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häufig gestellte fragen

frequently asked questions

was inspiriert sie besonders?

motorradfahren oder mit dem boot am meer unterwegs sein. wenn die arbeit gut ankommt, die augen im publikum leuchten, ist das ebenfalls sehr inspirierend.

wo liegt ihre persönliche, ausgleichende „energiequelle?“

... in der stille oder beim lesen.

ihr schönstes erlebnis als tänzer auf der bühne?

ich habe immer stücke gemocht, wo ich etwas vermitteln konnte. dazu zählen sicherlich frederick ashtons „la fille mal gardée“ oder „coppélia“. wenn das publikum sich begeisterte, war das immer ein einzigartiges erlebnis und der eigentliche grund, warum man ballett tanzt.

ihr liebstes ballettstück?

ich sage so: immer jenes stück, für das man gerade arbeitet. generell würde ich sagen: anna karenina, ein sehr interessantes ballettstück, derzeit gerade an der wiener volksoper zu sehen.

dancing with your soul
tanzen ist grenzenlos in seiner „aussprache“. schon eine einzige bewegung kann eine ganze geschichte erzählen. tanzen ist leben, verleiht energie, berührt und verführt. ballett ist wie tanzen allgemein nicht nur ausdrucks- und kommunikationsmittel, sondern auch die begegnung mit unterschiedlichsten charakteren und gefühlen in einem selbst, wie gyula harangozò, ballettdirektor der wiener staatsoper und volksoper, im nachfolgenden gespräch umschreibt.

„lange vor dem geschriebenen wort sprachen die menschen die sprache des tanzes“, weist die us-autorin und schriftstellerin cathy newman auf die hohe bedeutung des tanzes in der menschheitsgeschichte hin. tanz kann eine bitte an götter, an die natur sein. tanz kann freude, kummer, schmerz und liebe auszudrücken. seit dem 15. jahrhundert tanzen die menschen auch ballett, symbolisieren damit schönheit, anmut und leichtigkeit. ballett gilt heute als eine der ältesten praktizierten und nach wie vor populären tanzformen in der westlichen welt. obwohl der ausgangspunkt für dessen großen erfolg am französischen königshof liegt, so befinden sich die wurzeln in italien. dies dokumentiert auch das ballett-assoziierende, italienische wort für tanz „ballo“.

über ballett als oft schmerzvolle arbeit, über rhythmusgefühl und den sprichwörtlichen funken, der auf zuseher und publikum überspringen kann, ein gespräch mit dem direktor des balletts der wiener staatsoper und volksoper, gyula harangozò.

lieber herr harangozò, welche musik haben sie als kind gehört?

zumeist habe ich klassische musik gehört, gewissermaßen weil ich dazu gezwungen war. ich habe täglich vier, fünf stunden im tanzstudio verbracht, da stand natürlich klassik im vordergrund. zudem habe ich auch klavier studiert, lernte verschiedene tanzrichtungen. in der freizeit dagegen habe ich in meiner kindheit und jugend sehr gerne beatles und rolling stones gehört.

sie kommen ursprünglich aus ungarn. wird in ihrem geburtsland die hochkultur der klassischen musik, des tanzes sehr stark gepflegt?

ja, auf jeden fall. auch von staatlicher seite erhält man dabei viel unterstützung, woraus sich auch eine gewisse lebensperspektive in dieser richtung ergibt. klassische musik und speziell tanz genießen hohes ansehen in der dortigen gesellschaft. der tanz hat in ungarn, wie auch generell im ehemaligen osteuropa, einen viel höheren stellenwert als in anderen ländern europas.

fast jedes gefühl lässt sich in bewegung darstellen: wut, freude, trauer ... eignet sich tanzen besonders gut, um eine innere balance herzustellen?

ich würde hier einen vergleich mit der sportart fußball anstellen: wenn du fußball liebst, dann spielst du diese sportart gerne. aber wenn du bei regen oder kälte spielen musst, dann ist es nicht immer nur pure freude. genauso ist es beim tanzen. der tanz entstammt ja ursprünglich aus einem gefühl der menschen heraus, freude auszudrücken oder einen gott anzubeten - also aus einem festlichen anlass. tanzen bei uns (ballett der wiener staatsoper und volksoper, anm.) ist ein beruf, der zwar hoffentlich allen spaß macht, dennoch natürlich harte arbeit ist.

