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häufig gestellte fragen

der fußballfan: flieht einmal pro woche ins stadion. das tägliche einerlei ist vergessen, es existiert nur noch dieser tempel. er pilgert vor ort, um seine mannschaft, seine engel in fleisch und blut zu sehen. er spricht flüche und beschwörungen aus und umarmt den unbekannten neben ihm, der mit ihm „tooor“ schreit. alle schiedsrichter sind in seinen augen verräter, alle gegner sind betrüger.

der fußball-profispieler: ist dem büro, dem normal-job entkommen und wird dafür bezahlt, dass er spaß hat. medien berichten über ihn, frauen bewundern ihn, kinder wollen so sein wie er. mit dreißig jahren jedoch gehört er schon zum alten eisen, seine muskeln ermüden und er wird sehr schnell mit schmährufen bedacht: „da schießt ja meine oma besser!“, „der trifft nicht einmal, wenn der tormann gefesselt ist!“ ...

der fallrückzieher: mit dem ganzen körper in der luft, der rücken zum boden, schießen die beine mit einem plötzlichen überschlag den ball nach hinten. erstmals in europa im jahre 1927 vom chilenischen stürmer david arellano in spanien zu sehen – seitdem eine der glanzparaden des fußballs.

der torwart: trägt zwar die nummer 1 am rücken, ist aber trotzdem immer der erste, wenn es darum geht, jemandem die schuld für das tor zu geben. er darf nie das tor verlassen, kann alles nur von weitem beobachten und ist über 90 spielminuten im grunde ziemlich einsam.

der fußball-star: bringt millionen menschen zum jubeln, erfreut oft ein ganzes land, bringt tausende menschen in den stadien zum rasen, ist vorbild. er streichelt den ball, er tanzt, zaubert, schmeichelt ihm. sein ruhm ist aber zeitlich begrenzt, kann abrupt enden. „die quelle des glücks wird oft sehr schnell zum blitzableiter des zorns.“

der schiedsrichter: alle hassen ihn! immer pfeift man ihn aus, beschimpft ihn. niemals bekommt er beifall. er ist jedoch mit großen rechten ausgestattet, kann spieler strafen und sogar vom spiel ausschließen. ein tyrann, dessen diktatur keine opposition kennt.

der ball: ist rund und war bis mitte des vorigen jahrhunderts braun. später wurde er weiß, heute ist er in unterschiedlichsten farben gefertigt. sein umfang misst 60 zentimeter, er ist wasserdicht, wiegt weniger als ein halbes kilo und besteht aus poliuretan auf polyäthylenschaum-basis. in brasilien gilt der ball als symbol der frau, auf jeden fall des weiblichen geschlechts und wird unter anderem als „menina“ („meine kleine“) oder mit frauennamen wie maricota, lionor oder margarita bedacht. er wird getreten, gestreichelt, geküsst und umgarnt.

quelle & buchtipp: „der ball ist rund“ eduardo galeano (unionsverlag)

illustration: thorsten moser / durchdiebank.de
goooooaaaal!!
wie das wollknäuel bei der katze bewirkt auch der fußball beim mann einen instinktiven reflex. unweigerlich wird durch den ball der spieltrieb, das kind im manne in bewegung gesetzt. komprimiert auf 90 spielminuten entlädt sich seit über 100 jahren ein wahrer sturmreigen an menschlichen gefühlen und kräften in den fußballstadien dieser welt. zwischen dem bildlich gesprochenen abgrund der hölle und dem glorreichen siebten himmel liegen oft nur ein paar sekunden. wer dieses gefühl nur ein einziges mal erlebt hat, wird sein leben lang nicht mehr vom fußball loskommen.

