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summer of 65
es gibt menschen, denen könnte man stundenlang zuhören. mit ihnen angeregt plaudern, sich mit ihren gedanken auseinander setzen. es ist wie bei einem guten buch, das man nicht mehr weglegen, immer mehr erfahren möchte. margit und erik brandt, die gemeinsam mitte der sechziger jahre die dänische modemarke margit brandt lancierten, haben eine wahrlich interessante lebens-chronik aufzuweisen. jetzt erzählen sie diese - in modischer art und weise sowie in buchform.

erik brandt erzählt eine geschichte, die noch immer nicht zu ende ist. eine geschichte, die im jahre 1965 mit der präsentation der ersten prêt-à-porter-modekollektion seiner frau margit unter dem titel „margit brandt“ von kopenhagen aus ihren weltweiten lauf genommen hat - und bis heute anhalten sollte. mit einer erfrischend sexy-femininen aussagekraft der ersten damen-modekollektion gelang es der dänin margit brandt ein gänzlich neues (mode-) bild der frau zu definieren: die frau sollte nicht mehr „zugeknöpft“ sondern vielmehr selbstbewusst und charakterstark in der gesellschaft erscheinen. typisch „skandinavische eigenschaften“ wie eleganz, tragbarkeit und bewegungsfreiheit standen immer im vordergrund ihrer kollektionen. margit brandt betont stets die strikte alltagstauglichkeit ihrer kleider. „alles was ich kreiere, probiere und trage ich immer selbst!“

in den anfangsjahren der sechziger bis weit in die „wilden“ siebziger jahre des vorigen jahrhunderts stellte der jugendlich-kreative geist, den die modeprodukte von margit brandt verströmten gewissermaßen die verbindung zu anderen schöpferischen menschen ihrer zeit her. dabei entstanden enge freundschaften mit prägenden künstlern wie andy warhol, brigitte bardot, mick jagger oder david hamilton, die ihrerseits für die verbreitung der kleider unter den kunsteliten der welt sorgten. die lebensmittelpunkte der brandt’s verschoben sich von kopenhagen aus zu wichtigen internationalen, gesellschaftlichen schnittstellen wie new york, saint tropez oder auf exotische inseln, beispielsweise das karibische island mustique, wo erik und seine frau margit sich oft aufhielten – in der nachbarschaft von stars wie mick jagger oder david bowie. ebenso gehörten lange und verrückte nächte in den 1970er-jahren mit frank sinatra, liza minelli, robert de niro und salvador dalí in der ur-disco „studio 54“ in new york zum bunten leben der beiden. auf die frage, was das eigentlich wichtigste ereignis in seinem 64jährigen leben war, gibt es für erik brandt rückblickend nur eine klare antwort: meine frau getroffen zu haben! mit dieser aussage möchte der dynamische mastermind nicht nur das angeblich so erfüllende jetset-leben relativieren, sondern auch jenen typisch skandinavischen wesenszug hervorheben, der den menschen im norden europas ihre scheinbar ewig anhaltende bodenhaftung verleiht: es geht nicht um die geldvermehrung an sich, sondern im kern immer um die ganz einfachen, ganzen simplen dinge des lebens: um freundschaft, um liebe, um kinder (zwei töchter), um glück, um schönheit, um natur und gesundheit. egal, ob in der aufbruchstimmung der roaring sixties, in der freizügigen „love & peace“-ära der siebziger jahre oder der rasanten welt der datenströme von heute. bei all den scheinbar durchfeierten partynächten waren die tage immer von harter arbeit geprägt, gab es viele wirtschaftliche auf und ab’s, die das ehepaar brandt und ihre beiden töchter emilie und julie überstanden. nach vielen ausflügen, wegen und abstechern in unterschiedlichste länder und verschiedenste kulturkreise hat es die beiden schließlich mitte der 1980er jahre von new york wieder zu ihren wurzeln in die dänische hauptstadt kopenhagen zurückgezogen. in ihrem gemütlichen landhaus in der nähe des alten hafens von kopenhagen, umgeben von unzähligen antiquitäten, sammlerstücken und geschichtsträchtigen dingen, wird die ganze lebensgeschichte, die vielen ereignisse und unzähligen begegnungen mit interessanten menschen und kulturen optisch und mental sicht- und spürbar.