wenn du nun konzentriert mit deinen kräften arbeitest, erfolgreich tanzt, dann stellt sich durchaus ein gefühl der ausgewogenheit, der balance ein. das ist speziell bei den proben so, am weg zu einer neuen aufführung. dieser prozess bis zur premiere, ist eine art weg mit einem hohen ziel vor augen. wenn dann dieses ziel erreicht wurde, die premierenvorstellung stattgefunden hat, stellt sich eine gewisse leere ein. diese leere gilt es immer wieder seelisch und körperlich zu fühlen.

die positive müdigkeit nach dem tanzen ist eine durchaus schöne art, um seine innere stabilität herzustellen. auch mit den figuren, die ich darstelle, begegne ich immer wieder vielen interessanten charakteren, unterschiedlichen stilrichtungen, was sehr bereichernd ist. es ist einfach ein geschenk gottes, wenn du mit einer sache, die du liebst, dein geld verdienen kannst.

tanzen hat immer auch etwas mit freude, mit lebensenergie und leidenschaft zu tun. haben menschen, die gerne tanzen, grundsätzlich mehr freude am leben als andere?

es ist schon sehr interessant, aus wievielen unterschiedlichen menschen sich unsere ballett-company zusammensetzt – personen mit stark differenten sozialen backgrounds, die aus vielen verschiedenen beweggründen bei uns sind. wenn du künstler bist, kannst du sowohl freude als auch trauer ausdrücken. was der zuschauer zu sehen bekommt, entspricht zwar nicht immer der wahrheit, aber wenn du wirklich mit freude, mit der seele tanzt, dann kann das jeder spüren und das ist schon etwas besonderes.

tanzen ist auch eine form von grenzüberschreitender sprache. eigentlich eine wunderbare art, sich nonverbal zu begegnen ...

der tanz als grenzüberschreitende sprache ist ein großer vorteil. das gleiche gilt auch für musiker, die mit ihrem instrument über alle grenzen hinweg mit allen menschen „sprechen“ können. wer mit einem instrument spielt oder den körper als sprachinstrument einsetzt, kennt keine grenzen, kann überall auf der welt wirken. als tänzer kann ich mit einer einzigen, gut platzierten geste unendlich viel erzählen, mehr als manche schriftsteller und journalisten auf einer ganzen seite beschreiben müssen.

der mensch überschreitet heute sehr oft gesunde grenzen, sowohl seine eigenen als auch die der umwelt. könnten tänzerische bewegungen, also die form, gefühle auf den körper zu übertragen, ein sensibilisiertes gefühl für uns selbst, für unsere umwelt schaffen?

ich würde so sagen: das ist wie im leistungssport, wenn ich ein gewisses niveau erreichen möchte, muss ich bestimmte grenzen überschreiten. muss persönlichen einsatz opfern, mehr als der mensch von sich aus bereit wäre. natürlich spricht der balletttanz mit seinen auswärtsbewegungen und den kraftanstrengungen, mit denen man seinen körper tag für tag fordert, gegen die anatomie, weil es über die natürlichen bewegungsabläufe hinausgeht. dabei kommt es auch zu verletzungen oder, wie bei mir, zu oftmaligen operationen. das geht sicherlich mit einer gewissen ausbeutung des körpers einher.

was die ausbeutung der umwelt anbelangt, so denke ich, muss man zuerst auch auf sich selbst achten, um ein gefühl für die welt um einen herum entwickeln zu können. also: wie lebe ich, wie esse ich, betreibe ich sport oder setze mich lieber zum fernseher usw. dies sind alles aspekte, die eng mit der sensibilität für die umwelt zu tun haben. zur umwelt zählt für mich genauso der eigene körper.

das rhythmusgefühl kommt gewissermaßen von innen, von der seele. die musik kommt von außen. glauben sie, kann jeder mensch das gefühl für rhythmus erlernen?

ich denke schon, dass der rhythmus bis zu einem gewissen grad erlernt werden kann. es gibt aber leute, die sind sozusagen mit einem angeborenen rhythmusgefühl von geburt an gesegnet. wenn nun jemand mit weniger rhythmusgefühl versucht, diese mit reiner übung einzuholen, wird er es aber in dem ausmass nicht schaffen.

