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häufig gestellte fragen

was bedeutet luxus für sie?

ich meine, schon unser leben ist luxus. wenn wir uns bewusst machen, dass wir eigentlich alles haben, es uns an nichts fehlt, dann ist das schon purer luxus. wir können uns fleisch leisten, können essen gehen, eine feine tafel lindt-schokolade kaufen, wann immer wir wollen. natürlich ist auch zeit in unserer beschleunigten welt zum luxus geworden. bewusst zu leben, zu genießen, auch an kleinen dingen freude empfinden, sind ebenfalls faktoren, die für mich zum luxus gehören. es braucht keine teuren, materiellen dinge, um glücklich zu sein. ich sage immer: alles materielle wird irgendwann zur last.

was inspiriert sie besonders?

inspiration ist überall zu finden. ein schön gedeckter tisch, besondere architektur, ein gut gemachtes magazin ... man muss nur mit offenen augen durchs leben gehen. alle schönen dinge inspirieren mich, alles erlebte. auch die natur finde ich äußerst inspirierend, beispielsweise ein exotisch geformtes blatt. die rillen in den blattnarben könnte durchaus die oberfläche für eine neue praline sein.

haben sie eine lieblingsschokolade?

bei mir ist das immer eine reine stimmungssache. im grunde aber liebe ich alle schokoladensorten.

a sweet life
urs liechti führt im wahrsten sinne des wortes ein „süßes leben“. schon seit seiner kindheit begleiten ihn süßigkeiten und vor allem schokolade durch den alltag. als leiter der produktentwicklung beim schweizer premium-schokoladenhersteller lindt & sprüngli ist er maßgeblich an der ausrichtung der nuancenreichen, feinen schokoladenvariationen mitverantwortlich.

alles was urs liechti bis jetzt gemacht hat, passierte stets mit zielstrebigem, leidenschaftlichen einsatz. bevor liechti, 49, zum „maître chocolatier“ beim schweizer premium-schokoladenhersteller lindt & sprüngli „geadelt“ wurde, führte ihn sein „süßer lebensweg“ durch konditoreien in bern (schweiz), ottawa (kanada) und melbourne (australien). all die reichhaltigen erfahrungen und begegnungen mit unterschiedlichsten menschen und kulturen, die der heutige leiter der produktentwicklung bei lindt & sprüngli in den auslandsjahren sammeln konnte, fließen heute gewissermaßen in die schokoladenvariationen mit ein. ein gespräch über wanderverpflegung, natur als inspiration und schokoladegenuss, der auf der zunge zergeht.

lieber herr liechti, haben sie als kind gerne genascht?

ich war schon als kind hinter süßen sachen her, habe immer sehr gerne genascht. meine mutter hat sehr gut gebacken, was mich wahrscheinlich auch inspiriert hat. als kind bin ich sehr oft in die küche geschlichen, um heimlich etwas süßes aus dem naschschrank zu nehmen. oft habe ich dabei nur die leere packung zur tarnung hinterlassen ... ich konnte damals überhaupt nicht verstehen, warum ich salat essen sollte? das war für mich etwas für kühe, die gute milch geben sollten.

ist ihnen das erste, ganz bewusste genusserlebnis mit schokolade noch in erinnerung?

meine eltern sind sehr gerne in die schweizer berge wandern gegangen. worin der eigentliche reiz des wanderns bestand, habe ich in meiner kindheit noch nicht so ganz verstanden. die motivationsspritze war für mich eigentlich nur die gute verpflegung. die wanderjause bestand immer auch aus einer lindt-schokolade, beispielsweise einer mit nüssen oder die klassische variante in der blauen verpackung. die hat es dann immer an den rastplätzen gegeben, worauf ich mich sehr gefreut habe. auch in den ferien gehörte für mich die feine schokolade von lindt dazu. mit dieser schokolade sind stets besondere erlebnisse verbunden, welche mich sicherlich stark geprägt haben.

später habe ich dann auch eine lehre als konditor/confiseur begonnen. bei der herstellung von pralinen und schokolade ist mir bewusst geworden, wie nuancenreich schokolade eigentlich sein und schmecken kann. all dies hat mich sehr inspiriert, ja begeistert. am wochenende habe ich zuhause viel selber mit schokolade ausprobiert und getüftelt. dies war der eigentliche start meiner süßen karriere.

wie wird man eigentlich maître chocolatier?

bis man wirklich maître chocolatier wird, bedarf es einer langjährigen erfahrung. deshalb muss ich ein bisschen aus meinen lebenslauf erzählen. meine konditor-/confiseur-lehre habe ich in einer wunderschönen, historischen konditorei in bern vollzogen. und ich kann sagen, dass ich mich jeden tag gefreut habe, dort arbeiten zu dürfen. das ambiente und auch die produkte, die wir dort hergestellt haben, waren wirklich einzigartig.

