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illustration: katharina berndt / durchdiebank.de
luxury ... it‘s relative
mein vater, philippe charriol, hat mir immer gesagt, dass luxus relativ ist. verschiedene kulturen haben unterschiedliche definitionen von luxus. innerhalb einer kultur konsumieren menschen, die über größeren reichtum und/oder mehr privilegien verfügen auf eine luxuriöse weise, wie sie für andere nicht vorstellbar, leistbar oder gar zugänglich ist. aber ob entrepreneure, schwerreiche, patrizier oder emporkömmlinge – alle diese klassen haben eines gemeinsam: sie alle wollen ihre ganz eigene art von luxus.

die entrepreneure. als mein vater vor 25 jahren den höhepunkt seiner unternehmenslaufbahn bei einer der damals renommiertesten luxusmarken erreichte, gab er alle damit verbundenen privilegien und vorteile auf, um seine eigene schweizer uhren- und schmuckmarke zu gründen. während seine freunde und kollegen diese entscheidung mit skepsis betrachteten, war sie für ihn der größte luxus. dieser mutige schritt, diese entscheidung, sein leben nach seinen eigenen vorgaben zu leben, war im kern seiner marke verankert – so sehr, dass er „charriol“ das motto „l’art de vivre la difference” gab („die kunst, anders zu leben“). wie zutreffend die definition meines vaters von luxus für ihn und andere entrepreneure auch sein mag, würde sie bei den neureichen, den alteingesessenen oder den emporkömmlingen genauso anklang finden? alles ist relativ, so meine ich …

die schwerreichen. der reichtum der oligarchen ist so unermesslich, dass der konsum von herkömmlichen luxusgütern oder –services in rationalen mengen einfach nicht genug ist. nehmen wir zum beispiel ein ereignis, welches mir der leiter einer 6-stern boutique-hotel-kette bei einem mittagessen erzählte. letzten monat rief ihn ein berühmter russischer oligarch, der für ein paar nächte im hotel der besagten kette in dubai weilte, an, um einen seltenen jahrgangs-champagner von der weinkarte zu bestellen. dies wäre nun kein ungewöhnlicher luxuskauf, wäre es nicht ein „balthazar“ gewesen, eine 12-liter-flasche, benannt nach dem herrscher von babylon aus dem 6. jahrhundert. und hätte besagter oligarch nicht 15 flaschen davon bestellt! aufgrund des astronomischen preises - 33.000 euro pro flasche als seltenheitswert - und der geringen nachfrage (niemand hatte je zuvor eine der flaschen gekauft), hatte das hotel nur eine solche flasche vor ort verfügbar. der hotelmanager rief darauf seinen vorgesetzten in new york an. mein freund autorisierte den hotel-manager im wahrsten sinne des wortes, den mittleren osten zu „durchkämmen“, um die geforderte anzahl an flaschen aufzutreiben und dem kunden zu überbringen. zu dem unglaublichen preis von fast einer halben million euro, wurde die bestellung noch in derselben nacht geliefert. der kunde badete vermutlich in jahrgangs-schampus - sich und seine gespielinnen ... die patrizischen weinkenner unter uns werden wissen, dass die besten champagner-häuser die zweite gärung des champagners in magnumflaschen (1,5 liter) vornehmen, und das fertige produkt anschließend in die größeren flaschen dekantieren (bis zu 15 liter), wobei druck verlorengeht und die gefahr höherer oxidation besteht. in diesem fall gilt also nicht das motto „bigger is better”. außer das ziel ist einzig und allein, die frauen zu beeindrucken!

die patrizier. die alteingesessenen sind abgestoßen vom ungeheuren ausmaß des „neuen reichtums”. sie sind es so sehr, dass sie es meiden, neue produkte zu kaufen und dafür den luxus bevorzugen, einen qualitätsgegenstand über jahre oder sogar generationen hinweg zu besitzen. für einen mann mag das ein abgetragenes, 20 jahre altes paar schuhe von lobb oder crocket & jones sein, vorzugsweise erstanden, bevor die marken von (respektive) hermès und turnbull & asser aufgekauft wurden. für seine frau oder schwester liegt der ganze stolz auf mutter’s 1950er-hermès satteltasche (über drei generationen vererbt), für deren instandhaltung sie gelegentlich bei linda jensen, der sittsam-eleganten verkäuferin in der hermès boutique auf der new yorker madison avenue vorbeischaut.

die emporkömmlinge. auch mit geringem eigenkapital ist es möglich, luxus kostengünstig zu erstehen: www.gilt.com verkauft designerware zu diskontpreisen. so wird der look erschwinglich, den man braucht, um sich reicher zu fühlen als man tatsächlich ist. www.avelle.com vermietet handtaschen und andere accessoires auf wochen- bzw. monatsbasis. will man sich assistieren lassen, um das beste zu bekommen, das die luxuswelt zu bieten hat, klickt man auf www.quintessentially.com. quintessentially ist ein luxus-conciergeservice, das sich der erfüllung wirklich aller bedürfnisse des kunden widmet. die bezeichnung „emporkömmling” hat auch einen negativen unterton, ähnlich wie das wort „immigrant” in amerika. die ironie liegt natürlich darin, dass jeder amerikaner selbst entweder ein immigrant ist oder von einem solchen abstammt, und genauso ist auch der wohlhabende konsument in irgendeiner weise „emporgekommen”. lasst uns den emporkömmling also lieben lernen, denn wir alle sind mitglieder dieser gruppe, auch wenn wir es manchmal lieber nicht zugeben möchten!

