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pompei scavi, lupanare - erotic scene” 98 b.c., © agnès b
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tief geschnittene hüfthosen und unzählige werbekampagnen haben den hintern in den letzten jahren stark ins sonnen- und rampenlicht gerückt. im grunde jedoch „steht“ der hintern schon seit jahrtausenden im mittelpunkt der betrachtung, stets im ambivalenten verhältnis zwischen sündiger verborgenheit und sinnlicher begierde. warum haben frauen wie auch männer ein faible für schöne, runde hintern? ein erklärungsversuch.

„die gestalt eines jeden menschen war rund, so dass rücken und brust im kreise herumgingen“ (platon aus „symposion“)

jede zweite frau soll angeblich mit ihrem hinterteil unzufrieden sein. schade, denn wie umfragen immer wieder belegen, findet der großteil der männer den hintern als aufregendsten weiblichen körperteil. und zwar richtet sich der blick nicht allzu sehr auf den kleinen, knackigen po, wie uns dies schönheitsidealisten seit den sechziger jahren des vorigen jahrhunderts einreden wollen, sondern auf den runden, harmonisch proportionierten hintern. auch frauen lieben den formschönen, eher muskulösen männerhintern. laut einer umfrage aus dem jahr 1992, die der französische autor jean-luc hennig in seinem buch „der hintern“ zitiert, welche männlichen körperstellen den höchsten rang bei den frauen einnehmen, werden die augen und der hintern genannt. warum der po eine derartig große wirkung sowohl auf frauen als auch auf männer ausübt, wissen wir nicht genau. sicher ist, dass man die rundungen des hinterns nicht nur bewundern, sondern auch festhalten, angreifen kann. darüber hinaus gibt es natürlich noch viele geheimnisse, spekulationen und meinungen rund um den „runden“ körperteil. ein schlüsselreiz des hinterns auf uns menschen mag sicherlich die rundliche form sein! „das runde, die wölbung“, charakterisiert der französische autor jean-luc hennig „ist ein symbol des menschen satt zu werden, sich satt zu sehen.“ der anblick der rundung sei der auslöser für „ein süßes gefühl der euphorie“. dies ist auch der grund, warum seit vielen jahren das design von alltagsgegenständen, von autos, von städtischen plätzen usw. immer wieder an die formen des gesäßes erinnert. auch in der werbung begegnet uns der (nackte) hintern von frauen und immer öfter auch von männern, dient er als symbol für zustimmung und ablehnung.

wer die evolution des hinterns betrachtet, wird dabei auf eine ganz interessante erkenntnis stoßen: nämlich, dass der mensch unter 193 primatenarten die einzige gattung ist, welche stolzer besitzer dieser zweier „als halbkugeln beschaffener, aus dem körper hervorragender pobacken“ (hennig) ist. der beginn dieser „herausragenden“ evolutionären entwicklung soll vor etwa drei bis vier millionen jahre in afrika seinen lauf genommen haben. in dem heutigen gebiet zwischen äthiopien und tansania erkundeten unsere vorfahren die flache landschaft erstmals in aufrechter haltung, wobei sich die stellung des schädels und der wirbelsäule radikal verändert hat – was wiederum die entwicklung des gehirns förderte. der britische zoologe und verhaltensforscher desmond morris kommt dabei zu der hypothese, dass die sexuellen signale von der hinterseite der frauen ausgingen, wie dies übrigens auch bei den affen der fall war und ist. „je mächtiger der hintern, desto verführerischer die frau.“ zugleich waren die weiblichen vertreter dieser menschlichen gattung durch die größe des hinterns so eingeschränkt, dass sie zur kopulation von vorne übergingen, was zur folge hatte, dass die brüste anschwollen, um die gesäßbacken nachzuahmen. noch heute wird in afrika die schönheit einer frau mit ihrem prächtigen hintern gemessen, was viele forscher als versuch der darstellung des symbols für mütterlichkeit und der fruchtbarkeit bewerten. die schlussfolgerung: ein großer hintern bedeutet gut ernährt zu sein, und gut ernährte frauen gebären - ergo - gesündere kinder.

auch primitive, rund 20.000 jahre alte statuetten belegen, dass die größe des hinterns in den anfängen der menschheit eine durchaus bedeutende rolle gespielt haben muss. statuetten wie die berühmte venus von willendorf oder die rund 25.000 jahre alte venus von lespugue belegen dies eindrucksvoll. in den bäuerlichen gesellschaften der vergangenheit zählte ebenso nicht alleine die gesundheit, sondern auch die schönheit einer frau nach größe und ausmaß des gesäßes. schwer und rund sollte der hintern sein, um die umarmung des mannes auszufüllen. im mittelalter in deutschland war es laut dem verhaltensforscher morris sogar üblich, während besonders schwerer nächtlicher gewitter, seinen hintern zur tür hinaus zu strecken, um blitze und die mächte des bösen abzuwenden ...

