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entworfen von
benjamin güdel - die gestalten-verlag (dgv)
21 x 14,8 cm, padded hardcover,
ca. 24 illustrationen
ein bisschen an der welt rumbasteln
hilft ein zeitplaner beim zeitsparen? der schweizer illustrator benjamin güdel kann darauf zwar auch keine eindeutige antwort geben, jedoch ist sein neues buch diary, eine kombination aus kalender, tagebuch und timesharer, ein gelungener versuch, sich dem thema zeiteinteilung auf humorvolle, kreative art und weise zu nähern. erfrischend wie seine zeichnungen gibt sich güdel auch in seiner sichtweise auf viele andere dinge im leben. im gespräch mit pool gibt er einiges dazu zum besten.
jeder hat so seine art sich die zeit einzuteilen. leicht ist es nicht, und das ist eigentlich sehr verwunderlich. obwohl es tausend elektronische und nicht-elektronische hilfsmöglichkeiten für die „perfekte zeitplanung“ gibt, hasten viele menschen ständig durchs leben, verspäten sich regelmäßig bei freunden und geschäftsterminen oder verpassen geburtstage und andere wichtige anlässe. gerade was die einteilung, das management der zeit anbelangt finden wir anscheinend zu keiner optimalen lösung. oder doch? benjamin güdel, seines zeichens illustrator aus der schweiz, hat nun unter dem titel „diary“ ein werk vorgelegt, das sich zwar nicht direkt der lösung dieses problems annimmt, dennoch aber der zeit und dessen besserer einteilung gänzlich neue akzente verleiht. „man dürfe die dinge beziehungsweise die zeit einfach nicht so eng sehen“, wollen uns güdel und sein bunter mix aus kalender, tagebuch und zeitplaner sagen. der kreative zeichner glaubt jedenfalls, mit dieser form der zeichnerischen anregungen einen kleinen (aus-)weg gefunden zu haben, um den tag und seine 24 stunden besser und einfacher über die runden zu bringen. und das führt ihn gedanklich und illustratorisch von der schweiz bis zu piraten, von der punk-musik bis zum schwarz-weiß-fernsehen ...

lieber benjamin, viele leute sagen heute: „mir läuft die zeit davon“. kann ein zeitplaner, wie du ihn entworfen hast helfen, zeit (zurück) zu gewinnen?
zeit zurückgewinnen kann man nur, indem man sich weniger aufhalst. indem man versucht, eines nach dem anderen zu erledigen. es geht ja nicht um die menge der arbeit, sondern um das, was man rausholen will. und zehn dinge auf einmal zu erledigen ist gift für die qualität. die agenda kann mir dabei helfen: manchmal hat man so extrem viele sachen am hals, dass es schwierig ist, alles im kopf zu behalten. ich beispielsweise bin verführt, zu allem und allen, „ja“ zu sagen. ich bin gerade im schuss und will mehr und mehr. mit dem eintragen der termine, kann ich die kontrolle über meine verfügbare zeit behalten und diese dann dort einsetzen, wo es mir wirklich wichtig ist. so kann ich die einzelnen dinge besser erledigen, womit die befriedigung größer ist ... und schon rennt die zeit nicht mehr so schnell.

ein kalender ist vergänglich, deine illustrationen dagegen unabhängig von der zeit. möchtest du so eine art kalender ohne ablaufdatum schaffen?
auch meine arbeiten sind vergänglich. was ich heute gut gelungen finde, kann mir in einem jahr schon nicht mehr gefallen. die bilder, die die zeit überstehen, sind sehr dünn gesät. macht aber nichts! es soll den leuten ja in dem jahr gefallen, indem dem sie die agenda gebrauchen. danach muss etwas neues kommen. was überdauern kann, sind mit dem bild verknüpfte emotionen. vielleicht bin ich inspiriert worden von einem bild, oder es erinnert mich an eine bestimmte zeit, an einen bestimmten moment. dann kann man das buch später einmal wieder rausholen und sich mit hilfe des bildes zurück erinnern. ein bisschen wie mit einem parfum oder einer musik.

wofür nimmst du dir besonders viel zeit?
klingt blöd aber: je älter ich werde, desto mehr nehme ich mir für alles was spaß macht viel zeit. am morgen noch eine halbe stunde liegen bleiben und nicht gleich ab in die arbeit. auf der party eine stunde mit jemandem quatschen und nicht mit den augen schon beim nächsten sein. klar gibt's auch die wochen, wo du alles auf einmal erledigen musst, und du in diesen „stress“ kommst, und du denkst: du hast „keine zeit“. aber man kann den stress ausnützen, indem man den adrenalinspiegel hochschraubt, alles vollgas erledigt und nach der arbeit noch party macht bis zum umfallen. dann hast du nicht „keine zeit“, sondern sie ist nur dichter. aber das geht natürlich nur, wenn du dazwischen auch wieder runterkommst und gewisse ruhepausen einschaltest.

ist zeichnen, illustrieren ein gewisser ausdruck von freiheit? schließlich kann jede figur, jede stimmung verändert, verfremdet dargestellt werden ...
das zeichnen selbst gibt dir die freiheit, das eigene leben zu erfinden. wenn ich schon nicht der größte lover bin, kann ich mich wenigstens so fühlen. wenn ich gerade auf dem zahnfleisch krieche, gehe ich pathetisch unter, ohne es gleich tun zu müssen. nicht dass es jetzt um diesen „seelenstrip-scheiß“ beim zeichnen geht, aber es ist schon eine unglaubliche freiheit, sich beim arbeiten mit dem auseinander zu setzen, was einem gerade beschäftigt, und man sich nicht für die ideen von jemand anderem einsetzen muss. es geht darum, das leben so zu gestalten, wie du denkst, dass es gut ist - und dies ist die eigentliche freiheit. ich arbeite solange und soviel ich will. ich stehe auf, wann ich will, und ich gehe solange aus, wie ich will, und dabei bastle ich noch ein bisschen an meiner welt herum. was will man mehr?

du verwendest oft alte motive von piraten. warum diese faszination als schweizer für die „freibeuter der meere“?
„nieder mit den alpen; freie sicht auf's mittelmeer“. das war der slogan in den 80er jahren. das sagt auch sehr viel aus über die schweiz. wir haben zwar wunderschöne berge hier, nette kleine städte, überall sind „robidogs“ (hundeexkrementenbeseitigungssystem, anm. der red.) aufgestellt, aber die weite, die fehlt! leben ohne regeln, frei von allem und machen, was man will - steckt doch in jedem drin, nicht nur in den schweizern. und der pirat symbolisiert dies. er steht für rock'n roll und „scheiß auf morgen“. wenn ich untergeh, gibt's wenigstens action. ich arbeite gerne mit solchen klischees und heldenfiguren. der kitsch darf ruhig raustriefen. es soll wie im kino sein: „bigger than life“.

welche reaktion wünscht du dir beim betrachter deiner bilder?
ich versuche, meine tagträume umzusetzen und damit jemand anderen zum träumen zu inspirieren. in seinem kopf soll ein film ablaufen, wobei mein bild den anstoß dazu bildet. oder derjenige fühlt sich angesprochen, weil er die dargestellte situation auch schon erlebt hat und das bild die richtige umsetzung ist.
die illustrationen stammen alle aus dem buch „diary“,
helmut wolf
pool journal