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taking a walk
es gibt kein konkretes ziel, keine eile, keinen „fortschritt“. der spaziergang dient einzig und allein dem zeitvertreib, dem vergnügen, der entspannung, der muße. er ist einfach und überall möglich. eigentlich haftet dem gemütlichen spaziergang in unserer beschleunigten welt etwas anachronistisches an. gerade weil er sich auch gegen die scheinbar produktive raserei richtet. nicht nur sonntags hat das spazieren gehen seinen ganz besonderen reiz ...

„wenn du es eilig hast, gehe langsam!“ lautet eine alte chinesische lebensweisheit. jetzt könnte man sagen, erstens ist dieses sprichwort eben schon alt, und zweitens leichter gesagt als getan, stichwort zeitnot und stress. jedoch einmal angewendet und mit ein paar weniger hektischen schritten im alltag umgesetzt, macht sich beim spaziergänger sofort eine beruhigende, entspannende wirkung bemerkbar. und dies bei gleich bleibender effektivität. der banale spaziergang, das flanieren, gilt als eine der unaufdringlichsten, ja geradezu perfekten möglichkeiten, entschleunigung zu üben und dem ehemals so hoch geschätzten müßiggang zu frönen. und das ohne jeden aufwand, ohne dresscode, ohne ortsgebundenheit, ohne sozialem status ... ohne kosten.

sobald das haustor verlassen wird, kann es „losgehen“. dabei ist es durchaus denkbar, dass der spaziergang neue perspektiven ermöglicht. plötzlich machen sich dinge bemerkbar, die wir zuvor im täglichen vorbeilaufen gänzlich übersehen, „übergangen“ haben. scheinbar vertraute gegenden bekommen neue seiten, neue qualitäten. tausende male haben wir diese straße, jenen platz überquert, sind wir durch diese gasse und jenen park gestreift, glauben alles und jedes detail zu kennen. doch mit etwas weniger gehgeschwindigkeit werden selbst kleine nuancen zu großen ereignissen, tun sich neue sichtweisen auf unsere umgebung auf. fassaden, auslagen, schaufenster, autos, bäume, pflanzen, tiere, menschengesichter bekommen eine neue dimension, ein „neues gesicht“.

wer sich mit der geschichte des spaziergangs auseinandersetzt, stößt sehr bald auf den „flaneur“. die französische bezeichnung flaneur beschreibt „einen menschen, der im spaziergehen schaut, genießt – und schweigt“. ursprünglich war der flaneur in den städten und urbanen zentren europäischer metropolen des 19. jahrhunderts unterwegs. seine geburtsstätte liegt irgendwo zwischen den straßen von paris, rom, prag und berlin. zumeist haftete ihm eine leicht blasierte, „dandyhafte“ attitüde an. er ist kein intellektueller im herkömmlichen sinne, sondern in gewisser weise ein lebenskünstler. ein individualist mit haltung und stil. zu seiner gepflegten kleidung gehörte damals auch der spazierstock, der das gehen erleichterte und in gewisser weise beschwingte. als weibliches pendant gilt die „passante“, das im französischen die spaziergängerin umschreibt. bevorzugt schlenderten flaneure und spaziergängerinnen in parks, über promenaden, aber auch auf geschäftsstraßen und boulevards, wo man sich dem genüsslichen schaufensterbummel hingab. es galt, sich beim „müßigen umherschlendern“ zu zeigen, den schöngeistigen gedanken und der scheinbar luxuriösen zeitverschwendung hinzugeben. „flanieren sei eine art lektüre der straßen“, hat der autor franz hessel diese vertiefende form des gehens in seinem buch „spazieren in berlin“ umschrieben.

der spaziergang dient(-e) aber auch dem ungestörten gespräch. „gehen wir ein paar schritte, dann können wir in ruhe reden, gedanken reflektieren.“ sich im freien langsam zu bewegen bedeutet auch, sich frei zu machen von ängsten und sorgen und mögliche neue ansätze und ideen für die zukunft zu finden. nicht von ungefähr wird ruhiges, langsames gehen nicht nur als heilend und gesund empfohlen sondern auch in unzähligen zeitmanagement-seminaren angeführt, um mehr zufriedenheit und balance zu erreichen. auch für das frisch verliebte paar ist der spaziergang sinnbild für harmonie und innigkeit.

dass der spaziergang zu einer deutlich bewussteren wahrnehmung unserer umwelt und „das weiterführen des bloßen sehens zum erkennen“ führt, hat der schweizer soziologe und nationalökonom lucius burckhardt sogar wissenschaftlich untermauert. burckhardt hat dazu die sogenannte spaziergangswissenschaft (promenadologie) gegründet und versucht, diese lebensperspektive in die zeitgemäße stadt- und landschaftsplanung mit einzubeziehen.

wer spazieren gehen möchte, muss daraus aber nicht unbedingt gleich eine wissenschaft machen ...

helmut wolf
pool journal