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the weltenwanderer
schon einmal hat gregor sieböck die „welt bewandert“. über einen zeitraum von drei jahren und einer fußstrecke von rund 15.000 km hat sieböck viele wege auf der erde gekreuzt und beschritten. dabei hat er kein flugzeug bestiegen, ozeane mit dem schiff überquert und das gehen als symbolisches zeichen für den respektvollen umgang mit unserer umwelt gesehen. ein gespräch über das zu fuß gehen als einfachste möglichkeit, sich und den lebensraum zu entdecken.

sein fröhliches lachen steckt an. es scheint, als würde gregor sieböck nichts fehlen, obwohl er sein gesamtes hab und gut in einen einzigen – wenn auch großen – rucksack gepackt hat, der ihn auf seine nächste wanderung um die welt begleiten wird. die ausrüstung besteht aus zwei bekleidungsgarnituren, einem kocher, einer isomatte, einer hängematte, einem zelt, proviant, waschmittel, einem usb-stick. ausgestattet mit robustem „waldviertler“ schuhwerk, deren sohlen rund 4.000 km durchhalten sollten.

es ist der morgen der abreise, der tag an dem sich der drahtige 32-jährige auf seine nächste „wanderung durch die welten“ begibt. das ziel: „richtung westen wandern, natur und menschen begegnen.“ sieböck verwendet sehr gerne metaphern, um seinen unkonventionellen lebensweg zu umschreiben. „wenn du zu sehr an dingen festhältst, geht viel energie verloren. wenn du dagegen teilst, wird es mehr.“ in diesem sinne wird der oberösterreicher auf der diesmaligen tour mit weltenwanderer reinhold richtsfeld unterwegs sein. voll lebensfreude und elan erzählt er über seine erste „weltenwanderung“, zu welcher er im jahr 2003 alleine aufgebrochen ist und drei jahre lang unterwegs war. „weltenwanderung“ ist zu seinem hauptbegriff geworden. auch deshalb, weil er bemerkt hat, dass er stets durch verschiedenste welten gewandert ist. von der konsumwelt angefangen bis zu naturwelt, von konträren städten wie los angeles bis nach quito, der hauptstadt von ecuador.

„die seele kann nur dort sein, wohin einen die füße tragen können“, sagt eine alte indianer–weisheit. nach diesem verständnis lebt gregor sieböck schon viele jahre. seine liebe zur natur und zur umwelt ist in der kindheit im oberösterreichischen kirchdorf entstanden. dort haben ihn die natur und die magie der bäume, im speziellen der eichenbäume, gefangen genommen. seit frühen kindestagen gehe es ihm um einen respektvollen umgang mit der natur. auch stetig – gleich der natur – zu versuchen, im augenblick zu leben, im jetzt: „manche menschen leben ständig in der vergangenheit, manche denken immer nur an die zukunft. aber wenn du dir eine blume, eine rose ansiehst, die blüht, dann blüht sie jetzt und macht sich keine sorgen über das gestern oder morgen.“

grundgedanke oder vielmehr auslöser für den beginn der ersten weltenwanderung war wie sooft ein bestimmtes ereignis. ursprünglich hatte gregor sieböck wirtschaft in österreich, usa und kuba sowie umweltwissenschaften in schweden studiert und wollte eine umweltkampagne starten. „vor ein paar jahren fand dann ein großer umweltgipfel im südafrikanischen johannesburg statt, von dem ich mir sehr viel erwartet habe. im grunde wurde dort so gut wie nichts entschieden. ich war total entsetzt von diesem enttäuschenden ergebnis. daraufhin dachte ich mir, wenn die entscheidungsträger nicht handeln, muss ich selbst etwas tun. und zwar auf eine einfache art und weise, die direkt die herzen der menschen erreicht. eine positive umweltkampagne sollte es sein. alternativen sollten aufgezeigt und die idee von mahatma gandhi aufgegriffen und weitergeführt werden: „sei die veränderung, die du in der welt sehen möchtest.“

unterschiede, gegensätze, kulturen haben den fröhlichen weltenwanderer stets stark fasziniert. verschiedene welten miteinander zu verbinden, ist immer schon sein traum gewesen: verbindungen herzustellen, nicht zu trennen. die menschen zusammen zu führen, gemeinsamkeiten suchen. „ich habe festgestellt, dass die grundbedürfnisse auf der ganzen welt dieselben sind, egal, wen ich getroffen habe. ob dies nun ein bauer in peru oder ein reicher manager in kalifornien war. immer sind wir auf die gleichen themen, ähnliche herausforderungen gestoßen.“ trennungen entstehen erst durch politische konflikte und soziale kategorisierungen, ist sieböck überzeugt.

