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foto: alexander basile
innen und außen
streetwear hat sich über viele jahre als inbegriff der urbanen independent-fashion manifestiert. frei von jeglichen modediktaten gehört dieses genre zum modischen ausdruck abseits von kurz-trends und charts. „aus der szene für die szene“, könnte man sagen. davon kann auch martin hautzel, vom streetwear-label forvert, einiges erzählen.
der begriff streetwear steht ja allgemein für ein urbanes lebensgefühl. aus welchen zutaten definiert sich „coole straßenbekleidung“ eigentlich?
ich glaube nicht, dass es ein wirkliches rezept für ‚coole’ straßenbekleidung gibt. bekleidung ist immer die äußere reflexion einer inneren einstellung oder sollte es im besten falle zumindest sein, und je mehr sich innen und außen annähern, desto schlüssiger und vielleicht auch ‚cooler’ wird das gesamtbild. dabei spielt es dann auch überhaupt keine rolle mehr, ob der träger nun von kopf bis fuß mit den angesagtesten marken gelabelt ist oder nur auf second-hand-stuff setzt. persönlich denke ich, dass gute straßenmode in erster linie unkompliziert, funktional und bequem sein muss und vor allem im mix funktioniert. hier eine gebrauchte jacke aus dem thrift-store, dort eine hochwertige designerhose und dazu noch ein trashiges zwei-euro-shirt aus dem ‚urban’ um die ecke.

der „style“ wird als herz der streetwear bezeichnet. was macht den richtigen style aus?
der richtige style ist der style, der die eigene persönlichkeit unterstreicht. ich habe ja diese theorie, dass man zwei äußerlich völlig identische personen in exakt die gleichen klamotten stecken kann und man, selbst wenn sie dann einfach unbeweglich dastehen, trotzdem merkt, wer von beiden sich über die kleidung auch nach außen hin repräsentiert fühlt. es geht also um das selbstverständnis des tragens oder genauer genommen: „um das bewusste selbstverständnis“. das ist eigentlich bei der streetwear nicht viel anders als bei anderer kleidung. natürlich funktioniert straßenkleidung wesentlich freier von irgendwelchen sozialen und gesellschaftlichen zwängen als beispielsweise dieser ganze klassische anzugbereich. style ist vor allem das resultat einer fundierten auseinandersetzung mit sich und seiner umwelt, und zwar auf allen ebenen.

glaubwürdigkeit spielt eine große rolle bei den streetwear-fans. wann ist eine marke authentisch und warum, glaubst du, ist das so wichtig?
authentizität hat meiner meinung nach viel mit kontinuität, ehrlichkeit und nicht zuletzt auch gefühltem herzblut zu tun. marken, die sich von saison zu saison immer wieder komplett neu definieren, sich per marketingplan ständig wechselnde, so genannte unternehmensphilosophien auf den leib schneidern lassen und dabei doch nur den angestrebten jahresgewinn im kopf haben, würde ich von daher nicht als wirklich „ehrlich“ bezeichnen. worauf es wahrscheinlich wirklich ankommt, ist eine transparenz des labels – sowohl in sachen direkter labelarbeit, als auch bei anderen aktivitäten der macher. das kann beispielsweise das wissen darum sein, dass hinter brand xy aktive skater oder/und dj’s stehen oder auch nur ein paar korrekte, unprätentiöse jungs aus der nachbarschaft, die per shirt-prints eine bestimmte botschaft verbreiten wollen. diese ganze, nicht greifbare glamourgeschichte, mit der sich ohnehin kaum jemand aus der szene identifizieren kann oder möchte, fällt dabei einfach weg. warum das jetzt wichtig ist, ist natürlich vor allem eine psychologische frage. aber ich denke, ein „wir“ statt ein „die-und-ich“-gefühl spielt dabei eine große rolle. bei uns als label ist das ja auch nicht wirklich anders. wir versuchen bewusst, innerhalb unserer community zu arbeiten. nicht aus irgendwelchen seltsamen marketinggründen sondern weil es das umfeld ist, in dem wir uns wohl fühlen. das fängt dann beim sponsoring von bands und skatern an, die wir schon lange kennen und geht weiter über freundschaften zu verlagen, recordstores, künstlern und plattenlabels. sich gegenseitig inspirieren, netzwerke aufbauen, kommunizieren und als personen greifbar sein, darum geht es wohl in erster linie, wenn man von authentizität spricht. und dazu gehört halt mehr als perfekt gestylte klamotten.

die frühen 90er jahre gelten als geburtsstunde der club- und streetwear. deren protagonisten sind älter geworden, suchen jetzt nach „dezenteren styles“. gibt es eigentlich so eine art „erwachsene“ streetwear und wenn ja, wie unterscheidet sich diese von der ganz jungen streetwear?
ich weiß gar nicht, ob sich da so viel geändert hat? natürlich hat sich die definition des reinen streetwear-looks gewandelt. während damals vor allem weitgeschnittene baggy-hosen und oversized-shirts angesagt waren, dürfen es heute auch schmaler geschnittene teile sein. ob das jetzt zu 100% etwas mit ‚erwachsener’ streetwear zu tun hat, da bin ich mir nicht sicher. es wäre ja traurig, wenn es nicht auch in dieser szene eine entwicklung gegeben hätte. vielleicht sogar speziell dort, weil aus dem quasi-underground schon immer die entscheidenden impulse für musikalische oder auch modische trends kamen. wenn also heute plakative 3-d prints auf xxl-sweatern nicht mehr angesagt sind, sondern dezente details oder ‚streetfashion’, um es mit einem anderen modewort zu belegen, dann spiegelt das vor allem die entwicklungen wieder, die es auch in allen anderen modischen bereichen gibt. dazu gehört natürlich auch, dass viele europäer und europäische labels mittlerweile eigene smarte gegenentwürfe zur oftmals ziemlich stereotypen us-amerikanischen massenware an den start bringen. combo, loreak mendian, control und auch viele andere brands sind von ihrem selbstverständnis und aus ihrer geschichte heraus definitiv streetwear, aber gleichzeitig weit davon entfernt, die gängigen klischees zu bedienen. aber klar, das erwachsenwerden der protagonisten spielt sicherlich auch eine große rolle – nicht zuletzt zeigt sich diese entwicklung ja auch darin, dass kids bis 16 nach wie vor auf dick gelabelte styles stehen, während die älteren ein dezenteres design vorziehen.

streetwear-marken sind teurer als herkömmliche mainstream-produkte. wie rechtfertigt man diesen höheren preis?
die höhere preisgestaltung hat natürlich viele gründe. zum einen ist es ja auf jeden fall so, dass kleine labels überhaupt nicht die möglichkeit haben über hohe stückzahlproduktion den einzelpreis so zu senken, wie das die majorcompanies tun. zum anderen bedeutet ausgefeilte detailarbeit immer ein mehr an kosten. wir haben beispielsweise einige teile mit einer gesamtauflage von gerade mal 50 stück im programm. hinzu kommt, dass unsere styles durch eine durchlaufende nummerierung alles unikate sind. all diese features kosten viel geld und bedeuten teilweise recht mühsame handarbeit. solche aufwendigen geschichten spiegeln sich automatisch im verkaufspreis wider.
helmut wolf
pool journal