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illustrations: sarah / the steak
power places
energie verleiht flügel. zumindest wenn man der werbung glauben darf. doch es gibt nicht nur den hochkonzentrierten koffein-wachmacher aus der dose, sondern auch mechanische, physikalische, erneuerbare, elektrische und magnetische energieformen. eigentlich wissen wir schon gar nicht mehr, was energie überhaupt ist. und es hilft auch nicht, dass aristoteles sie als die möglichkeit bezeichnet „in seiendes“ überzugehen.

energie ist lebensnotwendig! und zwar in verschiedenen formen. am allermeisten brauchen wir luft - oder „prana“, die lebensenergie. aber auch elektrische energie ist unabdingbar zum fernsehen, telefonieren oder kaffee kochen. ohne energie kein auto, kein flugzeug das uns in den urlaub bringt.

doch was tun, wenn die energie zu ende ist? mit dem auto kann ich zur tankstelle fahren und es auftanken – zumindest ein paar jahre noch. das handy kann ich an die steckdose hängen. aber was, wenn der körper keine energie mehr hat? dann muss man auch diesen ganz einfach aufladen, mit neuer lebensenergie. dosenweise energiedrinks sind bestimmt nicht gesund. auch andere, eher asiatisch anmutende vorschläge, wie sieben tropfen schlangenblut trinken, klingen nicht gerade verlockend. es gibt einen viel einfacheren weg: tankplätze für den körper und die seele. man geht also an einen so genannten „energieplatz“, bleibt dort eine weile stehen, geht dann wieder weg und schon müsste neue energie getankt sein. wenn es beim ersten versuch nicht funktioniert hat, kommt man am nächsten tag nochmals, und nochmals …

energieplätze sind nicht eine erfindung oder entdeckung unserer generationen. vor tausenden von jahren wurde im süden englands ein kreis aus monumentalen steinen errichtet: stonehenge. bis heute noch ist sein sinn und zweck unbekannt, doch eines ist sicher: es ist ein platz voller energien und mysterien. ähnliches wird von der kultstätte der aborigines, dem ayers rock, in australien erzählt. auch christliche, heilige stätten wie lourdes in frankreich gelten als energieplätze. regel–mäßig berichten menschen, die dort hinpilgern, von einer linderung ihrer schmerzen oder gar einer heilung. dass das natürlich mit viel christlichem glauben zusammenhängt, ist im falle von lourdes selbsterklärend. doch auch ungläubige erzählen von einem kribbeln, einem wohligen gefühl und sogar von schweißausbrüchen. genau dasselbe fühlen besucher von energieplätzen in österreich, deutschland, mexiko oder japan. und auch von heilungen gibt es zeugen. im allgäuer oberstdorf (deutschland) etwa befindet sich ein energieplatz, der ein an hirnhautentzündung leidendes mädchen, das stark motorisch gestört war, wieder zum skifahren brachte.

auch karl heinz kerll, ein chemiker aus münster, kam mit einem rückenleiden ins deutsche oberstdorf. er versprach sich, wie viele andere auch, heilung. tatsächlich waren nach einigen besuchen am oberstdorfer energieplatz seine rückenschmerzen wie weggeblasen. seitdem hat er energieplätze wissenschaftlich erforscht. bisher organisierte er 24.056 messreihen an unterschiedlichsten orten der welt, bei unterschiedlichen wetter- und klimaverhältnissen und mit 1.086 versuchspersonen. das ergebnis war stets ähnlich: steigende pulsfrequenz und körpertemperatur, auch veränderte blutzuckerwerte. aufgezeichnet wurde auch die körperliche belastung durch magnetische wechselfelder und anomalien des erdmagnetfeldes. zurückzuführen sind diese symptome auf die besonders intensive erdstrahlung, die wiederum von zwei sich kreuzenden wasseradern oder verwerfungen in der erdkruste entstehen. so kreuzen sich zum beispiel am energieplatz in oberstdorf zwei wasseradern und eine bruchstelle im gestein. die „radiästhesie“ oder, weniger wissenschaftlich, der rutengang, untersucht die erdkruste auf solche störungen. die schwarz gekleideten menschen von früher, die mit stöcken in der hand auf und ab wanderten und darauf warteten, dass die rute ausschlägt, haben sich zu high-tech-wissenschaftlern gewandelt. mit verschiedenen messgeräten, wie zum beispiel dem geo-magnetometer, zeichnen sie die erdstrahlen auf, um diese in störungsdiagrammen festzuhalten. der störungsgrad des energieplatzes in oberstdorf beträgt demnach 1.200 (nt/m), der von lourdes ebenso. am meisten „gestört“ ist nach den messungen des chemikers der vulkan popocatépetl in mexiko.

neben dieser wissenschaftlichen erklärung gibt es aber auch völlig esoterisch und verklärt wirkende darstellungen der energieplätze. einige bezeichnen diese als „kraftorte der lieben mutter erde“, die an diesen stellen durch ihre kinder zu ihren kindern spricht. diese orte wurden von schamanen besucht, um in kontakt mit dem göttlichen zu treten. die energie, die von solchen plätzen ausgeht, ließ druiden in trance fallen und hexen auf besen fliegen. noch heute leben viele kraftorte in dem bewusstsein der menschen weiter als so genannte teufelshügel, venusberge oder drachenstellen. auch die natur soll an diesen stellen „verformt“ sein und sich absonderlich entwickeln. so könnte zum beispiel ein verwinkelt wachsender baum oder ein besonders kunstvoller fels auf besonders starke energien im boden hinweisen. solche energiequellen nutzen auch heute noch einige menschen, die dann heilende kräfte entwickeln und als weissager, moderne schamanen und gurus ihr geld verdienen.

ist der energieplatz also ein hokuspokus oder eine alternative heilquelle, die von uns noch viel zu viel belächelt wird? der im allgäu lebende wolfgang schmid könnte als einer der modernen schamanen bezeichnet werden. er selbst nennt sich „energyness-coach“ und behandelt mit verschiedensten methoden allerlei problemchen, sei es nun durch gezieltes powertraining oder vitalfood oder eben durch reisen zum „eigenen“ mittelpunkt.

ähnliches wird übrigens auch an der schönheitsfarm sternsteinhof im oberösterreichischen bad leonfelden geboten. ein geomant hat die positiven strahlen der venus an diesem ort festgestellt und in zusammenarbeit mit dem besitzer des sternsteinhofes einen energiegarten konzipiert. in der schönheitsfarm - nur für frauen! - kann frau nun neben den üblichen behandlungen und der basischen vollwertkost durch den im garten angelegten pfad lustwandeln und besondere schwingungen fühlen, die umsetzung der energie im körper spüren, sich entspannen und neue kräfte bündeln.

auch in deutschland, im rahmen der bundesgartenschau 2005, wurden im spreeauenpark in cottbus energiequellen entdeckt und durch einen siebenstufigen energiepfad dem besucher erschlossen. die vielen tausend gäste sollen allein durch betreten dieses pfades mehr kraft und lebensenergie erhalten.

wir haben die wahl: tanken wir an kommerzialisierten – doch nicht weniger wirkungslosen – energieplätzen, wie jenem in oberstdorf oder cottbus, oder an von der öffentlichkeit weniger wahrgenommenen, wie jener in der assisikirche am mexikoplatz in wien ...

verena wisthaler
pool journal