das reisen. von französischen eltern überall auf der welt großgezogen, wuchs ich in einem wirbelsturm frenetischer energie auf, den manche luxus nennen würden. wir zogen um zwischen hong kong, den hamptons in long island und aspen in colorado (usa), london, boston, genf und schließlich new york. kurz gesagt, bevor globalisierung zum schlagwort wurde, hatte ich vor meinem 18. geburtstag 60 länder bereist. ich habe reisen aus geschäftlichen gründen sowie in meiner freizeit unternommen, und habe dabei viele kulturen erlebt. für mich ist dieses leben voll konstanter neuentdeckungen der inbegriff von luxus. egal, ob ich in 0-stern oder 6-stern hotels übernachte, die feinste gourmetküche oder einfach nur ein gutes club sandwich genieße: reisen stimuliert alle fünf sinne, bietet eine flucht aus dem alltagsleben und kann uns ein gefühl der befreiung von unserem eindimensionalen arbeitsleben vermitteln. für mich ist reisen eine art, sich selbst und seine mitmenschen zu entdecken, sich mit der welt verbunden zu fühlen und sich für den planeten und die menschen darauf zu interessieren.

der service. da ich den großteil meiner jugend in asien aufwuchs, habe ich den luxus von vorauseilendem service erlebt. ein konzept, das von asiaten am besten verstanden und angewendet wird (adrian zecha, der gründer von aman, ist das beste beispiel dafür). es ist eine sache, wenn ihre koffer nach der ankunft für sie ausgepackt werden. aber wenn der page auf eigeninitiative ihre verknitterten kleider heraussucht, sie dampfbügeln lässt und innerhalb einer stunde wieder in ihren kasten hängen lässt, ist das doch schon etwas ganz anderes. es ist nett, wenn das hotelpersonal sie mit namen anspricht, aber sagt der valet-diener jedesmal, wenn er nach ihrer rückkehr die autotür für sie öffnet „wilkommen zurück, frau paul!“? amerikanisches service bedeutet, dass spezielle arrangements für den geburtstag ihrer frau gemacht werden, nachdem sie darum gebeten haben. asiatisches luxus-service ist, wenn der hotelmanager etwas besonderes für den geburtstag ihrer frau vorbereitet, ohne dass sie etwas davon erwähnt haben, weil er ihr geburtsdatum vom reisepass abgelesen hat, als sie eingecheckt haben. die ultimativen luxusservices sind für mich ein privater koch aus der küche eines top-restaurants, der zuhause für einen kocht und einen auch im urlaub begleitet, sowie ein guter persönlicher assistent der einem hilft, sein leben organisiert zu halten.

der zugang. ab einem bestimmten level ist geld wertlos. kulturell wertvolle orte, aber auch die zuneigung besonderer, außergewöhnlicher menschen kann man nicht einfach „kaufen“ - zu keinem preis! den zugang zu den sogenannten „inneren kreisen“ zu erhalten, ist möglicherweise der wertvollste luxus von allen. aber wie immer ist alles relativ. der beste ort zum lachs-fliegenfischen in argentinien ist eine private estancia, die einem freund von mir gehört. die beste wander- und outdoor-erfahrung in ganz amerika, kann man nur von der privat-ranch eines anderen freundes aus erleben, welche inmitten amerikas berühmtestem nationalpark liegt - auf der einzigen fläche die sich dort in privatbesitz befindet. die exklusivsten privatclubs in amerika und europa sind für selbst die reichsten einlasssuchenden unzugänglich. mehr als nur eine liste der „besten” dinge, die man tun sollte, leute, die man treffen sollte, oder clubs, denen man beitreten könnte – in wahrheit ist das alles relativ. manche der unglaublichsten dinge, welche man erleben kann, sind nur 0,001 % der weltbevölkerung bekannt, und sie sind nicht unbedingt teuer. sie werden so lange wie möglich geheim bleiben. denn die wenigen, die bescheid wissen, wollen dass es auch so bleibt!

das ultimative. der luxuriöseste gegenstand der welt ist für mich ein privatflugzeug. es geht nichts darüber, nicht in einem überfüllten flieger sitzen zu müssen. das beste gegenmittel für diese misere ist die ankunft auf einem kleinen privatflughafen, begrüßt von freundlichen menschen, die einen vielleicht gar beim namen nennen; nichts an bord mitzunehmen außer einer handtasche und ein paar magazinen - und den zeitpunkt des abhebens selbst aussuchen zu können. das ist für mich ein unvergleichlicher luxus. ich begehre die seltenen momente, in denen ich die einzige person auf einem flieger, einer insel, einem boot, oder einem schönen fleck der erde bin (natürlich zusammen mit meiner familie). vielleicht ist privatsphäre gerade durch die zunehmende überfüllung der erde zu solch einem luxus geworden.

jedoch am ende des tages, wenn wir all den greifbaren luxus des lebens konsumiert haben, begehren wir dennoch den wahrsten, den unangreifbarsten luxus unseres daseins: die zeit.


coralie charriol paul
, vize-präsidentin des schmuck- und uhren-luxusunternehmens charriol, gibt uns einen einblick in ihre welt des luxus und interpretiert in ihrem essay ihre ganz persönliche sicht der dinge zum thema luxus und wie sich dieser auswirken und darstellen kann. coralie charriol paul lebt in new york.

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