nach der lehre bin ich dann mit einem immigrations-visum nach kanada ausgewandert. mir war bewusst, dass du als konditor/confiseur aus der schweiz in vielen ländern durchaus begehrt bist, und ich wollte hinaus in die welt. ich habe dann in ottawa in einer konditorei angefangen zu arbeiten, unter der führung eines schweizer konditors. anfangs war es nicht einfach, sich an diese neue lebenskultur zu gewöhnen, aber der job hat mir sehr gefallen und im laufe der zeit habe ich land und leute kennen und schätzen gelernt. später konnte ich dann sogar die kleine schokoladen-fabrik dieser konditorei leiten. dabei habe ich viel gelernt, nicht nur beruflich sondern auch im umgang mit unterschiedlichen menschen und lebenskulturen. ebenso prägend für mich war die faszinierende, wilde natur kanadas, die dort sehr stark präsent ist.

nach vier jahren habe ich dann die zelte wieder abgebrochen, bin in die schweiz zurückgekehrt, um dort in einer chocolaterie in bern zu arbeiten. zurück in dem kleinen alpenland, mitsamt seiner starken ordnungsstruktur, war es für mich wiederum nicht so einfach, sich umzugewöhnen. man hat ja die tendenz, leicht zu vergessen. mich packte jedenfalls bald wieder das fernweh und ich wollte nach australien, über das mir ein freund in kanada begeistert erzählt hatte. nach zwei jahren in der schweiz bin ich schließlich nach australien, genauer gesagt nach sidney, ausgewandert. vorher besuchte ich noch meine freunde in kanada und erfüllte mir den lange gehegten traum, ein paar wochen auf hawaii und den fidschi-inseln zu verbringen. auf den fidschi-inseln habe ich leute aus schweden getroffen, die auch nach australien wollten. mit diesen beiden jungs habe ich mir vorerst ein appartement in sidney geteilt, bis ich durch zufall ein angebot für eine stelle in einem french-cake-shop in melbourne erhalten habe. also bin ich nach melbourne gezogen, um in einem tollen team über einige jahre zu arbeiten. dabei habe ich wieder sehr viel für mein leben gelernt, ideen und eindrücke gesammelt. in diesem zeitraum heiratete ich auch meine frau, eine schweizerin, und gründete eine familie. in australien ist auch meine älteste, heute 21-jährige tochter zur welt gekommen. meine frau und ich wollten jedoch als familie in unsere heimat zurück.

zurück in der schweiz habe ich dann eine zusätzliche ausbildung in einer konditor-fachschule gemacht, um mein know-how zu vertiefen und es in einem eigenen unternehmen einzubringen. mein traum war es, eine eigene konditorei, einen tea-room oder eine kombination von beiden zu führen. diesen traum habe ich mir dann mit meiner frau erfüllt, und uns eine kleine konditorei im berner oberland gepachtet. für 10 jahre haben wir dort ein durchaus erfolgreiches unternehmen mit 15 mitarbeitern geführt. das familienleben mit unseren drei kindern und die führung eines eigenen betriebes wurde uns später jedoch etwas zuviel. wir haben dann beschlossen, den betrieb aufzugeben. und wie der (glückliche) zufall es will, hat der schokoladenkonzern lindt & sprüngli in dieser zeit bei mir angefragt, ob ich die leitung der produktentwicklung übernehmen möchte. und natürlich wollte ich.

meine heutige tätigkeit ist - das kann ich mit überzeugung sagen - ein absoluter traumberuf. es ist zwar jeden tag eine große herausforderung, aber eine der schönsten, die es gibt. sich täglich mit schokolade auseinanderzusetzen und für den rolls royce der schokolade am weltmarkt tätig zu sein, ist unvergleichlich. ja, und so bin ich maître chocolatier geworden ...

der ursprung der schokolade liegt ja in der kakaobohne, welche sehr oft aus exotischen regionen wie der karibik oder aus madagaskar entstammt. kann es sein, dass der erfolg der schokolade in unseren regionen auch darauf beruht, dass in uns ein „exotischer geschmacksnerv“ getroffen wird?

die leute sind heute sehr mobil, weltoffen und stets auf der suche nach neuen, exotischen geschmäckern. dieses bedürfnis kann eine schokolade durchaus in gewisser weise befriedigen. mit einer premium-schokolade, wie wir sie machen, wird zudem auch immer ein positives erlebnis vermittelt. dies ist dann so wie ein lieblings-musiksong, den ich immer wieder gerne höre und der mich stets an ein angenehmes ereignis erinnert. wir pflegen diese subtilen elemente, bewahren traditionell gewachsene schokolade-variationen mitsamt deren verpackung und hohen qualitätsstandards.

