03
 
   
illustration: bernie@pool
schönheit, und was davon übrig blieb
ästheten haben es schwer heutzutage. auf dem cover von „the face“ kann man drugged people beim kotzen betrachten, im fernsehen muss man jackass bei ungustiösen dingen zusehen und selbst die heile-welt-marke calvin klein wirbt mit achselhaar für parfums.
wenn sie diesen artikel zu ende gelesen haben, halten sie mich wahrscheinlich für ganz schön altmodisch und verkorkst. damit also kein irrtum aufkommt: nein, ich bin nicht steinalt, bin sogar noch sehr deutlich unter dreißig, nein ich bin auch nicht mitglied einer konservativen partei, ich bin auch nicht streng gläubig, und meine kindheit war glücklich. nein, mein horizont ist nicht begrenzt und doch, ich habe interesse an fotografie, malerei, design, literatur und was sonst noch dazugehört, damit sie mich nicht für einen kleingeist halten. trotz allem (oder vielleicht grade deshalb) will ich auf einem cover einer modezeitschrift keine kotzenden menschen sehen. ich habe auch keinerlei interesse an den ausscheidungen der herren von jackass, auch wenn mir die sendung von bekannten immer wieder ans herz gelegt wird. ich mag keine modestrecken mit scheintot aussehenden menschen, und es stößt mich ab, 13jährige mädchen mit gegrätschten beinen im großformat zu sehen. besonders, wenn sie frotteeslips mit kindlichen mustern drauf tragen. ich finde es weiters bedenklich, für kunstvoll zerfetzte kleidchen fünfstellige euro-beträge zu zahlen und halte nichts davon, wenn sich reiche kleiden als lebten sie in brasilianischen favelas. ich kann den sinn von kleidung, die ihre träger nicht in irgendeiner weise schöner macht, nicht erkennen, es sei denn jemand trägt sie, weil er nichts anderes hat oder friert. aber das ist ja bekanntlich in unserer überflussgesellschaft selten der fall.
hat das eigentlich irgendjemand kapiert? ich meine, haben wir kapiert, dass kleidung produziert wird, die bewusst hässlicher macht? das ist nicht dekonstruktivismus, das ist nicht ironie, das ist noch nicht einmal zynismus. das ist einfach nur „thema verfehlt“. vielleicht bin ich der letzte so geartete konsument, aber ich finde es toll, wenn kleidung passt, wenn stoffe schön fallen, wenn schnitte der figur schmeicheln, wenn kleine tricks kaschieren. wenn ich diesen besonderen rock anziehe, dessen stoff einfach nur ausstrahlt, dass er sein geld wert war, dessen schnitt zeigt, dass kleidergröße 38 in ordnung ist, dessen edler schimmer mich immer wieder freut, dann denke ich an die heerscharen von kaputten models mit kaputten haaren, tauber haut und essproblemen, die mir in hochglanzmagazinen kleider vorführen, die ich meistens nicht mal erkennen kann. wer zum teufel hält das für erstrebenswert? die tragen da wirklich tolle sachen, warum also das schöne unansehnlich machen? warum ist ein bild erst die publikation wert, wenn ich erkennen kann, dass fotograf und model die vorangegangene nacht durchgesoffen haben? ich weiß, diese „neue realität“ in der fotografie fing mal an mit dem bestreben, die menschen wieder menschlicher aussehen zu lassen und die ideale von ihren sockeln zu holen. aber das dumme ist: ich mag ideale, ich mag sie wirklich. ich habe es richtig gerne, wenn ich eine wunderschöne frau in einem wunderschönen kleid auf einem wunderschönen foto sehe. ich bin beeindruckt, wenn ich einen richtig hübschen mann sehe, der teil einer richtig hübschen modestrecke ist. ich freue mich, wenn man erahnt, dass auch diese menschen fehler haben, die aber nicht zur schau gestellt werden, sondern dezent verborgen werden. ich mag ausgewogene motive, und ich betrachte auch lieber die freude anderer menschen als deren leid. ich weiß, schönheit ist relativ und eine allgemein gültige definition von schönheit ist kaum möglich. verstehen sie mich nicht falsch, ich trauere nicht der supermodel-ära nach. aber ich habe auch keine lust mehr auf bilder, die mit aller gewalt ihren eigentlichen zweck verbergen. modestrecken, werbebilder und kataloge sollen verführen, sollen sehnsüchte wecken, sollen zum träumen anregen. ich will nicht beinharte realität, wenn ich ein magazin oder einen fotoband aufschlage, ich will alles nur nicht realität. wieso? von 0-24 uhr läuft auf allen kanälen realität, in den zahlreichen nachrichten, reportagen und dokumentationen kann man jeden moment am echten leben irgendeiner bemitleidenswerten existenz teilnehmen. tod, krieg, terror, hunger, angst, katastrophen, schicksalsschläge sind ständig gast in unserem wohnzimmer. das ist schon lange so, aber die ohnmacht, die hilflosigkeit und die beklemmung nimmt immer mehr zu, seit uns so unmissverständlich klar gemacht wurde, dass menschliches leid einfach zu den kolateralschäden unseres wirtschaftsystems gehört.
und sie fragen mich noch immer, weshalb ich die illusion vorziehe, weshalb ich zumindest, wenn es um mode und deren rezension geht, vorziehe wenn die welt im lot ist? aber ist das nicht die urfunktion von mode, dass sie unserer schönheit auf die sprünge hilft?
ich will mode, bei der ich mir denken darf „wow, ist das schön“, „toll, ist das gut gemacht“, „super idee“ oder „einfach raffiniert“. ich will keine philosophie, ich will keine neue identität, ich will kein t-shirt, das intellektueller ist als ich, ich will keine hose, die ich erklären muss, ich will auch nicht aussehen wie eine professionelle, ich hab keinen bock auf eine jacke, in der ich irgendwie verkrüppelt anmute und ich mag keine hose, die mir bedeutet ich sei fett, weil ich eben nicht magersüchtig bin.
keiner zwingt sie, so zu denken wie ich es tue. aber halten sie einen moment inne und überlegen sie mal kurz. ist es nicht doch, jetzt wo die welle abklingt darf man das ja sagen, ist es nicht doch ein wenig verkehrt rum, wenn wir viel geld für hosen ausgeben, die aussehen als würden wir noch richtig hart arbeiten, in dreck und öl und den ganzen tag im freien? was ist das? kaufen wir uns für teures geld künstlichen dreck und planmäßige zerstörung, damit wir uns unseres wohlstandes nicht schämen müssen? kaufen wir uns frei von gesellschaftlicher verantwortung indem wir uns als arme menschen verkleiden? oder haben wir nur einfach nicht drüber nachgedacht?
martina müllner
pool journal