19
 
   
photo: tiffany and company
the elegance of silence
die eine wandert ins gefängnis, die andere fährt betrunken auto, die nächste hungert sich medienwirksam dem tod entgegen, die übernächste lässt sich beim kokain-konsum filmen. kein wunder, dass die aktuellen stars als stilikonen wenig taugen – ganz anders ihre vorgängerinnen.

eigentlich spricht alles in der mode gegen „stille“ idole. wer in der heutigen zeit auffallen will, muss laut sein – sehr laut sogar. um im überangebot zu bestehen und den wettkampf um die aufmerksamkeit der medien für sich zu entscheiden, müssen sich die marken schon einiges einfallen lassen. so wie john galliano, der für dior jede saison immer noch schrillere catwalkschauen inszeniert. oder dsquared, deren modeschauen von dröhnenden beats geprägt sind und immer mehr aufsehenerregende hingucker bieten. ein zirkus, der fast ausschließlich für die medien inszeniert wird. denn kaufen kann man diese „lauten“ catwalkkreationen kaum – als pure showpieces werden sie nicht für die kunden sondern für fotografen und fernsehkameras entworfen.

doch es gibt einen anderen weg. einen, der deutlich leisere töne anschlägt. und wie die antithese zu dem starrummel und dem buhlen um aufmerksamkeit auftritt. die aushängeschilder und idealfrauen, die diesem weg folgen, finden sich nicht in den gazetten, die das neueste aus „tinseltown“ mit großen schlagzeilen verkünden. ihre abbilder finden sich bestenfalls in den archiven alter gesellschaftsmagazine, wo jahrhundertschönheiten wie grace kelly oder audrey hepburn sorgfältig inszeniert wurden. meister der couture lieferten die eigens angefertigten kleider, meister der fotografie konzipierten aufwändige bilder, ehe auf den auslöser gedrückt wurde. heute begegnet uns die erinnerung an die unnahbaren schönheiten in prächtigen bildbänden. bild für bild: perfektion, raffinesse, und dieses gewisse understatement! die vierfache oscar-gewinnerin katharine hepburn fragte einst: „was macht einen star aus?“ die antwort gab sie prompt selbst: „es ist entweder eine art elektrisierender spannung oder eine art von energie. ich weiß es nicht genau. aber egal, was es ist: ich habe es!“ trotz ihrem berüchtigten selbstbewusstsein war die filmdiva gerade wegen ihres schweigens so mysteriös. die große liebe, die sie mit ihrem kollegen spencer tracy verband, hielt sie bis zu dessen tod geheim – aus rücksicht auf die familie ihres partners. und wenn tommy hilfiger in dem vorwort des bildbandes „grace kelly“ aus dem henschel verlag von der späteren fürstin als „richtige frau“ spricht, dann drückt er damit auch das bedürfnis der mode nach vorbildern wie ihr aus. die liste der designer, die sich dieser sehnsucht mit ihren kollektionen anschließt, ist lange und von beeindruckender prominenz geprägt. doch diese ideale sind meist schnell vergessen, präsentiert sich die mode dieser kreateure heute doch meist am körper der frauen, denen vornehme zurückhaltung und stilsicheres auftreten nicht nachgesagt werden kann.

doch es gibt auch andere exempel in der mode. so sind zum beispiel die wichtigsten aktuellen protagonisten der männermode bekanntermaßen schüchtern. raf simons, neuer chefdesigner von jil sander, musste erst langwierig von seinem neuen arbeitgeber überzeugt werden, sich fotografieren zu lassen. auf alten bildern, die man von dem zurückhaltenden belgier kennt, ist er stets durch motorradhelme oder andere utensilien nahezu unkenntlich gemacht. sein konzentriertes, unaufdringliches wesen passt perfekt zu der mode, die er nun für die einstige königin der stille, jil sander, entwirft. feinfühlige kreationen, die zwar manchmal shocking-blau oder neon-gelb sind, aber sonst keine effekthascherei betreiben. auch hedi slimane, vor kurzem bei dior homme ausgeschieden, und sein nachfolger kris van assche sind bekannt für ihre scheue und diskretion. noch viel häufiger als unter den designerbrands findet man bei kleinen und mittelständischen labels diese tugend, kein aufgeregtes geschrei um mode zu machen. ob der für seinen humanitären ansatz bekannte „franziskaner des cashmere“ brunello cucinelli oder skandinavische brands wie filippa k oder tiger of sweden. dass man auch ohne allüren seinen platz in der mode findet, beweisen all diese beispiele. und ihre träger zeigen, dass es einem wachsenden anteil an menschen schlicht genau so wenig bedeutet, um jeden preis aufzufallen.

buchempfehlungen:
grace kelly, henschel verlag, yann-brice dherbier (ed.),
isbn: isbn 3-89487-570-4
audrey hepburn, henschel verlag, yann-brice dherbier (ed.),
isbn: 978-3-89487-581-7

martina müllner
pool journal