zu fuß gehen hat für den leidenschaftlichen wanderer einfach viele reize. „du lernst viele verschiedene dinge kennen, siehst alles viel deutlicher. du begegnest tieren, die dir ganz nahe kommen, lernst dich und deinen körper sehr gut kennen. die begegnung mit der natur ist sehr intensiv. wenn ein riesiger kondor mit drei metern flügelspannweite in den anden zwei meter über deinem kopf hinweg segelt, dann stockt dir einmal kurz der atem. beim wandern hast du zudem zeit, einmal über dein leben nachzudenken, zu reflektieren, fragen zu stellen: wie kann es weitergehen? welche richtung, welchen weg soll ich einschlagen? auch die auseinandersetzung mit elementaren gedanken findet dabei statt: hoffnung, glaube, vertrauen und angst, all dies wird dir plötzlich sehr bewusst.“

„vor allem angst kommt ganz stark zum tragen, wenn du einsam, über viele wochen auf der inka-strasse auf 4.000 m seehöhe unterwegs bist ... das sind riesige herausforderungen. durch angst entstehen neue, tiefe gefühle und verbindungen. zudem ist angst ein gutes gefühl, um aufzupassen. in peru haben mir viele leute gesagt, dass man leicht überfallen wird. da bin ich sehr schnell gegangen. in los angeles wollte mich jemand zusammen schlagen, aber ich war viel schneller – und das mit meinem großen rucksack,“ schmunzelt er.

warum reist gregor sieböck ohne handy? „was nützt dir ein handy, wenn du auf der inka-straße gehst und es funktioniert nicht? bei meiner ersten weltenwanderung, hatte ich ein versicherungspaket mit sozial- und krankenversicherung, air-ambulanz usw., und dann war ich auf dieser straße unterwegs und weit und breit gab es keine telefonzelle, keinen handy-empfang. du bist zwar völlig versichert, nur kannst du keinen hubschrauber anrufen, wenn du in den bergen verletzt liegst. du musst diese vermeintlichen vertrauensdinge völlig aufgeben, worauf hin du automatisch auf eine spirituelle ebene gelangst. spiritualität ist für mich immer wichtiger geworden.“

das schönste auf seiner weltenwanderung war die begegnung, das kennenlernen von menschen, vom armen bauern im hochland der anden bis hin zum banker aus san francisco. dabei wurde er auch von vielen leuten angesprochen und eingeladen. „wenn du mit einem großen rucksack bei einem haus vorbei geht, weckst du einfach das interesse der leute und es ruft bald jemand aus dem haus: wohin des weges? wenn du dann sagst, ich gehe um die welt, dann entsteht sehr schnell ein gespräch.”

auf die frage, wie sich solch eine tour eigentlich finanzieren lässt, antwortet sieböck: „geld ist nicht das problem.“ vielmehr gehe es darum, auf der tour nicht aufzugeben. zum beispiel wenn es einmal drei wochen durchregnet und alles permanent nass ist. oder am kalifornischen highway rund 1.000 km am pannenstreifen entlang gehen. das sind die wirklich großen herausforderungen.

jenes geld, das die meisten leute mit 18 in ihr auto stecken, lag bei ihm mit 28 noch auf der bank. mit diesem ersparten geld ist er dann losgegangen. dabei habe er sich ausgerechnet, in drei jahren soviel geld verbraucht zu haben, wie ein durchschnittlich teurer mittelklassewagen kostet. „im grunde könnten sich also viele menschen diese art von weltenwanderung leisten.“ ein ebenfalls wichtiger punkt sei zudem, dass er ein sehr einfaches leben führe. „ich besitze einfach viele dinge nicht. dies ist gerade beim wandern sehr wichtig: zu viele sachen werden beim gehen zur last, alles wird viel anstrengender, je mehr du tragen musst.“ auch bei seiner jetzigen tour sei es eine große herausforderung, dinge zurück zu lassen und zu sagen: „nein, das nehme nicht mit, damit ich leichter gehen kann. im grunde geht es immer um vereinfachung - im denken und handeln.” verzicht wird sehr oft als etwas negatives dargestellt. dabei hängen viele menschen der illusion nach, alles haben zu können. „mit dem verzicht“, so der weltenwanderer, „kommt die freiheit und es entsteht eine unheimliche kraft“.

auf die frage, was für ihn luxus sei, antwortet gregor sieböck: „für mich ist luxus, nach vielen tagen im freien in einem bett zu schlafen oder warm zu duschen. der allergrößte luxus ist für mich eine badewanne.“ an den luxus einer warmen badewanne bei seiner vorigen weltentour erinnert er sich noch sehr gut. nach 2.000 km konnte er erstmals während seiner wanderung in einer badewanne im französischen lyon baden: „da bin ich dann über eine stunde lang drinnen gelegen.“ luxus kann für ihn grundsätzlich jeden tag da sein. bei luxus hängen für ihn auch sehr stark begriffe wie achtsamkeit und bewusstsein zusammen.

