mir nehme, um das zu tun, was ich will. zeit für müßiggang – immer noch verpönt heutzutage. eine station früher aussteigen und den rest des weges im frühlingswetter zu fuß gehen. die hausarbeit liegen lassen und mit einem buch ins bett legen. nach dem kaffee im netten lokal an der ecke einfach noch sitzen bleiben, vielleicht noch einen kaffee trinken ... nach dem sonntagsfrühstück noch mal zurück ins bett kriechen. sich für so etwas zeit zu nehmen, ist keine verschwendung, aber reiner luxus. solche zeiten sind natürlich nicht produktiv. aber sie sind selten und kostbar. zeitfenster als kleine kostbare luxusgüter. sie sind schwer zu bekommen und jeder will sie haben!

doch nun genug des theoretischem: ich hol mir einen kaffee – keinen latte, dark moccacino, white moccacino, americano, iced cappuccino, iced moccacino, chococcino, frappuccino, iced white chocolate mocha, caramel macchiato, espresso macchiato, nein – einfach nur einen kaffee! dann leg ich mich auf die couch, mit einem buch in der hand, der katze auf dem bauch und mach den fernseher aus. no drama, baby! sondern luxus pur!


die hausarbeit liegen lassen und mit einem buch ins bett legen. eine station früher aussteigen und den rest des weges zu fuß gehen. sich zeit für müßiggang nehmen. christina ochsner plädiert für die zeitfenster des alltags, welche für sie die wahren kleinen, kostbaren luxusgüter des lebens darstellen.

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