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illustration: katharina berndt / durchdiebank.de
no beginning, no end
„seit wann verspüren sie es, dieses seltsame gefühl an ihrem finger? es ist eine mischung zwischen drücken und stärken, festigen und einklemmen? und wenn sie ihren finger betasten oder anschauen, dann durchfährt sie ein kribbeln, teils großer stolz und große freude ... ein wenig auch angst und unsicherheit?“, so die fragen meines arztes. „ja, genau!“, sage ich. auf die frage: „und seit wann ist das so?“, antworte ich ohne zu zögern: „seit mir mein freund einen verlobungsring geschenkt hat!“ er schickt mich mit keiner bestimmten diagnose fort, bemerkt aber: „der ring ist bedeutungsschwanger.“

der ring ist eines der am häufigsten gebrauchten symbole über alle kulturen und kontinente hinweg. er hat einen zentralen platz in unserem erzählgut eingenommen. er spielt in nicht weniger als 17 grimmschen märchen die hauptrolle, in den griechischen mythen führt der ring oft zur sogenannten katharsis, also zur wendung der handlung, und jeder kennt den kleinen frodo und seine gefährten, die sich seinetwegen auf ihre schicksalhafte reise zum „herr der ringe“ begeben. auch die europäische außenpolitik bedient sich seiner bindungsmacht. „a ring of friends“ nennt sich jene materielle geste, die als zeichen euro-mediterraner partnerschaft und europäischer nachbarschaftspolitik vergeben wird. die symbolkraft des ringes wird also von mythen über das praktische leben bis hin zur philosophie und politik gerne verwendet.

am liebsten und häufigsten verwenden wir den ring aber als schmuckstück. er gilt zwar seit jahrhunderten schon als das persönlichste aller schmuckstücke, seine bedeutung hängt aber vielfach mit seiner form, material und dem jahrhundert, dem er entstammt, zusammen. die kulturgeschichte des ringes ist gleichzeitig eine kulturgeschichte der menschheit. darüberhinaus umweht ihn ein hauch des geheimnisvollen und undefinierbaren.

warum die ersten ringe vor mehr als 21.000 jahren aus elfenbein geschnitzt wurden, lässt sich heute nicht mehr genau rekonstruieren. als gesichert gilt, dass der ring damals bereits als ein zeichen von macht und wohlstand galt. zu dieser zeit wurde er aber nicht als schmuckstück zur zierde getragen, sondern war ein wertvolles zahlungs- und tauschmittel. relativ unromantisch entwickelte sich aus dieser frühen verwendungsweise des ringes als tauschmittel allerdings das, wovon die meisten mädchen träumen: der verlobungsring! als „empfangsbestätigung“ der mitgift steckte der bräutigam damals seiner zukünftigen einen ring an den finger und markierte die frau damit als „besetzt“. heute wird das anstecken des ringes von den einen als zeichen inniger liebe gedeutet, von den anderen - etwas rationeller - als wunsch, mit jemandem sein leben zu teilen. sehr salopp gedeutet, könnte es heißen: „jetzt gehörst du mir, ich habe dich erworben.“ und solch ein verlobungsring wirkt nicht selten als eine mauer gegen „feindliche übergriffe“.

besagter verlobungsring war in rom, als das spartanische ideal hochgehalten wurde, meist aus eisen und somit auch ein zeichen der sparsamkeit und der genügsamkeit. mittlerweile zeugt der verlobungsring in bestimmten kreisen nicht selten von reichtum, der bereitschaft viel geld auszugeben. der ring vermittelt exklusivität. denn nicht alle können sich, wie eva longoria und tony parker, einen ehering des edeljuweliers piaget mit 170 brillanten leisten. auch einen verlobungsring von tiffany mit der im jahre 1886 entwickelten tiffany-fassung am finger zu tragen, gibt viel mehr über den finanziellen hintergrund eines paares preis, als über deren zuneigung. diese aufwendige und kostbare gestaltung des ringes entwickelte sich aber erst nach und nach. goldringe waren in den tagen der römischen republik nur den botschaftern zum offiziellen gebrauch gestattet. erst in der späten kaiserzeit verbreiteten sich gold und auch verschiedenen edelsteine. ringe wurden mehr und mehr zu schmuck und zum ausdruck eines amtes. päpste und bischöfe schmückten sich damit, natürlich auch kaiser und könige. papst nikolaus führte um das jahr 850 den trauring offiziell in der christlichen kirche ein und verband mit ihm die bedeutung der treue. der ring galt als symbol für beständigkeit und der ewigen bindung an gott. parallel dazu entwickelte der ring aber eine ganz andere macht, manchmal sogar eine über leben und tod. der giftring etwa war mit einem kleinen behälter versehen, der entweder sehr starkes gift oder medizin enthielt. bis in das späte mittelalter war nur dem adel und hohen geistlichen würdenträgern die verwendung eines siegelringes erlaubt. es galt als zeichen für macht, einen solchen zu besitzen. gleichzeitig entwickelte sich der materielle wert des ringes weiter. edelsteine wurden eingesetzt, gold wurde zum bevorzugten material. ein ring wurde zu einem kleinen kunstwerk. man besann sich auch wieder auf die ursprüngliche verwendung des ringes als bezahlungsmittel. die fugger (handelsgeschlecht aus deutschland) beispielsweise handelten sehr erfolgreich mit ungefassten edelsteinen und mit bereits fertigem schmuck.

der handel mit schmuck machte einige leute reich und mächtig. wahrscheinlich genauso viele, wie der handel mit heiratswilligen frauen oder kurzweiligen liebesdiensten. kein wunder also, dass der ring in der menschheitsgeschichte als zeichen der uneingeschränkten macht genauso verwendet wurde wie als zeichen der endlosen liebe. und was zeugt mehr von der unendlichen kraft der liebe, als ein kreis, ohne anfang und ende - als zeichen der perfektion!

verena wisthaler
pool journal