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round or flat - that‘s the question
„die erde ist eine flache scheibe, deren mittelpunkt der nordpol ist. die scheibe wird von einer mauer aus eis umgeben.“ 99 % aller kinder ab 6 jahren würden den protagonisten dieser these auslachen und ihm den vogel zeigen. die mehr als 3.000 zählenden mitglieder der „flat earth society“ sind überzeugte verfechter dieser theorie. ihre vorstellung über die gestalt der erde ist irgendwie eine andere als die der meisten über 6-jährigen „die erde ist rund-jünger“.

vor allem wissenschaftler und astronauten, leute, die jeden tag mit dem aussehen der erde konfrontiert sind, geraten bei den thesen der „flat earth society“ ins schmunzeln und wissen nicht, was sie dazu sagen sollen. grenzt es an unendliche dummheit und ignoranz, nicht an die kugelgestalt der erde zu glauben? oder steckt vielleicht doch mehr weisheit in der ablehnung der kugelrunden erde, als wir uns einzugestehen wagen?

die annahme, die erde sei eine auf dem ozean schwimmende scheibe, wurde zuletzt in mesopotamien und im vorchristlichen griechenland vertreten. der berühmte vorsokratische philosoph anaximander, der als vater der kosmologie gilt, hat als erster versucht, das universum ohne zuhilfenahme von mythen rein wissenschaftlich zu erklären. dass die erde aber eine scheibe sei, daran zweifelte er nicht. doch bereits pythagoras, der etwa zeitgleich mit anaximander lebte, fand es gewissermaßen „unästhetisch“, sich die erde als einzigen nicht kugelförmigen himmelskörper vorzustellen. dieses ungleichgewicht in der wahrnehmung der schönheit der himmelskörper wurde im 3. jahrhundert beseitigt, als eratosthenes erstmals den umfang der erde berechnete und aristoteles die kugelgestalt mit logik zu erklären versuchte.

„auf der unterseite der kugel würden die menschen ja herunterfallen?!“ dürfte lactantius, der aristotelischen logik - seine vernunft und seinem hausverstand folgend - entgegen gesetzt haben. vom gravitationsgesetz wusste man zu der zeit freilich noch nichts. es dauerte wohl seine zeit, bis sich die kugelgestalt der erde in den köpfen der menschen festsetzte. heute erscheint es uns viel logischer, dass die erde ein ball mit abgeflachten polen ist, dass sie sich um die eigene achse und gleichzeitig um die sonne dreht und dass sie teil eines gesamten universums ist. wie kann es also dazu kommen, dass im 21. jahrhundert noch „glaubenskämpfe“ gegen diese art von logik geführt werden? die „flat earth society“ will nicht mit logik, sondern mit glauben erklären, warum die erde flach sei.

die tiefgläubige gesellschaft „flath earth society“, die im jahre 1895 vom schottischen wunderheiler john alexander dowie unter dem namen zion gegründet wurde und bis heute vor allem in amerika und england unter anderem namen weiterlebt, vertritt die vorstellung, die erde könne einzig „als flache scheibe“ der bibel gerecht werden. gleichzeitig versucht die gesellschaft ihren glauben mit „logischen“ beweisen zu untermauern, beispielsweise mit der argumentation gegen die erdanziehungskraft am südpol. die gesellschaft betreibt auch eine aktive aufklärungskampagne, möchte am liebsten die kugelrunde erde aus der schule verdammen. so künden flat-earther, wie sich die mitglieder nennen, ihre erfolge voll stolz mit meldungen an, wie: „in dem kleinen dörfchen m.o. gelang es einem „flat-earther“ in das lokale schulsystem einzudringen und eine position zu ergattern, aus der andere nichtgläubige entlassen werden können. eine ‘umerziehung’ der schüler ist derzeit im gange.“

ob es aber ein erfolg ist, nach mehr als 2.000 jahren wissenschaftlicher beweise und erkenntnisse an der erde als scheibe festzuhalten, darüber kann man streiten. wissenschafter behaupten ja auch, wenn man die erde um ein vielfaches vergrößert, würde sie aussehen wie eine runzelige kartoffel! den meisten kindern würde diese theorie wahrscheinlich sowieso besser gefallen als die lehre der perfekten kugel oder der flachen scheibe ...

verena wisthaler
pool journal