erik brandt, 64, trägt noch immer das feuer der leidenschaft, den jugendlichen elan in seinen augen und seinem herzen mit sich - und nach außen. margit brandt ist nach wie vor die zurückhaltende und doch so aussagestarke designerin, verantwortlich für den liebevoll-detailreichen stil der produkte. gemeinsam sind sie ein kongeniales team und seit 44 jahren ein ehepaar. ihre tochter julie leitet heute die geschicke des im jahr 2005 wieder neu „erweckten“ labels margit brandt. und wie in den anfängen sorgt der alltagstaugliche und doch so besondere modestil weltweit für aufmerksamkeit. mit dem hauseigenen archiv aus unzähligen skizzen, plänen und aufzeichnungen aus über vier jahrzehnten, kann die neue designer-generation des hauses aus einem schier unergründlichen fundus an ideen und anregungen schöpfen. ein gespräch mit erik brandt über das lebensgefühl der sechziger und siebziger jahre, über skandinavisches design und das zusammenleben von mann und frau.

lieber herr brandt, wie kam es zu der idee, nach über 20 jahren pause einen neustart der marke „margit brandt“ im jahre 2005 zu beginnen?

nach dem wir uns einige jahre aus dem mode-business zurück gezogen hatten, kam mir eines tages die idee, all die skizzen, zeichnungen, fotos, dokumente, die meine frau seit dem beginn im jahr 1965 für unsere bekleidungs-, pelz-, schuh- und schmucklinien kreiert hatte, wieder zur hand zu nehmen und sie in einem 1.500 m² großen lagerraum wirkungsvoll sichtbar zu machen. anfangs dachten viele leute an eine schnapsidee. doch als ich einigen designern diese dokumente zeigte, waren sie völlig hin und hergerissen von all dem ideenreichtum, der da offenbart wurde. diese fülle an details und elementen, die meine frau für die damaligen mäntel, jacken, kleider und hosen entwickelt hatte, war die inspiration und der beginn des neustarts der marke vor rund drei jahren. aus einem einzigen mantel der sechziger jahre sind jetzt eben gleich zwei jacken und ein rock im stil der jetztzeit geworden. es wird einem mit heutigen maßstäben klar, wie vielseitig unsere produkte damals gestaltet wurden. ich würde diesen relaunch durchaus mit einer wiedergeburt vergleichen.

waren sie überrascht über dieses positive feedback?

ja, eigentlich schon. im grunde mache ich nun wieder jene tätigkeit, die ich schon vor über 40 jahren praktiziert habe. der „spirit“ unserer marke ist nun auf die nächste generation übergegangen. meine tochter julie ist vizepräsidentin des unternehmens, ich bin vorstandsvorsitzender, aber im grunde ist es so wie früher. heute fühle ich mich wieder wie ein kind, wie ein fisch im wasser. wir werden in diesem jahr noch 18 shops eröffnen und feiern derzeit besonders in japan große erfolge. es ist eigentlich verrückt!

wie würden sie den grundsätzlichen modestil von margit brandt beschreiben?

sehr weltoffen und international. meine frau arbeitete ja ursprünglich für den designer louis féraud in paris, ich für yves saint laurent. vielleicht ist es auch unsere dänische, unprätentiöse sichtweise auf die schönen dinge, welche bei den leuten auf fruchtbaren boden fallen. gerade heute erlebt ja das dänische, wie auch das gesamte skandinavische design eine große renaissance auf den weltmärkten.

woran liegt es eigentlich, dass skandinavisches design so gut bei den menschen auf der ganzen welt ankommt?

wir haben anscheinend ein gutes gefühl für modernes design, erkennen, was die leute suchen. dabei blicken wir immer auch über die grenzen. meine frau margit war die erste weibliche designerin in dänemark, die diese dänische design-aura internationalisiert hat. sie ist übrigens auch die erste designerin hierzulande, die offiziell zum ritter geschlagen wurde. was kopenhagen anbelangt, so bin ich mir sicher, daß die vielen jungen designer der stadt in zukunft international groß mitspielen werden. wir haben in dänemark nur fünfeinhalb millionen einwohner, trotzdem war unser land immer international ausgerichtet, weil wir mit unseren dingen stets nach außen treten mußten, um von mehr menschen gesehen zu werden.

was würden sie sagen, ist der große unterschied zum modischen statement der sechziger, siebziger jahre und dem von heute?

als wir mitte der sechziger jahre gestartet sind, gab es nur modegeschäfte für jugendliche oder eher die konservativeren „old fashion“-shops. dazwischen gab es nichts, keine nuancen. wir hingegen haben mode für leute entworfen, die weder in die eine noch in die andere kategorie gepasst haben. wir entwickelten uns mit einer gänzlich neuen generation. heute ist die situation eine ganz andere, alles ist viel differenzierter. viele junge leute entdecken uns wieder. eines ist jedoch gleich geblieben: je mehr atmosphäre du schaffst, umso mehr kreative menschen und talente scharren sich um dich.

kinder haben in dänemark großen freiraum. man sieht viele männer mit kinderwägen, auch gibt es hier einen sehr starken markt für kinderprodukte, kindermode usw.. auch ihre beiden töchter waren ja stets mit dabei. woher kommt dieser starke bezug zu den kindern?