die oftmalige scheinbare ablehnung des hinterns in der gesellschaft ist eng verknüpft mit unserer ablehnung des schlechten, des nachteiligen, des verborgenen, des sündigen (auch im zusammenhang mit der menschlichen neigung zur analerotik): begriffe wie „hintergedanken“ oder „hinterhältig“ und deren pessimistische vision wurzeln im mittelalterlichen hierarchiegedanken, also der vorstellung einer einseitigen, vertikalen welt, wie der französische autor jean-luc hennig feststellt: dem oben, dem vorne - also dem gesicht und oberkörper - sollte immer der vorzug gegeben werden. dies belegen auch die vielen porträtbilder und angefertigten büsten von hierarchisch „hoch“ gestellten menschen des mittelalters. der hintern wurde als instinktiver, animalischer, unkontrollierbarer teil des körpers betrachtet. sinngemäß stellte er die „kehrseite“ der menschlichen persönlichkeit dar.

in der geschichte der mode wird die betonung des hinterteils sowohl bei den damen als auch bei den herren besonders augenscheinlich. in der männerbekleidung des 14. und 15. jahrhunderts zeigen dies vor allem die eng anliegenden hosen, oder vielmehr elastischen strumpfhosen, welche die männliche physiognomie stark hervorgehoben haben. bei den damen in diesem zeitalter der renaissance sollte das hinterteil „wohl gerundet“ bis voluminös, vor allem „weiß wie schnee“ sein. später im viktorianischen zeitalter wurde durch das tragen des korsetts nicht nur eine enge wespentaille sondern auch ein überaus auffälliger po geformt. die „luxuriös-montierten hinterteile“ des späten 19. jahrhunderts mit ihren reifröcken, gesäß- und hüftpolstern, betonten wiederum die „nostalgischen sehnsüchte der herren“ nach größe und üppigkeit.

der hintern war auch stets ein ganz großes thema bei den künstlern, hier speziell in der malerei. bei der körperpflege, beim waschen, im bad, auf der couch, beim schlafen ... das hinterteil beflügelte heerscharen an bekannten malern, zeigt gewissermaßen die schlüssellochperspektive und beobachtete die frau in ihren scheinbar intimsten momenten. von michelangelo, raffael über monet und renoir bis hin zu botero, picasso und edward hopper, beflügelte zumeist das weibliche hinterteil die muse der künstler. „auf den gemälden zwischen 1850 und 1914, grosso modo, wurde der hintern gewaschen und gebadet.“, formuliert es der französische autor hennig entsprechend pointiert. woher diese vorliebe vieler maler für das thema der weiblichen körperpflege stammt, hat der schriftsteller gilbert lascault damit umschrieben, dass dies dem männlichen traumbild von weiblichkeit entspricht, flüssigkeit spielt dabei eine große rolle.

männliche hinterteile dagegen waren eher selten beim akt des waschens oder badens zu sehen, wie auch generell in der malerei wenige männerpos ihren niederschlag fanden. ausnahmen bilden dabei werke von frédéric bazille, thomas eakins oder aktuell von david hockney. ein grund dürfte darin liegen, dass sich mit dem männlichen gesäß weder männlichkeit noch stärken verdeutlichen ließen. michelangelo dagegen sah im kraftvollen, männlichen gesäß ein element des göttlichen. als wahrer verfechter des weiblichen hinterns galt auch der große, schon verstorbene italienische regisseur frederico fellini: „die frau mit hintern, ist ein molekulares epos auf die weiblichkeit, eine göttliche komödie auf die weibliche anatomie.“ und fellini meinte diese aussage nicht ironisch.

„während brüste der beweis für weiblichkeit sind, lässt sich anhand der gesäßbacken nicht unbedingt ein bestimmtes geschlecht identifizieren.“, betont der autor hennig. die tatsache, dass ein schöner hintern sowohl männer als auch frauen zieren kann, der po der zweideutigste köperteil des menschen ist, kommt vor allem in der griechischen mythologie deutlich zum ausdruck. mit der figur des hermaphroditen wurde ein zwitter-wesen geschaffen, welches beide geschlechter in sich vereint und „den triumph des schönen gesäßes“ dargestellt hatte.

welche physiologischen unterschiede bestehen nun generell zwischen weiblichem und männlichem gesäß? laut dem psychologen alfred binet ist die morphologie des hinterns beim mann durch den aufbau der muskeln bestimmt, bei der frau durch die „harmonische verteilung“ von fettzellen. der männliche körper hat im durchschnitt etwa 20.000 fettzellen, zumeist um herz und leber, der weibliche körper hat doppelt so viele fettzellen, vorrangig an den hüften und oberschenkel. dies ist evolutionstechnisch darauf zurück zu führen, dass frauen „polster“ anlegen mussten/müssen, um bei einer schwangerschaft auch in nahrungsnotlagen ihr kind miternähren zu können.

eine abschließende erkenntnis, die der französische autor jean-luc hennig zieht, ist, dass das menschliche auge gewissermaßen blind für den hintern ist. nicht nur für den eigenen sondern auch für den menschen, den man gerade umarmt. der blick richtet sich nur dann auf den hintern, wenn sich der-/diejenige unbeobachtet fühlt. „gesäß und auge spielen immer versteck miteinander.“ hennig spricht dabei von einem der möglicherweise wichtigsten funktionen des gesäßes - nämlich: den voyeuristischen blick des menschen auf sich zu ziehen! wer sich also beim blick auf ein anderes gesäß ertappt, sollte sich bei gott nie genieren sondern diesem vergnügen durchaus frönen. man könnte schließlich selbst gerade zielobjekt eines voyeurs sein ....

quelle: der hintern, jean luc-hennig (vgs) / titel der französischen originalausgabe: „bréve histoire des fesses“ (éditions zulma)

helmut wolf
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