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häufig gestellte fragen

was fasziniert sie am meisten an der herstellung von uhren?

dass ich mein gelerntes handwerk in ein kunsthandwerk umgewandelt habe. und dass ich mit meinen produkten die möglichkeit habe, mehrere generationen zu erfreuen.

was ist ihr liebstes ritual?

in meinen teich zu schauen und die tiere darin zu beobachten.

der schönste ort, wo es sie immer wieder hinzieht?

die nordseeinsel juist.

ihre liebste uhr auf ihrer hand?

ich trage immer zwei uhren, links und rechts. auf der einen hand immer die aktuellste uhr aus unserer kollektion und auf der anderen die allererste, die ich gebaut habe.

time of his life
„geld ist vermehrbar, zeit nicht.“ gerd-r. lang, uhrmachermeister, gründer und inhaber der uhrenmarke chronoswiss, weiß genau, wovon er spricht. seine mechanisch angefertigten uhren sollen weit über ein menschenleben hinaus „ticken“ - durch die schwerkraft aufgezogen mehr als 100 jahre, also über generationen! auf der basis zeitlosen designs möchte der leidenschaftliche uhrmacher zeitmesser schaffen, die etwas wirklich dauerhaftes hinterlassen - ohne abfall und entgegen allen „vorübergehenden“ zeit-erscheinungen. ein gespräch über die menschliche natur, über die qualität der zeit und elementare ruhephasen.

lieber herr lang, als uhrmacher sind sie jemand, der sich mit zeit sehr intensiv beschäftigt - sowohl im funktionellen als auch im übergeordneten sinn. wie definieren sie zeit?

zeit kann man nicht definieren. ich repariere jeden tag uhren, kann aber nicht genau sagen, was die zeit eigentlich ist. zeit kann ein geschenk, kann aber auch ein fluch sein. im gewissen sinne habe ich als uhrmacher sogar die möglichkeit, die zeit voraus und zurück zu stellen. ich könnte beispielsweise bei einem kunden die uhr so einstellen, dass sie eine stunde nach oder vor läuft, damit derjenige beispielsweise eine stunde mehr zeit für andere dinge hat. was ich damit sagen möchte: ablauf und zeit sind zwei völlig verschiedene aspekte. der ablauf ist durch den kalender bestimmt, durch den umlauf der erde um die sonne, durch tag und nacht. zeit ist in erster linie durch die natur begründet. ich als uhrmacher stelle die zeit nach dem natürlichen rhythmus ein: der tag hat 24 stunden, gliedert sich in 86.400 sekunden. wir stellen unsere uhren auf exakt fünf sekunden abweichung ein. das ist ein hohes maß an präzision für eine maschine, die von menschenhand geschaffen wurde. dies könnte man mit einer strecke von rund 86 kilometer vergleichen, wo sie eine tägliche abweichung von nur fünf metern haben.

der uhrenhandwerker hat in gewissem sinne eine zweite naturzeit geschaffen. die uhr hat enorme veränderungen in der menschheit eingeleitet. mit der uhr konnte am schiff der längengrad der erde festgestellt werden. es wurden neue länder entdeckt, handel konnte betrieben werden, usw. die uhr ist dennoch nur ein hilfsmittel, um die natürliche zeit anzuzeigen: sonne, mond, tag und nacht.

den kalender, so wie wir ihn heute kennen, gibt es seit dem jahr 1580, entstanden aus dem gregorianischen kalender, der bis heute gültig ist. auch wir machen eine uhr, die diesen ewigen kalender in sich trägt und die nur alle 100 jahre nachgestellt werden muss.

unser umgang mit der zeit, unser zeitempfinden hat sich in den letzten jahren massiv verändert. schlagwörter wie „speed kills“ oder „echtzeit“ haben unseren alltag enorm beschleunigt. wie beurteilen sie diese schnelllebige entwicklung?

wenn ich über den umgang mit der zeit nachdenke, stelle ich mir immer wieder die frage: wie war es früher? im winter haben die bauern kürzer gearbeitet als im sommer, weil die tage auch kürzer waren. damals lebten die menschen mehr mit der natur. so ging das viele jahrhunderte lang. unsere gesellschaft heute arbeitet rund acht stunden, genauer genommen viel mehr, sowohl im winter als auch im sommer, was im grunde nicht gut ist, weil es nicht der natur entspricht. wenn die sonne damals am höchsten stand, ließen die menschen ihre arbeit ruhen und aßen zu mittag. auch die tiere haben sich so verhalten. wir arbeiten heute acht stunden pro tag , und wenn wir nach den acht stunden noch gut drauf sind und noch weiter arbeiten wollen, gehen wir trotzdem nach hause, weil wir uns sagen, den mehraufwand zahlt uns sowieso niemand. aber der mensch ist ein lebewesen, das von stimmungen, von emotionen, von zeiten, wo es ihm mal besser, mal schlechter geht, geprägt ist. das kann die uhr aber nicht erkennen. wir werden also laufend gezwungen, entgegen unserer eigenen natur, entgegen unserer eigenen uhr zu leben.

es geht sozusagen um die qualität der zeit, wie man die zeit für sich anlegt?