in dänemark haben wir eine spezielle philosophie, wie wir mit den kindern umgehen. wir befassen uns sehr intensiv mit ihnen, nehmen uns viel zeit für sie. wir arbeiten sehr viel und sehr hart, aber zeit mit den kindern zu verbringen, ist uns ebenso wichtig. männer können hierzulande auch in karenz gehen. die meisten kinder wachsen in einer guten, harmonischen atmosphäre auf, das macht sie zufrieden. die kinder sehen auch, daß wir erwachsene viel für das gemeinwohl arbeiten. diese vorbildwirkung wird übernommen und weitergegeben.

worin lag die faszination des lebensgefühls der sechziger und siebziger jahre?

wer als künstler konnte, ging damals nach new york. diese stadt war im grunde die hauptstadt europas. viele europäer aus rom, aus berlin, aus london lebten in new york. auch wir waren dort. in diesem äußerst kreativen umfeld lernten wir andy warhol kennen, der ein enger freund von uns wurde und viel zeit mit uns verbrachte. als wir immer wieder nach dänemark zurückkehrten, besuchten uns viele unserer freunde und künstler aus den usa. diese waren wiederum begeistert von der klassizistischen architektur, dem design oder dem kulturellen leben in kopenhagen. wir gaben dem land sozusagen einen kreativen und internationalen input. es hat sich ein schöpferischer austausch entwickelt, der sich wiederum sehr positiv auf die design-szene in dänemark auswirkte.

die leute in dänemark sind sehr wohlhabend, legen viel wert auf design und ästhetik ...

richtig, aber ohne die bodenhaftung zu verlieren. wir haben nicht wirklich viele richtig reiche leute, aber auch keine wirklich armen. es steht auch nicht so sehr der wirtschaftliche aspekt im vordergrund. vielmehr geht es um ein kollektives lebensgefühl, ein harmonisches miteinander. wir haben hier sehr hohe steuerquoten, eine der höchsten in europa, aber es geht dabei stets um das gefühl: „ok, ich zahle hohe steuern, dafür geht es mir und allen anderen auch gut.“ niemand wird hier schlecht behandelt oder ist wirklich arm. das schafft zufriedenheit und ausgewogenheit im ganzen land. dieses gute gefühl lässt uns alle entspannt schlafen in der nacht.

wir erleben seit vielen jahren retrospektiven in vielen lebensbereichen: musik, wohnen, architektur, autos, mode, design usw., überall finden sich elemente aus vergangenen zeiten wieder. wo liegt für sie die richtige mischung zwischen altem und neuem?

ich finde es ist wichtig dinge zu entwickeln, die einem gleichzeitig erinnern und nach vorne blicken lassen. das ist wie in einem haus, in das du gerade einziehst: du richtest dich in deiner neuen umgebung ein, kaufst dir möbel und gegenstände, bringst aber genauso auch alte, vertraute dinge mit, die dir persönlich viel bedeuten und ein sicheres gefühl geben.

bei welchen menschen wecken sie mit ihrer mode heute eigentlich interesse?

es ist ganz interessant, beim start in den sechziger jahren bis zur vorläufigen pause des unternehmens ende der siebziger jahre galten wir als junges, freches prêt-à-porter-label. nun, nach dem neustart vor rund drei jahren, ist es mehr die elegante lady geworden, die zu unserer kernzielgruppe zählt. unter unseren kunden ist beispielsweise auch die kronprinzessin des dänischen königshauses. auf der anderen seite vermischen sich heute alle stile und charaktere, es wird gemixt und kombiniert je nach lust und laune. die klare kategorisierung gibt es einfach nicht mehr.

was empfinden sie dabei, dass sie mit denselben produkten wie vor 40 jahren heute wieder erfolg haben?

es ist ein unglaubliches gefühl, unserem scheinbar doch nicht veralteten stil und design neues leben einzuhauchen und damit große begeisterung hervorzurufen. die skizzen für mäntel, jacken, hosen, ja selbst für die unterwäsche aus dem jahre 1972 sind exakt jene skizzen, die wir nun für die aktuelle kollektion verwendet haben. es ist fast wie in einem märchen. das sind eben wirklich gut durchdachte produkte, die nicht schnell entworfen und produziert wurden. wir hatten in den siebziger jahren ja ein hundertköpfiges design-team aus der ganzen welt, das sich sehr viel überlegt hat. heute agieren meine frau und ich sozusagen als die „alten weisen“ des unternehmens.

welches gefühl war es, mit so bekannten und kreativen leuten wie andy warhol befreundet gewesen zu sein?