viele konsumenten sind mit unserer schokolade groß geworden, kennen jede nuance, jedes geräusch beim öffnen der verpackung. der qualitätslevel muss dabei immer hoch gehalten werden. wenn dabei etwas verändert wird, merken die schokoladeliebhaber das sofort, wenden sich im schlimmsten falle ab. der hohe anspruch an das produkt und unser traditionsbewusstsein zum produkt machen mit sicherheit auch den erfolg von lindt & sprüngli aus. und das doch schon seit über 160 jahren ...

in früheren zeiten war der genuss von schokolade etwas ganz besonderes, exklusives. heute ist schokolade „auch“ ein massenprodukt, wird zwischendurch und in großen mengen konsumiert. was hat sich ihrer meinung nach in den letzten jahren im verständnis der menschen zur schokolade am meisten verändert?

früher war schokolade durchaus ein luxus, den sich nur wenige menschen leisten konnten. heute ist schokolade weit verbreitet, wird in vielfältiger, massenhafter weise hergestellt. jeder kann sich heute ein „stück luxus“ leisten. dennoch gibt es qualitätsunterschiede, und wer das besondere schokoladenerlebnis sucht, landet sicherlich rasch bei lindt. es gibt für mich zwei arten, wie schokolade konsumiert werden kann: man kann sie einfach nur essen, man kann sie aber auch genießen. schokolade ist ein sehr feines nahrungsmittel, und wenn man hunger verspürt, ist schokolade gut zu essen. ich persönlich esse von beruf wegen sehr viel schokolade jeden tag, degustiere, optimiere ... untertags finde ich leider keine zeit dafür, um schokolade zu genießen. genuss bedeutet für mich, sich zeit zu nehmen, in einem bequemen sessel zurück zu lehnen, in ruhe die verpackung zu betrachten, dann die augen zu schließen, daran zu riechen und die schokolade in kleinen portionen auf der zunge zergehen zu lassen. dann die unterschiedlichen, geschmacklichen nuancen, aromastoffe erkennen: finde ich jetzt die feine pfeffer- oder haselnussnote heraus, was wurde dabei noch verwendet ...? oft liegt der geschmack ganz an der persönlichen stimmung und verfassung, variiert von mal zu mal. schokoladegenuss ist nie gleich.

würden sie die kreation von schokolade auch als kunst bezeichnen?

ich bin eher bescheiden, beim begriff kunst schweben mir immer die großen künstler vor. mein job ist es vielmehr, mir schokoladen-kombinationen auszudenken, neues zu kreieren, zu testen, weiter zu entwickeln, neue rohmaterialien zu suchen, und dabei die besten stoffe auszuwählen. ohne gute rohmaterialien lässt sich kein gutes produkt machen.

wo würden sie sagen, liegt die „richtige“ menge beim schokoladenverzehr. ist weniger mehr?

das kommt auf den typ menschen an. schokolade ist grundsätzlich ein hochwertiges nahrungsmittel, kann also auch gegessen werden, wenn hunger verspürt wird. für mich persönlich ist weniger mehr. bei einem buch, einem gläschen rotwein die schokolade am gaumen schmelzen zu lassen, gehört für mich zum höchsten der gefühle.

wo liegt ihre antriebsfeder bei der täglichen arbeit? wollen sie menschen mit ihren produkten glücklich machen, perfektion im geschmack erreichen ...?

das schönste ist es für mich, wenn nach langer, harter arbeit das produkt schön verpackt im laden liegt, vom kunden gekauft wird und als geschenk freude bei den menschen verbreitet - etwas schöneres gibt es einfach nicht! überall wo ich hingehe, ist schokolade durch meine tätigkeit natürlich sofort das hauptthema. es ist eine große freude, wie sich die menschen von schokolade begeistern lassen. jedem kind holt man dabei ein lachen heraus.

was unterscheidet schokolade grundsätzlich von anderen süßigkeiten?

schokolade ist wie keine andere süßigkeit geschichtsträchtig. die evolution der schokolade, die exotische geschichte der kakaobohne, „der speise der götter“, die tradierten rezepturen und die aufwendige herstellung und produktion bilden den großen unterschied zu vielen anderen süßigkeiten. auch die edle, sinnlich anmutende verpackung, speziell im premiumbereich, gehört für mich zu den großen unterscheidungsmerkmalen.

gibt es eine schokoladenmischung, ein ziel, das sie noch erreichen wollen?

wir sind eigentlich nie fertig mit dem entwickeln und dem finden von geschmacksrichtungen - eine never-ending-story. es gibt einfach nichts, was es nicht gibt ...

helmut wolf
pool journal