„es ist ja nur ein spiel.“ eine schier unglaubliche aussage, die jedem fußballbegeisterten oftmals ins gesicht geschmettert wird. schlimmer wahrscheinlich noch als das heimspiel „seiner“ mannschaft „zu hause“ zu verlieren. ein zwar nicht bewusst gewollter affront für den liebhaber des runden leders, aber doch exemplarisch für all jene menschen, die den fußball als „bloßes spiel“, als nutzlosen zeitvertreib betrachten. ein schauspiel, das von 22 männern handelt, die einem ball in kurzen hosen nachlaufen und in ein kastenförmiges tor schießen wollen.

die wahrheit, die wirkliche wahrheit beim fußball, ist jedoch eine ganz andere und liegt oder vielmehr dreht sich um den ball, um den sich die ganze erde zu drehen scheint. warum? es geht um die essenz, um den kern des menschlichen und männlichen miteinanders: ich spiele, also bin ich. woche für woche manifestiert sich diese sinngebung auf den vielen grünen, eingerahmten rasen dieser welt vor tausenden fußball-anhängern, die hier ihren göttern schreiend, ja beschwörend huldigen. klar, es geht auch um spaß, um brot und spiele, das wussten auch schon die chinesen vor fünftausend jahren, die erstmals den ball mit den füßen tanzen ließen. auch die alten ägypter, japaner und römer erfreuten sich schon am ballspiel. julius cäsar soll mit beiden beinen ziemlich gut gewesen sein, im gegensatz zu nero, der keine tore schießen konnte. und es waren auch römische legionäre, die den fußball jahrhunderte später auf die britischen inseln brachten, von wo er schließlich den weltweiten siegeslauf beginnen sollte. den engländern verdanken wir heute die im jahr 1863 von 12 klubs in einer londoner taverne unterschriebenen spielregeln – inklusive der allseits beliebten abseitsregel.

aber es geht beim fußball um viel mehr als offensichtlich um nur einen lederball, der zwischen 22 laut schreienden, primitiven männern auf einem gepflegten rasen hin und her gespielt wird. es geht um gerechtigkeit, es geht um klare grenzen, um das gemeinsame, um strategieentwicklung, um taktik, um schönheit, um eleganz, um energie, um leidenschaft, um kraft, um hass, um liebe, um wahnsinn, um treue, um verrat, um stolz, um sühne, um rituale, um glanz und glorie, um höhen und tiefen, um glück, um pech, um zukunft, um aufstieg, um abstieg, um identität, es geht um momente, die ein gesamtes leben verändern können – es geht um leben und tod. der fußball ist eine der großen metaphern der menschlichen existenz. natürlich geht es auch und ganz besonders um gewissermaßen den höhepunkt jeden aufeinandertreffens zweier mannschaften: es geht um das „toooor“, um den schrei der befreiung, um die schmähung der gegnerischen mannschaft, die durch einen schuss des balles in das gegnerische tornetz ihre unwiederbringliche vollendung findet. es geht letztendlich um das ende des spiels, wo man entweder erhobenen hauptes das stadion verlässt und dieses ganz besondere lächeln der ganzen welt zeigt oder mental desavouiert und angeschlagen sehr leise nach hause zurück kehrt, die türe schließt und geduldig auf das nächste spiel der kommenden woche wartet.

„das tor ist der orgasmus des fußballs. wie der orgasmus wird auch das tor in der modernen gesellschaft immer seltener“, hat der südamerikanische schriftsteller und journalist eduardo galeano in einmal pointiert und launig umschrieben. dieser vergleich gilt ebenfalls als parallele zwischen der sportart fußball und dem leben.

der fußball spiegelt nämlich immer auch aktuelle gesellschaftliche strömungen und soziologische entwicklungen wider. und was den fußball überdies noch so reizvoll macht: ein klares ergebnis lässt sich nie genau vorhersagen. prognosen von heute können morgen schon völlig passé sein. für trendforscher und wirtschaftsexperten also ein ziemlich rotes tuch. der fußball ist eine der letzten bastionen des unvorhergesehenen! scheint ein sieg ziemlich sicher, so wird der übermütige oft schnell eines besseren belehrt. auch eine kleine, finanzschwache mannschaft kann einer übergroßen star-riege dabei eine ziemliche schlappe verpassen. viele technokraten, die den fußball schon manipulieren wollten, haben sich dabei schon die zähne ausgebissen. die individuelle art des spiels einer jeden mannschaft zeigt ein abbild, ein profil der gemeinschaft - ist eine form des seins. sozusagen: zeige mir, wie du spielst und ich sage dir, wer du bist. die deutsche theologin dorothee sölle wurde einmal gefragt, wie sie einem kind erklären würde, was glück ist? sie antwortete: „ich würde es ihm nicht erklären, ich würde ihm einfach einen ball zuwerfen, damit es spielt.“ ich würde es auch so machen ...

helmut wolf
pool journal