möchte er eigentlich ein vorbild sein? „ich lebe für mich, mehr tue ich nicht. ich möchte niemanden missionieren, lerne ja selbst jeden tag dazu.“ oft bemerke er, dass das, was vor drei jahren für ihn wichtig war, heute eine ganz andere bedeutung hat. dogmatisches denken, dass es nur eine einzige wahrheit gibt, ist ihm völlig fremd. „jeder soll nach seinem empfinden leben.“ natürlich spüre er in vielen gesprächen, dass die menschen nach etwas bestimmtem suchen. eine wanderung kann manchmal antworten geben. „wenn mich jemand fragt und etwas wissen möchte, dann teile ich natürlich meine gedanken. aber die wahrheit beanspruche ich nicht.“

seine liebste anekdote aus der ersten weltenwanderung hat sich in patagonien begeben: „bereits den vierten tag unterwegs, nach einer 50 km langen, extrem anstrengenden tageswanderung mit morgendlichem sandsturm und unwirtlichen windverhältnissen hatte ich schon fast keine kraft mehr. ich wollte in die nächstgelegene stadt gelangen, welche aber noch weit und breit nicht in sicht war. es wurde schon dunkel, essen und trinken waren ausgegangen ... schließlich wollte ich schon aufgeben. ich dachte mir, gut, die nächste kurve umgehst du noch und schlägst dann dein zelt auf. und siehe da, nach dieser kurve leuchtete mir die stadt plötzlich entgegen. in einer jugendherberge bin ich dann eingekehrt, wo mir ein amerikaner entgegengekommen ist und mich gefragt hat, ob ich ein kühles bier mit ihm trinken möchte – und pizza habe er auch schon bestellt ... einfach unglaublich, welches gefühl einen da überkommt. an diesem abend hat dieser amerikaner die idee geboren, den bürgermeister in seiner heimatstadt zu überzeugen, auf erneuerbare energie zu setzen. heute steht in dem ort ein windrad und sind solarkollektoren installiert. er selbst hat eine umweltorganisation mit dem namen „less“ gegründet. was ich damit sagen möchte - und diese begebenheit so schön zeigt - ist, dass wir sehr knapp vor dem ziel oft aufgeben. da gibt es immer noch eine prüfung, die wir knapp vor dem ziel bestehen müssen.“

eines der klaren ziele, die sich gregor sieböck gesetzt hat, ist es, nicht mehr mit dem flugzeug zu fliegen, nur mehr mit dem schiff die meere zu befahren. „wenn ich das erzähle, dann denken manche menschen eben darüber nach.“ so habe er dieser tage eine email von einem schweden erhalten, der sich über sein durchhaltevermögen bezüglich des flugverzichtes erkundigt hat. nun möchte auch dieser die ozeane nur mehr mit dem schiff überqueren. „ich möchte aber niemanden von meiner lebensweise überzeugen, sondern eher neue wege aufzeigen. in zeiten des neoliberalismus wird uns ja zumeist nur ein weg als einzig wahrer vorgezeigt. es gibt aber viele wege. gerade in der vielfalt liegt eine große kraft.“

es beginnt schon damit, sich einmal zeit zu nehmen. zeit, um sich selbst zu betrachten. vielleicht einen schritt zurückzugehen, zu schauen, was aus dir geworden ist. vielleicht eine wanderung unternehmen, dabei reflektieren. auf die innere stimme hören, die da ist, um irgendwann einmal festzustellen, dass man eigentlich vieles gar nicht braucht. „wenn du dich an diesen rand der sehnsucht begibst, tun sich viele wunderbare dinge auf.“

ist diese weltenwanderung eine form von flucht? „nein, flucht ist es keine. ich habe mir einfach zeit genommen, das zu tun, was ich gerne mache. und gehen ist halt eine große leidenschaft von mir. du kannst vor nichts flüchten, das holt dich alles wieder ein. du musst vorher mit den dingen abschließen. eigentlich bin ich zurückgekehrt, bin meinem stern gefolgt ... jeder hat einen stern.“

stichwort: sicherheit, pension, finanzieller polster, zukunft ...? „es reicht nur ein kleiner blick in die geschichte zurück, um vieles zu relativieren. es ist ja eine illusion zu glauben, dass all das, was heute da ist, immer schon da war. schon jetzt machen sich soziale, umweltpolitische, finanzielle krisen bemerkbar, stoßen wir an grenzen und überschreiten diese immer häufiger. durch diese krisen wird sicher wieder neues entstehen. je länger wir jedoch an dem status quo festhalten, umso schwieriger wird es. unser sicherheitsdenken verhindert sehr oft, dass wir von bestehenden strukturen abweichen, neues ausprobieren.

neue wege zu gehen funktioniert immer, auch wenn du familie oder große verantwortungen hast. es sind halt immer andere schritte ... du musst ja nicht gleich um die ganze welt wandern.“ (lacht)

wie lange er unterwegs sein wird und welche richtung er einschlagen wird, das wisse er nicht so genau. es gibt kein zeitliches oder örtliches ziel. es ist ganz unserem motto der wegkreuzungen gewidmet, weil wir menschen heute auch symbolisch an einer wegkreuzung stehen. es geht darum, neues zu entdecken, ohne zu wissen, wo und wann man wo ankomme. er wisse auch nicht, ob er zurückkomme von seiner weltenwanderung. “was heißt eigentlich zurückkommen?”

helmut wolf
pool journal