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soundscapes
statt rock oder hiphop sind beim pianisten nikolai tokarew „transkriptionen und paraphrasen“ angesagt. mit seinen 23 jungen jahren gilt der russische klaviervirtuose als besonders gutes beispiel, wie klassische klangwelten mittels moderner interpretationen in einen zeitgemäßen kontext gebracht werden können. und dass klassische musik nicht alt oder verstaubt sein muss, dokumentiert allein schon der modische image-look tokarews. klassik mit jugendlich-ungestümer attitüde – man könnte auch „coolness-faktor“ sagen.

mit sechs lebensjahren einen soloabend am klavier zu geben, mit 14 bereits auf tournee in japan und europa, das kommt nicht alle tage vor. der russische pianist nikolai tokarew hat sich der klassischen musik gewidmet und von kindesbeinen an versucht, dieser seinen ganz persönlichen „style“ zu verleihen. klaviersonaten von schubert, chopin, bach, liszt klingen deshalb auf seinem aktuellen album (sony bmg classical) besonders eigenwillig und doch begegnen sie deren ursprünglichen strukturen stets mit großem respekt. bekannt ist der aus einer musikerfamilie stammende und in moskau geborene pianist für seine rasende fingerakrobatik und große hingabe. dabei entsteht der seltene effekt bei klassischen konzerten, dass das publikum förmlich aus den stühlen gerissen wird, mitwippt und nach zugabe schreit. kontrastierend zu der kraftvollen, dynamischen seite bekannter klassikwerke gelten tokarews ebenso stille und einfühlsame klavierinterpretationen. „es geht mir um klangfarben, philosophische fragen und tiefere dinge“, bekannte der heute in england lebende 23jährige einmal in einem interview. es geht darum, herz und seele auszudrücken. im nachfolgenden ein gespräch mit dem virtuosen:

lieber nikolai, kannst du dich noch an das gefühl erinnern, als du mit sechs jahren dein erstes solokonzert in moskau gegeben hast?

viele dinge als kind oder jugendlicher geschahen eigentlich eher unbewusst. ich wurde geleitet von meinen eltern und lehrern. diese ersten erfahrungen auf der bühne machten mich sehr glücklich.

im jungen lebensalter versucht man die welt durch eltern, durch schule zu begreifen, zu erlernen. du bist mit 14 schon in japan und europa im rampenlicht gestanden. wie hast du als jugendlicher die dimensionen der konzerte, die vielen erwachsenen menschen, die welt um dich herum empfunden?

es war einfach ein schönes gefühl als junger mensch dem publikum etwas geben zu können. auf der bühne bin und war ich jedoch nie „solist” sondern immer interpret. ich stand und stehe ausschließlich im dienste der musik. es ist ein ständiges geben und nehmen. das publikum konnte mich dabei schon immer inspirieren.

ist klassik möglicherweise die idealste musikform, um ehrliche, tiefe gefühle auszudrücken?

bei mir ist es so, dass ich mich der klassischen musik verpflichtet fühle. andere mögen sich auf andere musikrichtungen konzentrieren. grundsätzlich gibt es jedoch für mich nur gute oder schlechte musik, egal welches genre es betrifft.

wie würdest du jugendlichen, die mit klassik oftmals nichts am hut haben, die herangehensweise zu klassik, zum einstieg in diese „haute couture der musik“ empfehlen?

viele jugendliche hören keine klassische musik, weil sie bis jetzt noch keine gelegenheit hatten oder haben, diese „wirklich“ kennen zu lernen. klassische musik kennt aber im grunde jeder mensch, wenn auch nur aus filmen oder der werbung.

wie ist das für dich; in einer welt der lauten (klingel-)töne mit leisen, sanften klaviersonaten aufzutreten?

ich würde so sagen: „it’s a kind of celebration“.

würdest du sagen, dass du durch die ruhe und sensibilität, durch die interpretation der zwischentöne beim klavierspielen geräuschempfindsamer bist?

geräuschempfindsam in dem sinne, als meine sensibilität im ganzen körper stattfindet und das klavierspielen bei mir nicht nur teil des motorischen ablaufes ist.

hörst du auch gerne rock- oder popmusik?

ja, absolut.

was inspiriert dich besonders?

eine harmonische umgebung.

wo bzw. wann findest du am besten stille und erholung?

das kann überall sein, ob in europa oder in asien. wichtig ist ausschließlich mein persönliches umfeld.

dein liebstes klassisches musikstück?

was ich spiele, liebe ich. im grunde gibt es kein klassisches werk, das ich favorisiere. alles zu seiner zeit.

helmut wolf
pool journal