natürlich. es gibt den griechischen gott chronos, den gott der zeit, der verkündet, dein leben ist dir geschenkt und wird dir irgendwann wieder genommen. er sagt, du hast am tag 24 stunden zeit, und was du damit machst ist deine sache. ein anderer, ebenso wichtiger griechischer gott ist kairos, der bestimmt, welchen wert deine zeit hat. es geht um die qualität der zeit! es ist eben ein unterschied ob man zwei minuten die hand auf einer heißen herdplatte hat oder zwei minuten mit einer netten person plaudert. einmal kommt einem die zeit sehr lange, dann wieder extrem kurz vor. die uhr können wir also nicht als zeitmesser ansetzen, so wie der mensch diese entsprechend seiner empfindlichkeiten benötigen würde.

wie viel zeit verbringen die leute heute im stau stehend, mit dingen, die uns ablenken? wir brauchen zeit, um uns auszuruhen. zeit, um muse zu haben, auch eigenzeit benötigen wir. spazieren gehen, dinge tun, die einem persönlich gut tun. das geht aber nicht, bei sprüchen wie „zeit ist geld“. auch dürfen wir uns nicht durch die uhr zum sklaven machen lassen! der mensch braucht ruhe, nachtruhe alleine reicht da nicht. er braucht zeit, um sich aufzubauen ... in der natur beispielsweise. jeder mensch, egal ob reich oder arm, hat täglich 24 stunden zeit zum leben bekommen und niemand, selbst der reichste mensch auf der welt, kann sich eine stunde am tag mehr hinzu kaufen.

viele menschen stecken sehr oft in ihrem sprichwörtlichen „hamster-rad“. sie wünschen sich, daraus zu entfliehen, schaffen es aber oft nicht. die natur ist da vielleicht oft ein guter ratgeber, wie es funktionieren könnte?

die natur macht uns das ja genau vor: wenn etwas neues entstehen soll, muss es vorher ruhen und zeit haben, um zu wachsen und zu gedeihen. wenn wir menschen dies nicht machen, werden wir wahrscheinlich krank werden. wenn sie zeitschriften lesen, wo der mann gefragt wird, was ihm das wichtigste ist, so sagt er sehr oft: die familie. der widerspruch ist nur: er geht in der früh außer haus, die kinder und seine frau sieht er oft den ganzen tag nicht mehr. abends kommt er spät nach hause, da schlafen die kinder schon. am wochenende, wenn er zeit für die familie hätte, muss er am samstag besorgungen machen, danach betreibt er dann sport? vieles läuft da schief, auch wenn es den menschen durchaus bewusst ist. das geht mir genau so und ich muss sehr oft um die zeit kämpfen. auch für meine eigenzeit. wenn ich innerlich nicht ausgeruht bin, kann ich auch nichts geben.

in der natur passiert alles zyklisch. es gibt zwar ständig veränderung, jedoch in einer geordneten form innerhalb der jahreszeiten. ließe sich dieses naturgegebene „ritual der veränderung“ nicht auch stärker auf das menschliche leben übertragen, sozusagen als regulativ, das uns vor negativen tendenzen schützt?

ich bin ein mensch, der sehr stark rituale pflegt. das regelmäßige essen, meine ruhe-rituale oder mein tägliches, persönliches ritual auf meinem kleinen teich mit den molchen zu blicken. das sind sehr zentrale lebensrituale. mir reichen oft schon fünf minuten aus, um kraft für den tag zu sammeln.

bei der zeit geht es ja auch um genuss, um stille ...

genuss ist immer etwas, das einem gut tut, was man bewusst erlebt. wer nicht für sich selbst genießt, ist selbst ungenießbar. sich zeit nehmen für andere menschen ist da auch sehr wichtig. um den spruch „zeit ist geld“ zu entkräften: „geld ist vermehrbar, zeit nicht.“

was sagen sie zum thema zeitlosigkeit?

selbst die teuersten autos sind heute im schnitt nur auf 15 jahre ausgerichtet. ich möchte zeitlose produkte machen. dinge, die über meinen tod hinaus bestand haben und mindestens zwei generationen erfreuen. ich bin sehr froh, zeitlose uhren zu machen, welche ich als stilistische zeitzeugen sehe. wenn ich mir überlege, wie die alten griechen ihre säulen gestaltet haben und diese heute noch als schön und modern gelten, so relativiert sich jede mode und jeder trend.

gerade in der mode- und lebensstil-industrie tauchen alle jahre wieder „alte“ designs und produkte auf. man spricht von rund sieben jahren, wonach vergangene trends wiederkehren - woran liegt das?

diesen aspekt würde ich als stärke von chronoswiss definieren. wir greifen die formsprache der vergangenheit als neue kombinationsmöglichkeit auf, nicht als kopie: rundungen aus der griechischen architektur, art déco und ähnliches. wir versuchen dies in form eines sehr angenehmen, beruhigenden designs umzusetzen. wir orientieren uns da sehr an überlieferten konzepten, nicht so sehr an dekorativen und lauten stilelementen der jetztzeit.

helmut wolf
pool journal