thema gesundheit: gerade mit zunehmendem alter bewegen sich die menschen immer weniger. viele kinder und jugendliche sitzen heute oft den ganzen tag vor computer und playstation. wie würden sie die menschen zu mehr bewegung motivieren?

wenn wir in der geschichte zurück blicken, so war die freizeitauswahl und bequemlichkeit früher nicht groß. es musste hart gearbeitet werden, damit etwas auf den tisch kam. die ernährung der familie war zumeist mit physischer arbeit verbunden. heute ist es so, dass ich mich förmlich den ganzen tag nicht mehr bewegen muss. ein laptop, ein tisch und ein sessel reichen aus, damit ich arbeiten, mich unterhalten kann. es gibt einfach leute, die zu extrem darauf reflektieren. viele psychische krankheiten sind auf bewegungsmangel zurück zu führen. wir versuchen beispielsweise mit hauseigenen workshops in der staatsoper dieser entwicklung entgegen zu wirken. wir wollen den kinder musik und tanz nahe bringen. wollen zeigen, das musik und tanz ein großer spaß ist - der überdies glücklich und zufrieden macht.

wenn man sich kinofilme oder bücher ansieht, so sind es ja gerade viele klassische geschichten, die von vielen kindern und erwachsenen wieder entdeckt werden ...

richtig. bei der neuinszenierung des nussknackers (an der wiener staatsoper, anm.) beispielsweise, ging es mir bei den videoanimationen und den spiderman-figuren auch darum, dass auf der bühne eine zeitgemäße adaptierung dieses stücks aus dem 19. jahrhundert stattfindet. die jungen zuseher können in einem historischen stück bekannte charaktere aus film und computer wieder erkennen.

wichtig beim ballett sind neben bühnenbild und choreografie, vor allem die kostüme. an den tüllröcken, spitzenschuhen und strümpfen hat sich seit den anfängen des balletts im 15./16. jahrhundert nur wenig geändert. es scheint hier ein zeitloses stil- und modebild geschaffen worden zu sein ...

wenn sie hier speziell den tutu ansprechen, also den tüllrock, so stimmt das durchaus. hier hat sich tatsächlich wenig verändert. beim klassischen ballett gibt es zwei arten von tutus: die romantischen, länger gefertigten röcke, die über das knie reichen, im stil einer glocke, und die abstehenden, kurzen tutus. ansonsten aber bietet das ballett heute die ganze bandbreite moderner bis gewagter darstellungen, die sich teilweise in schrillen kostümen und bühnenbildern wiederspiegeln.

warum glauben sie, wird ballett zumeist mit fantasievollen märchen, mit der poesie assoziiert? symbolisiert diese art des tanzes eher die verträumte, romantische seite des menschen?

es gibt verschiedene ansätze, ein ballettstück zu inszenieren. entweder ich verarbeite ein neues, zeitgemäßes thema, das kann durchaus brutal und grau sein. oder ich nehme eine bestehende, klassische geschichte wie den nussknacker und entführe den zuschauer in eine schöne, zauberhafte welt. in den 1950er/60er jahren war es oft so, dass mit harten, provokativen ballett-inszenierungen gegen die spießbürgerlichkeit angekämpft wurde. heutzutage suchen die menschen etwas ganz anderes im theater und in der oper.

die welt ist voller probleme, sorgen und gewalt, und da haben wir als künstler die aufgabe, einen gewissen gegenpol zu schaffen. das kann durchaus mit naivität, märchenhaften librettos und elementaren themen des lebens, wie liebe, leidenschaft und tod geschehen. es ist einfach wichtig, dass die leute ins theater kommen, egal ob sie dabei eine tiefere gedankenanregung erhalten oder sich unterhalten und genießen wollen. der besucher sollte nach der vorstellung ein bisschen reicher in seiner seele geworden sein, sich manchmal an das stück erinnern können. grundsätzlich meine ich, gehört klassisches ballett wie auch die oper einfach zu unserer geschichte, ist teil unserer lebenskultur. der beste beweis für den anhaltend hohen stellenwert klassischer ballettstücke sind unsere laufend ausverkauften vorstellungen in der wiener staats- und volksoper.

helmut wolf
pool journal