es war uns über viele jahre gar nicht so bewusst, dass andy warhol so bekannt und populär war. mir wurde das eigentlich erst dann so richtig klar, als wir 1977 eine modenschau in louisiana gaben und im anschluss gemeinsam mit andy und seinem team eine party für rund 200 leute veranstalteten, als plötzlich draußen tausende menschen auf ihn warteten und ihm zujubelten. klar, wir wussten, dass er viele verrückte sachen mit velvet underground machte oder experimentelle filme wie „empire state building“ gedreht hatte, aber nicht, dass er so einen kultstatus hatte.

sie kennen auch mick jagger ...?

ja, er ist ein guter freund von uns. wir verbrachten über einen zeitraum von fast 20 jahren gemeinsam mit unseren kindern jedes jahr unseren urlaub auf mustique, einer kleinen karibischen insel in der nähe von barbados. auch david bowie haben wir dort regelmäßig getroffen. eine sehr außergewöhnliche persönlichkeit. ich bevorzuge die musik von den stones, aber david bowie als mensch. übrigens sind die beiden auch gute beispiele für die verbindung zwischen altem und neuem, zwischen damals und heute. ich habe david bowie einmal eine kleine, dänische vogelfigur geschenkt. als ich ihn dann zwei jahre später getroffen habe, erzählte er mir, dass ihn der kleine vogel überallhin als glücksbringer begleite, er neben ihm in jedem hotelbett schlafe. daraufhin habe ich ihm noch einen zweiten vogel geschenkt, für die andere seite des bettes (lacht).

was, würden sie sagen, war das wichtigste ereignis in ihrem leben?

das wichtigste ereignis in meinem leben war, dass ich meine frau getroffen habe, mit ihr seit 44 jahren verheiratet bin. wir hatten immer viel freude miteinander, haben spannende zeiten gemeinsam erlebt. im grunde aber haben wir eine sehr konservative beziehung geführt. natürlich hatten wir unsere verrückten seiten, tanzten auf tischen und ähnliches. aber unsere ehe lief im grunde immer sehr geradlinig. mein lebensmotto lautet: wenn es irgendeine möglichkeit gibt zusammen zu bleiben, dann bleibe zusammen. natürlich gibt es beziehungen, wo es besser ist, sich zu trennen, wenn du merkst, es geht bergab. wenn du dich in einer positiven art und weise trennen kannst, dann mach das. ich denke jedoch, eine beständige beziehung ist nach wie vor die gesündeste art und weise das leben zu verbringen.

der ablauf einer beziehung ist ja im grunde immer derselbe: wenn du anfang 20 und ein verliebtes paar bist, gehst du lange aus und schläfst fast jeden tag miteinander. wenn du älter bist, gehst du aufs klo, bevor du dich ins bett legst und schläfst durch bis am nächsten morgen. in der nacht ärgert dich vielleicht noch dein hund, der auf das bett springt, aber sonst tut sich nicht mehr allzu viel (lacht). ich wache jedenfalls unweigerlich auf, wenn unser hund ins bett hüpft. meine frau stört das überhaupt nicht, sie schläft fest wie ein stein ...

wie lange glauben sie, werden sie ihre tätigkeit noch ausüben?

unsere tätigkeit hat sich im vergleich zu früher natürlich stark verändert. wir agieren eher aus dem hintergrund heraus, sagen zu manchen entscheidungen ja, zu manchen dingen nein, bringen unsere langjährigen erfahrungswerte mit ein. wir genießen das sehr. im operativen bereich agiert heute unsere tochter. solange wir bei kräften sind, werden wir diese aufgabe noch ausüben. wie lange wir unsere tätigkeit noch ausüben wollen? wir werden mode machen bis wir sterben.

eine erkenntnis bleibt mit sicherheit: gutes bleibt gut, mögen auch jahre, jahrzehnte und große umwälzungen über die welt herein brechen. das ist bei einer musiknummer ebenso wie bei einem paar jeans oder einem besonderen kleidungsstück, das im laufe der jahre immer mehr an interessanten charakterzügen gewinnt. dabei geht es gar nicht so sehr um etwas besonders teures oder aufwendiges. der große, zeitlose wert einer sache, eines gegenstands, wird dann erkennbar, wenn es zu jeder epoche passt, sich in unterschiedliche lebensstile einfügen und entfalten kann - anpassungsfähigkeit und wandelbarkeit als zeitlose, evolutionäre wesenselemente. so manches jahrelange lieblingsding wird mit dem oftmaligen blick in die vergangenheit zur triebfeder der zukunft. erik brandt und seine ehefrau margit wissen das. ja, sie spüren es heute wahrscheinlich noch viel tiefgreifender als zu beginn ihrer seit über 40 jahren andauernden karriere. eine wahre geschichte, die noch weit länger als ein leben lang andauern wird ...

buchtipp:
„being brandt – the story of erik and margit brandt“

helmut wolf
pool journal